Der Außenseiter von Sadie Jones, 2008, Schöffling1.) - 2.)

Der Außenseiter.
Roman von Sadie Jones (2008, Schöffling&Co. - Übertragung Brigitte Walitzke).
Besprechung von Carsten Hueck im Deutschlandradio vom 13.08.2008:

Alles andere als ländliche Idylle
In Großbritannien ist er einer der größten Verkaufserfolge dieses Sommers. In ihrem Debütroman "Der Außenseiter" schreibt die Britin Sadie Jones vom gleichförmigen Leben auf dem Land im England der 50er Jahre. Der Anti-Held ihrer Geschichte konterkariert die korrupte Gemeinschaft, die ihn umgibt, ohne selbst makellos zu sein.

"The outcast", "Der Außenseiter", heißt der Debütroman der 40-jährigen Britin Sadie Jones. In Großbritannien einer der größten Verkaufserfolge dieses Sommers, erscheint der Roman nun auch in Deutschland. Die Autorin, Tochter eines in Jamaica geborenen Schriftstellers und einer englischen Schauspielerin, wuchs in London auf. Die Handlung ihrer Geschichte siedelt sie unweit der britischen Metropole, im Milieu der "landed gentry" an: In der südenglischen Grafschaft Surrey, die bekannt ist für landschaftliche Schönheit und den Wohlstand ihrer Einwohner. Häufig arbeiten diese als Pendler in London und pflegen nach Feierabend ein beschauliches Landleben.
So auch im Roman von Sadie Jones.

Sie führt den Leser zurück in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, das Kleinstadtleben auf dem Land von festen Ritualen geprägt - Routine zwischen Wochenendkirchgang und abendlichen Cocktails. Die Autorin entwirft das facettenreiche Geflecht einer konformen Gesellschaft, die nach außen hin keine Abweichungen duldet. Man spielt regelmäßig Tennis, lädt sich ein, plaudert nett und belanglos, kaschiert berufliche Abhängigkeiten mit oberflächlicher Kumpanei. Dabei sind jedoch genauso Ausbrüche sadistischer und masochistischer Gewalt, Einsamkeit und Alkoholismus feste Bestandteile im Familienalltag der Protagonisten.

Am faszinierendsten ist Lewis, der Anti-Held der Geschichte. Er konterkariert die verlogene und korrupte Gemeinschaft, die ihn umgibt, ohne selbst makellos zu sein. Im Alter von zehn Jahren hat Lewis bei einem Badeunfall seine Mutter verloren. Für Trauer, Ohnmacht, Wut und Verzweiflung jedoch gab es nie Raum. Schuldgefühle und die Unnahbarkeit seines Vaters quälen ihn zusätzlich. Er fühlt sich fremd in der Welt. Nachbarn und Verwandte behandeln den verschlossenen Jungen wie einen Außenseiter. Dementsprechend empfindet sich Lewis als solcher. Er neigt zu Gewaltausbrüchen. Beginnt zu trinken und ritzt sich in autoaggressiven Schüben wiederholt die Arme auf. Als er eines Tages die Kirche des Ortes in Brand setzt, wird er verhaftet und für zwei Jahre ins Gefängnis gesperrt. Nach seiner Rückkehr ist er fest entschlossen, ein angepasstes Leben zu führen. Aber nicht nur die Affäre mit seiner Stiefmutter lässt die Situation erneut eskalieren.

Sadie Jones folgt mit ihrem Roman einer Traditionslinie, die vom psychologisch-realistischen Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts bis zu den dramatischen Erzählungen Ian McEwans verläuft. Aus der Position der allwissenden Erzählerin schildert sie die Gefühle des persönlichkeitsgestörten Lewis und seines um einige Jahre jüngeren, weiblichen Pendants Kit ebenso subtil und überzeugend wie die seelischen Qualen der Erwachsenen.

Die Autorin beschreibt die Vorgänge aus der Perspektive ihrer Figuren, ohne als deren Schöpferin den Überblick zu verlieren. Immer wieder überrascht sie mit neuen Wendungen, so dass auf über 400 Seiten keine Sekunde Langeweile aufkommt. Psychologisch konsequent entwickeln sich ihre Protagonisten, und selbst Nebenfiguren erhalten ein eindrückliches Profil. Häufig offenbaren schon einzelne Sätze die Tiefendimension einer Szene, reißen schlagartig Bedeutungshintergründe auf. Sadie Jones' Landschafts- und Stimmungsschilderungen ziehen in den Bann, ihre Dialoge sind klar konturiert und dabei voller Leben. Kein Wort zuviel, keines zu wenig. Es ist nicht verwunderlich, dass Sadie Jones mit ihren Drehbüchern nie Erfolgt gehabt hat. Wer so schreibt, ist einfach zu gut fürs Kino.

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Der Außenseiter von Sadie Jones, 2008, Schöffling2.)

Der Außenseiter.
Roman von Sadie Jones (2008, Schöffling&Co. - Übertragung Brigitte Walitzke).
Besprechung von Fitzgerald Kusz in den Nürnberger Nachrichten vom 8.9.2008:

Sadie Jones’ melodramatisches Debüt «Der Außenseiter»
Der Roman als Vorgeschmack auf ein Kino-Ereignis: Familientragödie in der englischen Provinz

Als ein Melodram mit den Ingredienzien eines Drehbuchs erweist sich Sadie Jones’ Roman-Debüt «Der Außenseiter».

Seit Ian McEwans Welterfolg «Abbitte» widmet sich der englische Roman der nostalgischen Verklärung der Vergangenheit. Der Roman tritt in Konkurrenz zum Kino. Das hat Rück-wirkungen auf die Form des Romans. Geschichten werden nur noch im Hinblick auf eine spätere Verfilmbarkeit geschrieben. Man bedient sich der Form des Melodrams, dessen wichtigstes Stilmittel die Verklärung ist. Der Realismus, für den der englische Roman zu Recht gerühmt wurde, bleibt dabei auf der Strecke.

Ein Paradebeispiel für diesen neuen Trend ist das von den Verkaufszahlen her in England sehr erfolgreiche Roman-Debüt «Der Außenseiter» von Sadie Jones, die vor ihrem Erstling ausschließlich Drehbücher verfasst hat. Ihr Roman liest sich dementsprechend. Ein Melodram mit allen Ingredienzien dieses Genres. Da darf natürlich in der Exposition die Katastrophe nicht fehlen, die die tragische Handlung in Gang setzt, und am Schuss die Hoffnung auf Erlösung durch die Liebe.

Roman setzt in Nachkriegszeit an

Worum geht’s? Der Roman beginnt mit der Nachkriegszeit, als England schwer unter der Rationierung zu leiden hatte. Im Mittelpunkt steht die Familie Aldrigde, die in dem nicht allzu weit von London entfernten Provinznest Waterford lebt. Vater Gilbert ist soeben aus dem Krieg zurückgekommen. Sein Sohn Lewis ist, kriegsbedingt, extrem mutterfixiert. Bei einem Badeunfall am Fluss kommt Lewis Mutter ums Leben. Lewis ist gerade zehn Jahre alt.

Von da an ist für ihn nichts mehr so, wie es einmal war. Lewis kommt mit seinem Leben nicht mehr klar. Sein Vater heiratet wenige Monate später die junge Alice. Doch Lewis kann die neue Frau an Vaters Seite nicht akzeptieren. Er kommt sich wie ein Fremder im eigenen Haus vor, tröstet sich mit Alkohol, haut heimlich in einen Jazzclub nach London ab, erliegt den Verlockungen dieser fremden Welt. Lewis Trauer und Zorn entladen sich schließlich in einer furchtbaren Katastrophe.

Ein gebrochener Mensch

Er zündet die Kirche des Ortes an und kommt dafür ins Gefängnis. Nach zwei Jahren wird er entlassen: ein gebrochener Mensch, der aus der Bahn geworfen wurde. Von seiner Umgebung wird er als gefährlicher Krimineller betrachtet. Es kommt zu einer ganzen Reihe von Vorfällen. Lewis schrammt haarscharf an einer zweiten Einlieferung ins Gefängnis vorbei. Sadie Jones reizt alle dramaturgischen Möglichkeiten bis zum Äußersten aus, bis das Melodram wieder die Oberhand über die Geschichte gewinnt: Lewis´ Jugendfreundin Kit, die ihn immer geliebt hat, wird ihn mit der alles heilenden Kraft ihrer Liebe erlösen. Ein Filmschluss, wie er im Drehbuch steht.

Der Roman ist kein Sprachkunstwerk mehr, nur noch ein «Vorab-Film», eine Vorschau auf das unaufhaltsam auf uns zukommende Kino-Ereignis. Da ist dann die Literaturkritik auch völlig fehl am Platz. In einer Frauenzeitschrift fand man Sadie Jones Roman deswegen auch gleich «zum Heulen schön.» Film ab!

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