Der Bahnhof von Finnentrop von Christian Linder, 2008, Matthes&SeitzDer Bahnhof von Finnentrop.
Eine Reise ins Carl-Schmitt-Land von Christian Linder (2008,
Verlag Matthes&Seitz)
Besprechung von Ulrich Teusch in Neue Zürcher Zeitung vom 20.08.2008:

Gefährlicher Geist und Freund der Mosel
Zwei Studien zu Leben, Werk und Wirkung des konservativen Staatsrechtlers Carl Schmitt

Carl Schmitt war ein Freund der Mosel. Er fühle sich diesem Fluss sogar wesensverwandt, versicherte er 1950, denn auch er sei defensiv, langsam, geräuschlos, nachgiebig. Schwer zu glauben: Schmitt, ein Mann, der zeitlebens auf der Suche nach neuen, veritablen Feinden war und darüber des Öfteren zu vergessen schien, dass zur Dialektik nicht nur die Antithese, sondern auch die Synthese gehört, ausgerechnet dieser Mann glaubte jenem Fluss zu ähneln, der sich in unzähligen Windungen und ohne je die offene Konfrontation mit den zahlreich vorhandenen Hindernissen zu suchen, seinem Ziele entgegenschlängelt.

Selbststilisierung

Man sieht: Carl Schmitt war ein Meister der Selbstdarstellung und -stilisierung. Hinter vielem, was der einst als «Kronjurist des Dritten Reiches» gehandelte Autor nach seiner 1947 erfolgten Haftentlassung sagte, tat und schrieb, stand nicht zuletzt die Absicht, seine moralisch wie intellektuell aufs Schwerste diskreditierte Person in einem günstigeren Licht erscheinen zu lassen. Der Erfolg war beachtlich. Glaubt man Christian Linder, dann ist Carl Schmitt inzwischen der weltweit meistdiskutierte deutsche «Gegenwartsdenker». Wie andere, so legt auch Linder nahe, dass der nach dem Krieg mit einem lebenslangen Lehrverbot belegte Autor heute zu den Klassikern des politischen Denkens gezählt werden müsse. Dies plausibel zu machen, scheint allerdings nicht sein eigentliches Anliegen zu sein. Vielmehr wagt Lindner einen frischen Blick auf die Zusammenhänge von Schmitts Denken, Schreiben und Leben. Entstanden ist ein geradezu virtuoses Buch, eine Mischung aus historischer Reportage und Zitatcollage, illustriert durch zahlreiche Schwarzweissfotos. Obwohl keineswegs unkritisch, ist es doch von unverkennbarer Sympathie, zumindest Empathie geprägt. Carl Schmitts Freunde – aber nicht nur sie – dürften hier auf ihre Kosten kommen.

Dass sich Schmitt auch nach seinem Rückzug in die sauerländische Provinz nicht aus den politisch-intellektuellen Debatten verabschieden musste, war nicht zuletzt das Verdienst seiner zahlreichen Schüler und Freunde. Die Netzwerke und Seilschaften, die sich im Laufe der fünfziger Jahre bildeten und bewährten, hat Dirk van Laak in seiner 1993 vorgelegten Dissertation «Gespräche in der Sicherheit des Schweigens» minuziös beschrieben. Die zehn Jahre später zunächst in den USA veröffentlichte und jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegende Untersuchung von Jan-Werner Müller knüpft hier an, allerdings liegt ihr ein primär philosophisches Interesse zugrunde. Auch geht sie sowohl zeitlich wie räumlich weit über die Vorgängerstudie hinaus: Ihr Gegenstand ist die Schmitt-Rezeption der letzten sechs Jahrzehnte in Deutschland, Westeuropa, ansatzweise auch den Vereinigten Staaten – eine Tour d'Horizon also, ein faszinierender Streifzug durch eine intellektuell-politische Landschaft, die nur wenigen in der von Müller präsentierten Vielgestaltigkeit vertraut sein dürfte. Ihren potenziellen Gebrauchswert als Kompendium verliert die Untersuchung allerdings leider dadurch, dass ihr – ein kaum begreifliches Manko – weder ein Literaturverzeichnis noch ein Personenregister beigegeben sind.

Müller schreibt aus der Perspektive eines philosophischen und politischen Liberalismus und also einer Denkströmung, die von Schmitt stets bekämpft wurde, wobei Schmitt sich – wiewohl «Dezisionist» – nie so recht entscheiden konnte, ob der Liberalismus an seiner mutmasslichen politischen Impotenz oder seiner angeblichen moralischen Scheinheiligkeit zugrunde gehen müsse. Auf das beliebte Spiel des wechselseitigen Demaskierens, das die Schmittianer wie auch ihre Gegner so gerne betrieben, lässt sich Müller erfreulicherweise nicht ein. Es dominiert das sachlich begründete, nüchterne Urteil.

Approbierter Meisterdenker?

Es ist kaum möglich, die Vielzahl der in der Untersuchung identifizierten Rezeptionslinien Schmittschen Denkens und die dabei zutage geförderten Befunde zu rekapitulieren. Das beeindruckende Spektrum der Darstellung reicht von den Schriften der noch unmittelbar von Schmitt geprägten Juristen, wie Werner Weber oder Ernst Forsthoff, über Schmitts Austausch mit einzelnen europäischen Gelehrten, wie Alexandre Kojève, Raymond Aron oder Hans Blumenberg, bis hin zur kritisch-konstruktiven Schmitt-Rezeption durch konkurrierende Denkströmungen, wie insbesondere den Kreis um den Münsteraner Philosophen Joachim Ritter. Dem eher akademischen Interesse an Schmitt stand das politische stets gleichrangig zur Seite: Man denke an des konservativen Staatsrechtlers Wertschätzung im Spanien Francos oder in neueren rechtspopulistischen Bewegungen; ebenso – wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen – an seine Entdeckung durch die studentische Linke, später durch postmarxistische Intellektuelle.

Soweit man von einer wirklich produktiven Aneignung Schmittscher Gedanken sprechen kann, ist sie vor allem von jenen geleistet worden, die Müller als «feindliche Nachfolger» bezeichnet. Das sind Autoren, die zwar Schmitts Diagnosen partiell teilten, aber nach anderen Antworten auf die mit ihnen verbundenen Fragen suchten. Gleichsam komplementär hierzu kann man feststellen, dass so mancher «Anhänger» Schmitts umso überzeugender und plausibler argumentierte, je mehr er sich von den Dogmen des Meisters zu befreien oder diese subtil zu modernisieren wusste – der Verfassungsrechtler Böckenförde mag als Beispiel dienen.

Selektive Wahrnehmung

Derartige Phänomene relativieren die angebliche Wirkungsmacht Schmitts ebenso wie die Tatsache, dass Schmitt insbesondere in politischen Kontexten vielfach nur selektiv wahrgenommen, vordergründig instrumentalisiert oder schlicht missverstanden wurde; das Ergebnis waren oft bizarre ideologische Mixturen. – Vorläufig kann schwerlich die Rede davon sein, dass Schmittsches Denken auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft oder ins Zentrum der akademischen Diskurse sei. Dazu ist in den Werken Carl Schmitts – wie auch in denen mancher seiner Parteigänger – denn doch vieles zu spekulativ.

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