Der Augenblick der Liebe von Martin Walser, 2004, Rowohlt1.) - 5.)

Der Augenblick der Liebe.
Roman von Martin Walser (2004, Rowohlt).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 19.7.2004:

Der neue Walser ist der alte
Mit dem Roman "Der Augenblick der Liebe" wendet sich der Altmeister wieder einem früheren Helden zu - und seinem Leib- und Magenthema, der gutbürgerlichen Seelennot.

Man war ja doch gespannt, ob Martin Walser noch einen Walser schreiben konnte. Nicht so eine politische Oralkeule wie seine Friedenspreis-Rede (1998), nicht so ein grenzwertiges Rollenprosa-Experiment wie den "Lebenslauf der Liebe" (2001). Und schon gar nicht so eine wohlkalkulierte Polemik zu Skandalzwecken wie den "Tod eines Kritikers" (2002). Da ist es nicht ohne Ironie, dass der neue Walser, der sich tatsächlich genauso liest wie ein alter Walser, der erste Walser ist, der jetzt nach 48 Jahren Suhrkamp-Treue im Rowohlt Verlag erscheint: "Der Augenblick der Liebe".

Der Freizeit-Philosoph und die Studentin

Der 77-Jährige wollte mit aller Macht zurück zu sich selbst: Gottlieb Zürn, der im "Augenblick der Liebe" einen Ausflug in den siebten Altmänner-Himmel geschenkt bekommt, ist ein alter Bekannter aus dem Walser-Universum. Seit den Romanen "Das Schwanenhaus" und "Jagd" gehört er zu Walsers Helden der Niederlage. An ihren Verbiegungen, an den Krümmungen ihrer Seelen und Körper war jener Druck abzulesen, der in der alten "Bunzreplik" fast unscheinbar das Getriebe auf Touren brachte. Heute wird der Druck, der nun ganz offen hämmernd und pfeifend zutage tritt, Globalisierung genannt, damit keiner an Frühkapitalismus denkt.

Aber Gottlieb Zürn hat ja ohnehin längst aufgehört mit dem Immobilienmakeln und sich eingerichtet im "Glück des Unterlegenen", das er sich einredet wie andere ihre Unersetzlichkeit. Zürn hat zum Zeitvertreib mal zwei Aufsätze über den radikalmaterialistischen Philosophen La Mettrie (1709-1751, "Die Maschine Mensch") verfasst. Derart beeindruckende Aufsätze, man muss es Walser wohl glauben, dass eine amerikanische Studentin übern Teich geflogen kommt, um den Verfasser auf seiner heimischen Terrasse in Augenschein zu nehmen. Die Folge: beiderseits heftig aufflammende Zuneigung, auch wenn Zürn anfangs zögert. 40 Jahre Altersunterschied? Ach was, da übertreibt seine Frau doch glatt um ein, zwei Jahre!

Zürn fliegt in die USA, fliegt geschmeichelt auf die Studentin, fliegt vorzeitig wieder zu seiner Frau heim, will wieder in die USA... - Walser inszeniert das gutbürgerlich verknallte Hasenherz, das mit seinen gelegentlichen Mut-Anfällen zwischen Geborgenheit und Abenteuer hin und her hüpft, peinlich genau. Das kann er wie keiner sonst: die Seele des Mittelmenschen freilegen, der weiß, dass er nicht Mitte, sondern Mittel ist. Der vor lauter Anpassung und Zwang am liebsten "um sich schlagen" und "endlich einmal rücksichtslos sein" möchte - und es nicht kann: "Sich als Hochstapler zu empfinden ist eine Form der Bescheidenheit."

Ja, so sind wir, und die anderen sind Chef.

Aber dann kommt doch noch sonntagsredliches Unbehagen an der deutschen Schuldkultur ins Spiel. Gottlieb Zürn läuft in den USA mit einem Vortrag über La Mettrie vor die Wand, weil er die Gewissenskritik des Philosophen nachvollzieht. Er versuche ja nur, "die Deutschen aus ihrer von ihnen selbst verschuldeten Schuld zu erlösen", muss sich der arglose, überraschte Zürn anhören. Ihm erscheint das wie ein bösartiger Streich von intellektuellen Spiegelfechtern. Es ist aber zugleich ein Absturz, wie er dem Bewohner eines Präsentiertellerrands passiert, wenn er nur nach innen schaut.

Der Roman liefert Walsers besten Erklärungsversuch für das, was sich vor und nach seiner Paulskirchen-Rede abgespielt hat. Er leistet sich etliche Längen und feine Ironien, schöne Blickwinkel und viel erzählerische Zärtlichkeit. Es ist die reinste Walserei.

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Der Augenblick der Liebe von Martin Walser, 2004, Rowohlt2.)

Der Augenblick der Liebe.
Roman von Martin Walser (2004, Rowohlt).
Besprechung von Ursula März aus der Frankfurter Rundschau, 23.7.2004:

Überforderung durch Triebstau
Ein jeder Ehebruch ziehet vorüber: Martin Walsers neuer Roman "Der Augenblick der Liebe" ist eine Wiedersehensparty mit bekannten Namen, Figuren und Motiven

Was für ein Wiedersehen! Da wäre zunächst Herr Gottlieb Zürn, den wir aus den Romanen Das Schwanenhaus und Die Jagd kennen, aus einer Schaffenszeit Martin Walsers, die gut zwanzig Jahre zurückliegt. Zürn, als Bewohner eines Anwesens am Bodensee und als Vater von vier Töchtern ein knapp verhüllendes Alter Ego seines Erfinders Walser, lebt nach wie von der Immobilienmaklerei seiner tüchtigen Frau, ist außerdem Privatgelehrter und neigt nach wie vor zur permanenten Seelenschwankung zwischen Kläglichkeit und feindschaftsbildendem Furor. Wütender Nihilismus, gesteigerter Befreiungsdrang von jeder Art Norm und kulturell-moralischer Vereinbarung kommen neuerdings dazu. Dann wäre da Beate Gutbrod. Wir kennen sie als (Phantasie-)Figur der saturnischen Erlöserin, die unter anderem im Roman Tod eines Kritikers auftaucht.

Beate Gutbrod ist vier Jahrzehnte jünger als Zürn. Sie hat eine Doktorandenstelle am Philosophie-Department der Universität von North Carolina in Chapell Hill und promoviert über den französischen Arzt und Philosophen Julien Offray de La Mettrie. Auch Zürn schrieb vor Jahren zwei Aufsätze über La Mettrie. Deshalb sitzt Beate Gutbrod eines Tages auf Zürns Terrasse am Bodensee. Worte, Blicke, erste erotische Flämmchen gehen hin und her, Zürns Ehefrau Anna sitzt auch dabei: Es ist die Ausgangsszene des neuen Romans von Martin Walser und die Ausgangslage der Romanhandlung.

Dieses Setting kennen wir aus der literarischen Walser-Werkstatt natürlich erst recht. Dann wäre da die Amerikareise des Protagonisten. Kennen wir. Zuletzt aus Meßmers Reisen. Gottlieb Zürn und Beate Gutbrod steigern sich - so der narrative Hergang - über ein dreiviertel Jahr hinweg in eine transatlantische, aus Briefen und Telefonaten bestehende Affäre, die sich in der zweiten Romanhälfte konkretisiert. Zürn fährt in die USA, als Referent eines kalifornischen La-Mettrie-Kongresses. Apropos USA: Dass dort der geheime Antipode dieses Romans zu Hause ist, Philipp Roth, der in seinen beiden letzten Büchern ebenfalls über ein durch vier Lebensjahrzehnte getrenntes Paar schrieb und die Antipodenrolle bereits in Tod eines Kritikers einnahm - wir wissen es.

La Mettrie, steh uns bei

Was sich im Bett zwischen Beate Gutbrod und Gottlieb Zürn abspielt - wir ahnen es. Bei der Darstellung der Schnittmenge von Wollust und Hanswurstiade ist Walser seit je verlässlich. Was sich dann auf dem Kongress selbst abspielt, wo Zürn während seines Vortrags von einem selbstzensierenden Stimmbandversagen heimgesucht wird - das kennen wir, und wie. Denn in Zürns Auftritt feiert die Hauptszene der Walser'schen Skandalchronik, die Paulskirchenrede, ein anheimelndes Comeback. Zürn spricht über Schuldmoral, über Schuldgefühl, diese Zumutung der christlich-jüdischen Tradition und handelt sich die reflexhafte Empörung des Publikums ein. Er sieht sich als "deutschen Schuldleugner" stigmatisiert und missverstanden. Er begreift, dass ein Deutscher immer und überall in erster Linie ein historisch belasteter Deutscher zu sein hat und erst in zweiter Linie Mensch. Wem dieser Gedankengang neu ist, hat bis gestern den Namen Martin Walser noch nie gehört.

Eingeladen zur Wiedersehensparty seines Romans hat Walser auch den jüdischen Doktor Freud (Beate Gutbrod und ihre amerikanischen Kollegen sind fleißige Analysanden), über dessen Kopf hinweg Walser der Antisemitismus-Debatte zuzwinkert. Schon seltsam, wie sich hier ein tiefes Unbehagen an der Kultur mit tiefem narzisstischem Behagen an der eigenen kulturellen Rolle paart. Ja, ein seltsames, etwas schwindelerregendes Erlebnis bietet die Lektüre des Augenblicks der Liebe insgesamt. Seite um Seite empfindet man sich weniger als Besucher eines produktiv-autonomen Romankunstwerks denn als Besucher eines regressiv-mimetischen Legolandes der Walser-Welt, die ja beileibe nicht nur aus Literatur besteht, sondern die turbulente Szenerie des Öffentlichkeitsphänomens Walser einschließt. Walser hat, streng betrachtet, keinen neuen Roman geschrieben. Er hat eine Vitrine bestückt, die einem Roman ähnlich sieht. Wir sehen hier den Schriftsteller als Dekorateur seiner selbst, und das in dem ersten Buch, das er nicht mehr bei seinem Haus- und Heimatverlag Suhrkamp, sondern bei Rowohlt veröffentlicht.

Verstanden werden möchte Der Augenblick der Liebe indes als philosophischer Roman mit starkem Traktatanteil. Für diesen verpflichtet Walser eben La Mettrie, einen Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts, geschmäht, verfolgt im Heimatland, dem er in den Schutz Friedrich II. entfloh. La Mettries Schriften (Die Kunst, Wollust zu empfinden, Über das Glück oder das höchste Gut. Anti-Seneca, Der Mensch als Maschine) erhitzt der Autor zum einen als Treibhaus für die sexuellen Phantasien der jungen Frau Gutbrod und des alten Herrn Zürn. Und er aktiviert diese Schriften als Stellvertreterkommentar seiner persönlichen, polemischen, häretischen Weltsicht. Anti-Monotheismus ("ich brauche keinen Mastergott"), Anti-Moralismus und schierer Zorn auf die Verbotsdoktrin bilden den Kern dieser Weltsicht. Von La Mettrie leihen sich Walser und Zürn, der als Gelehrter unter dem Pseudonym Wendelin Krall auftritt, auch den philosophischen Gegenvorschlag: einen spiritualisierten Naturmaterialismus vorchristlicher Prägung, der nichts ausschließt, nichts verbietet, der jeden Triebimpuls zulässt und - hier befinden wir uns hautnah am Walser'schen Privattrotz - keinen Gedankenimpuls zensiert. Wir sehen den 77jährigen deutschen Schriftsteller Martin Walser im unbefriedbaren Ödipalkampf gegen jedwede Zwänge von Schuld, Schuld-gefühl, kultureller Ordnungsvereinbarung und autoritärer Ordnungsinstanz.

Anna, Beate, Anna, Beate, Anna...

Verstanden werden will Der Augenblick der Liebe zudem als lebensphilophische Auseinandersetzung. Denn es zieht Herrn Zürn nicht einfach nur hin zu Beate, der Frau mit dem sprechenden Vornamen. Es zieht ihn aus dem Bett, wo Beate Gutbrod in der Tat viel dummes Zeug redet und einen nervenden Hang zu Überfall und sexueller Belagerung entwickelt; es zieht Zürn ziemlich bald wieder zurück zu Ehefrau Anna. Von der freien Liebschaft in die bürgerliche Gewohnheitsbahn der Ehe: das übliche Hin und Her also. Hin und Her auch zwischen La Mettrie und (ganz am Ende) Pascal, dem Philosophen der religiösen Kehre.

In der letzten Szene des Romans unternimmt das Ehepaar Zürn einen trauten Segelausflug auf dem Bodensee. Weil Gottlieb Zürn zu Pascal und mit Pascal zur frommen Alterswürde gefunden hat? Oder schlichtweg, weil der Erzähler, wie oft bei Walser auf die Kunst der Narration den geringsten Ehrgeiz verwendend, seine Geschichte in den Groschenroman segeln lässt? Just als Zürn entschlossen ist, noch einmal dem Beatetrieb zu folgen und ein zweites Mal nach Amerika aufzubrechen, kommt von dort ein Brief an den Bodensee, der Beate Gutbrods Vermählung mitteilt. Es ist einer von vielen albernen Einfällen dieses Buches, das seinen Spaß an Blödelei, Kolportage, sketchhaften Auftritten und Szenen auch keineswegs kaschiert. Die gehobene Gesellschaftsblödelei war schließlich immer eine gewisse Stärke Walsers.

Nur: In diesem Buch ist Albernheit gleichsam strukturell. Wer je einen albernen Kicheranfall hatte, weiß, dass dieser, im Unterschied zum Witz und zur Humorerzählung, keinen Anlass, keinen Gegenstand, das heißt: keine Erfindung braucht. Albernheit ergibt sich unendlich aus sich selbst und kann endlos weitergehen. Sie ist anarchisch, aber unproduktiv. Die Albernheit dieses Romans, in dem letztlich nichts anderes vonstatten geht als eine Selbstumarmung Martin Walsers, ist ein Resultat des narzisstischen Legoland-Charakters, der dem Roman eignet.

Von einem anderen Philosophen, von Immanuel Kant, stammt die Aussage: "Albern ist derjenige, der beständig faselt". Das umschreibt den seit je bestehenden Vorbehalt gegen Walsers ins Formlose, Entgrenzte gehendes, ökonomisch und geschmacklich oft desorientiertes Schreibtemperament. Dessen Rhetorik findet sich hier wieder. Das alles zu sagen ist schlimm. Denn dieses Buch ist nicht nur so oder so misslungen. Es ist genau genommen überflüssig.

Und das ist nicht undramatisch. Denn Martin Walser steht an der Schwelle zum hohen Alter. Mit Recht erwartet die Gesellschaft von einer solchen öffentlichen, intellektuellen Persönlichkeit die Statur der geistigen Autorität. Und gerade nicht dieses diffus antiautoritäre ich-will-alles-sagen-und-denken-dürfen-wie-ich-es-authentisch-ureigen-fühle-Gefuchtel. Die Bundesrepublik entbehrt repräsentationsfähiger, autoritätsfähiger intellektueller Figuren. Aber sie kultiviert das Gegenteil: die Figur im ewig unfertigen Entwicklungsstadium, das, anhaltend bis zur Weißhaarigkeit und darüber hinaus, zwangsläufig ins Schauspiel der Regression und der Albernheit übergeht. Insofern ist Martin Walser, unser kränkungserfahrenster und kränkungsbereitester Schriftsteller, eben doch ein typischer Vertreter der Bundesrepublik; beharrend auf den Wonnen der adoleszenten Suche. Ziehen wir einmal das philosophische Bruttogewicht von seinem neuen Roman ab und verengen den Blick aufs Netto. Dann sehen wir vor uns das Alterswerk eines Schriftstellers, der sich, als hätte er's gerade entdeckt, mit den männlichen Schwierigkeiten des Sichgehenlassens beim Oralsex befasst. Das ist so fürchterlich wie banal.

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Der Augenblick der Liebe von Martin Walser, 2004, Rowohlt3.)

Der Augenblick der Liebe.
Roman von Martin Walser (2004, Rowohlt).
Besprechung von Thomas Gross in Rheinischer Merkur, 24.07.2004:

Martin Walser erlebt mit seinem altbekannten Antihelden nun den „Augenblick der Liebe“
Spiel mit dem anderen Ich
Die literarische Figur bäumt sich gegen das Lebensende auf und sehnt sich nach einem letzten Neuanfang. Meint sich hier der Autor selbst?

Walser-Lesern ist der Name bekannt: Gottlieb Zürn heißt die Hauptfigur des neuen Romans „Der Augenblick der Liebe“; in derselben Eigenschaft begegnete er schon im „Schwanenhaus“ und in „Jagd“. Ein „Lebensidiot“, wie Martin Walser schreibt, einer der typischen Helden dieses Autors also, die man treffend als Unterlegenheitsspezialisten charakterisiert hat, das ist Zürn noch immer; doch den Beruf des Immobilienmaklers hat er aufgegeben. Jetzt, mit deutlich über 60 Lebensjahren, führt er für sich und seine Frau, die immer noch Anna heißt und das Maklergeschäft alleine weiter betreibt, den komfor tablen Haushalt; er kümmert sich um die Buchhaltung und widmet die verbleibende Zeit seiner Existenz als Privatgelehrter.

La-Mettrie-Experte ist er und hat diesem gemeinhin als Materialisten gekennzeichneten französischen Denker des 18. Jahrhunderts unter Pseudonym zwei Essays gewidmet. Deren Titel benennt La Mettries Zurückweisung der traditionellen Trennung von Leib und Seele, was Zürn wie Walser für bedeutsam halten, und kann außerdem als ironische Kritik an einer mehr und mehr auf Differenzierungen verzichtenden, dafür Anpassung fordernden Gegenwart gelesen werden: „Entsprechen ist alles“ heißt der eine, „Alles eins“ der andere. Doch die Veröffentlichung liegt lange zurück und hat für wenig Ruhm gesorgt.

Da muss es Zürn natürlich schmeicheln, dass er zu einem La-Mettrie-Kongress in die USA eingeladen wird und die Überbringerin der Einladung, die Doktorandin Beate, ihn nicht nur als Gelehrten bewundert. Anna oder Beate heißen für Zürn fortab die Alternativen. Nicht nur weil er Probleme mit dem Älterwerden hat, versucht er beide zu leben, will er das eine haben, ohne das andere zu lassen.

Angesichts des „einvernehmlichen Nichtssagens“ im Hause Zürn, der Stille als „Ausdruck vollkommener Harmonie“, mit der viele langjährige Ehen treffend charakterisiert sein dürften, angesichts von Annas naturmedizinischen Fähigkeiten auch, die noch jedes Zipperlein Gottliebs kurieren helfen und der Gattin einen leicht hexenhaften Charakter verleihen, ist bald klar, dass die Sache mit Beate Episode bleiben muss.

Dazu trägt auch die politische Korrektheit bei, denn Zürns Vortrag in den USA handelt von La Mettries Kritik des schlechten Gewissens, was prompt als unentschuldbarer Versuch eines Deutschen, die historische Schuld zu entschuldigen, empfunden wird und Empörung hervorruft. Also lesen wir von „Kommen, aber gehen“, von „Zusammenfinden“ und „Auseinander kommen“, wie es die Kapitelüberschriften formulieren. Und irgendwo dazwischen ist auch der Titel gebende Augenblick der Liebe zu finden, in der Beziehung zu Anna kehrt er sogar immer wieder, hervorgewühlt aus dem „verwitterten Ehegestein“.

Was das alles ist? Ein großer Altersroman ist es nicht, auch wenn das Altern, der vor Augen stehende Tod einen unerbittlichen, dem Leser nahe gehenden Ausdruck finden. Bescheidener kommt das Buch ja schon bezüglich des Umfangs daher. Es ist aber auch nie Altherrenprosa über Freuden des Johannistriebs. Ein weiterer Einblick in bundesrepublikanisches Biedermeier und die Natur der Ehe ist es, was für Walser ja fast schon selbstverständlich ist.

Daneben findet sich autobiografisch gefärbte Zeitkritik, denn was Zürn in den USA widerfährt, erinnert natürlich an die Reaktionen auf Walsers Friedenspreisrede von 1998. So stellt sich hier vielleicht noch mehr als in früheren Büchern die Frage, inwieweit dieser Gottlieb Zürn (wie ehedem auch die Helmut Halms oder Anselm Kristleins) Walsers Alter Ego ist.

Natürlich ist er es irgendwie, aber selbstverständlich nicht so unmittelbar, wie die Zeitschrift „Literaturen“ Glauben machen wollte, als sie das Gerücht streute, dieser Roman sei die Antwort auf Martina Zöllners Debüt „Bleibtreu“, in dem die Autorin eine Liebesbeziehung zu Walser verarbeitet habe.

Längst ist Walser zur literarischen Institution geworden, und das, siehe auch Grass und Christa Wolf, befördert offenbar die Tendenz, sich selber im gesellschaftlichen Kontext zum Thema zu machen; hier nun mag man dies in der erneuten Erörterung der Möglichkeit von deutscher Normalität finden. Doch kommt es recht spielerisch daher, trägt gar Züge des Grotesken, indem dem Vortragsredner Zürn gleich zu Beginn die Stimme versagt (wogegen Anna später natürlich ein Mittelchen weiß).

Überhaupt ist vieles – die Reflexionen über das Altern aber nicht – in eine wohltuende, fast schon altersmilde Ironie getaucht. Diese auszuprägen hat die skandalisierte, weil angeblich antisemitische Mediensatire „Tod eines Kritikers“ wohl kräftig mitgeholfen. Was findet man noch?

Typische Walser-Einsichten, wie man sie zuletzt in „Meßmers Reisen“ lesen konnte („Genau das, was man am allerliebsten sagen möchte, kann man am allerwenigsten sagen“). Es finden sich viele Reflexionen über die Sprache, über Wörter, die von Eheleuten gleichsam institutionalisiert werden („unglaublich“), oder über solche, die einem immer häufiger begegnen, obwohl oder weil ihr Begriffsumfang einigermaßen unscharf ist („Fan“).

Und schließlich ist da noch das immer währende, von dem Schriftsteller stets konsequent durchgehaltene Walsersche Unterwegssein zur Sprache, zum ultimativen Stil, wie auch Zürns Bewunderung für La Mettrie bestätigt: „Es gibt, was er gibt, nur in seinen Sätzen. Die Sätze bezeugen unmittelbar, aus welcher Erfahrung sie stammen.“

Das kennzeichnet ein Ideal. Wie nahe ihm Martin Walser kommt, belegen die besten Stellen seines Buches. Dieses ist vieles und manches nicht, gibt alles, was es ist, aber in einem erstaunlich einheitlichen Guss. Darauf kommt es an. Außerdem ist der Roman Walsers erster Titel bei Rowohlt: ein gelungener Einstand

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Der Augenblick der Liebe von Martin Walser, 2004, Rowohlt4.)

Der Augenblick der Liebe.
Roman von Martin Walser (2004, Rowohlt).
Besprechung von Andrea Köhler aus der Neue Zürcher Zeitung vom 24.7.2004:

Die Verteidigung der Sinne
Martin Walsers Roman «Der Augenblick der Liebe»

Der Augenblick der Liebe kommt auf Seite 43. Gottlieb Zürn hat in der Phantasie gerade seine Gattin umgebracht. Oder doch beinahe. Denn Gottlieb Zürn ist, wie sein Name sagt, gespalten. Er zürnt, und er ist lieb. Und weil er lieb ist, zürnt er mit sich selber. Das nennt man ein schlechtes Gewissen. So folgt der prompten Aufwallung der Schuldgefühle die Aufwallung der Liebe. Gottlieb nimmt seine Anna in die Arme und sagt, er habe sie noch nie so geliebt wie in diesem Augenblick. «In diesem Augenblick, sagte sie, wieso denn das? Es ist der Augenblick der Liebe, sagte er. Verstehst du? Nein, sagte sie. Gut, sagte er, küsste sie überallhin, nur nicht auf den Mund, und ging hinein, an seinen Schreibtisch, auf dem die Papiere für die Steuererklärung, übersichtlich geordnet, auf ihn warteten.» Erst kommt die Liebes-, dann die Steuererklärung. Ist das der Lebenslauf der Liebe?

Seine Helden, hat Martin Walser einmal geschrieben, müssten einen Beruf haben. Der Beruf sei wichtiger als der Name. Doch Walsers Zürns und Halms und Horns sind hauptberuflich Seelenarbeiter. Der älteste der Schmerzensmänner ist nun in Rente. Seine Frau führt die Geschäfte, er ist der Buchhalter ihrer Erfolge. Zürn rebelliert nicht mehr gegen einen Chef, er rebelliert gegen den Tod. Das Baden in Unterlegenheitsphantasien, das Auspolstern der Niederlagen ist dem Protest gewichen: «Endlich Schluss mit dieser Hinkrümmung an das Verlangbare.» So schreibt «Der Augenblick der Liebe» die beiden Gottlieb-Zürn-Romane «Das Schwanenhaus» und «Jagd» weiter und knüpft zugleich an «Brandung» an. «Brandung» ist Walsers bestes Buch. Martin Walser hat einige beste Bücher geschrieben. Sein jüngstes Werk gehört dazu.

Sommernachtstraum und Alterssatire

«Der Augenblick der Liebe» ist ein Sommernachtstraum und eine Alterssatire, ein transatlantisches Liebesduett zwischen einem zirka fünfundsechzigjährigen Mann und einer vierzig Jahre jüngeren Frau und eine eheliche Bodensee-Heimführung. Es ist ein Buch über Ehebruch und Liebesverrat, über das unverwüstliche Glücksverlangen und die unbeugsamen Schuldgefühle. Man könnte auch sagen, es ist ein Roman, geboren aus Schuldgefühlen. Gottlieb zürnt den Hütern des schlechten Gewissens. Er will «allen Trübsinn auf den Mangel an freier Freude am Geschlechtsleben» zurückführen. Sein Ziel: die Befreiung der Sinne, sein Kronzeuge: der französische Philosoph Julien Offray de La Mettrie. Ursula Pia Jauch hat dem verfemten Querdenker der Aufklärung ein schönes Buch gewidmet: «Jenseits der Maschine». Das hat Gottlieb eindeutig studiert.

Auch Beate Gutbrodt hat das Buch gelesen. Sie promoviert in den USA über den «Philosophen der Instinktsicherheit». Vor zwei Jahrzehnten hat Gottlieb Zürn unter Pseudonym zwei Aufsätze über La Mettrie verfasst. So lernen sie sich kennen. Die Doktorandin besucht das Ehepaar Zürn auf seiner Bodenseeterrasse. Reist an im Namen La Mettries mit einer viel zu grossen Sonnenblume. Die steht dort bis zum Ende der Geschichte als Fremdkörper der Liebe. Als die Besucherin gegangen ist, sagt Anna einen Vernichtungssatz jenseits der Liebe: «Vierzig Jahre. Das kann man doch auf sich beruhen lassen.»

Gottlieb kann nicht. Im Kopf den Nachhall des Lärms verlorener Schlachten, im Gesicht einen «nicht zum ersten Mal diensttuenden Schmerz», ist Gottlieb Zürn dem intensiven Augenblau der jungen Frau im Augenblick verfallen. Und siehe da, Frau Zürn hat Unrecht. Die beiden La-Mettrie-Adepten geraten nicht nur auf der Bodenseeterrasse in einen hochgestimmten Dialog. Gottlieb Zürn und Beate Gutbrodt telefonieren sich durch das Transatlantikrauschen anschliessend in einen Taumel, der die vierzig Jahre beinah ausradiert.

Der Augenblick der Liebe spielt sich ab zwischen holdem Blödsinn und dramatischem Gefühlstrara, zwischen Leid und Lächerlichkeit. Erzählt wird aus der Perspektive Gottlieb Zürns, wobei der Blickwinkel Beates in Kapitel zwei ein Gastspiel gibt, das klingt, als kolportiere Gottlieb, was in Beates Kopf vorgeht. Das ergibt ein zeitverschobenes Duett, das in etwas Drittem mündet: dem typisch Walser'schen Zustimmungsverneinungscrescendo. Denn die fernmündliche Liebe hält dem Augen-Blick nicht stand. Kaum ist Gottlieb bei Beate, will er «annawärts» (wie das in «Jagd» schon heisst). Zurück in Pfullendorf, jagt ihn dann die Furie des Verzichts. Das ist der Leerlauf der Liebe. Er speist Gottliebs «Allesbedenken-Stilistik», seine «Feigheitssyntax» mit dem schrillen Schmerz der Niederlage. Zerrissen zwischen den Schüben eines fiebernden Begehrens und der Bettwärme ehelicher Legitimität, ist Zürn der ganz normale «Immerschonidiot». Kritik des schlechten Gewissens, Verteidigung der sogenannten «Altersgeilheit» - dazu braucht er La Mettrie.

La Mettries «aus dem eigenen Leben stammende Stilistik» prägt die Form, seine erfahrungsgesättigte Erkenntnis ist auch Gottlieb Zürns schmerzhafte Methode. Sie führt von Pfullendorf nach Kalifornien und von dort zurück nach Hause. Der Roman kostet den Triumph der Gattenliebe, den Sieg des Bodensees über kalifornischen Sex und Air Condition nicht aus, doch nimmt man Walsers Helden das Schwanken zwischen Tobsucht und Biedersinn mitunter etwas übel. Das tut der Autor auch. «Gottlieb hatte dieses Hochgefühl der Biederkeit, es allen recht gemacht zu haben.» So wird der Augenblick der Liebe eine Farce.

Die Unzumutbarkeiten des Daseins

«Der Roman will etwas, das einem passiert ist, so lange umerzählen, bis das Geschehene nicht mehr so wirkt wie in Wirklichkeit, sondern so, wie man es selber ertragen kann», lautet Walsers poetisches Glaubensbekenntnis. Martin Walsers greller Seelenrealismus arbeitet sich an den Unzumutbarkeiten des Daseins seit seinem ersten Roman, «Ehen in Philippsburg», mit Ironie und Verve ab. Es kann aber nicht nur an diesem grellen Realismus liegen, wenn dem Autor die umerzählte Wirklichkeit stets als Rohstoff wieder unter die Nase gerieben wird. Nicht erst seit der Paulskirchen-Rede ist Martin Walser ein notorischer Provokateur des deutschen Befindlichkeitsfurors. Auch in diesem Buch, dem ersten, das nach dem Streit um die ärgerliche Reich-Ranicki-Persiflage «Tod eines Kritikers» im Rowohlt-Verlag erscheint, ruft er gezielt und unnötigerweise die Beissreflexe der sogenannten «Meinungssoldaten» ab.

Der Vorgang: Gottlieb Zürn hält einen La-Mettrie-Vortrag in Berkeley. Der von Montaigne geerbte Anspruch, sich selbst zum Thema zu machen, befiehlt den Duktus, Walsers Kränkung durch die mediale Öffentlichkeit, die Hysterie um seine Äusserungen zum deutschen «Geschichtsgefühl» das Thema: die Macht der Schuldgefühle. Der Vortrag gerät zum Desaster. Tenor: «Ein deutscher Intellektueller versucht den Deutschen einen Freispruch zu erschwindeln.» Gottlieb Zürn wird in Amerika nicht bloss als deutscher Schuldverleugner, er wird als Deutscher überhaupt entlarvt. Schuldig gesprochen. Das ist so absurd wie kindisch, das hat funktioniert. Das Buch war noch nicht erschienen, da schrillten in der «FAZ am Sonntag» und im «Spiegel» bereits die Alarmglocken. Tenor: «Martin Walsers neuer Roman ist ein Rechtfertigungsversuch für politische Provokationen.» In Wirklichkeit ist die Indienstnahme von La Mettries Gewissensdiskurs für das leidige Deutschlandthema das Unerheblichste an diesem Buch. Dumm daran ist nur, dass der Autor Gottliebs glänzende Apologie auf La Mettrie mit seinem sekundären Racheimpuls diskreditiert.

Jeder, der schreibt, antworte auf einen Mangel, hat Martin Walser einmal gesagt. Das Leben sei nicht zum Aushalten, wenn man auf diesen Mangel nicht schreibend antworten kann. Der Tod ist es noch weniger. Am wenigsten aber die Liebe. Denn im Zentrum der Liebe tobt der Mangel schlechthin: die Abwesenheit, die Ungleichzeitigkeit der Empfindung. Darum ist der Augenblick der Liebe der Augenblick ihrer Buchstabierung, die schriftliche Inszenierung einer Entfernung. Im Grunde ist jede Liebesgeschichte transatlantisch. Jeder Schriftverkehr der Liebe arbeitet an der Aufhebung der Raum-und-Zeit-Verschiebung, die man Sehnsucht nennt. «Nichts entspricht einander so innig wie Sehnsucht und Enttäuschung» - der Satz steht schon in «Jagd». Es ist diese fatale Entsprechung, der wir die schönsten Bücher verdanken. «Der Augenblick der Liebe» ist ein schönes Buch - komisch, traurig, rabiat.

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Der Augenblick der Liebe von Martin Walser, 2004, Rowohlt5.)

Der Augenblick der Liebe.
Roman von Martin Walser (2004, Rowohlt).
Besprechung von Patrick Fischer bei Amazon.de:

Die Klassiker kommen in die Jahre, ihre Figuren auch. Gottlieb Zürn, in Das Schwanenhaus noch umtriebiger Immobilienmakler, ist nicht mehr im Geschäft, macht seiner Frau Anna die Buchführung und sich selbst Gedanken über das Leben und das Alter(n). Als er Beate kennen lernt, geht er noch einmal auf Die Jagd.
Zunächst heißt es allerdings warten, denn nach einem nur zweistündigen Augenblick der Liebe kehrt Beate zurück in die USA zu ihrer Doktorarbeit. Zürn kämpft mit seinen Gefühlen, mit den Konventionen, die ihm "Altersgeilheit" unterstellen, und dem "Käfig, der Biographie heißt". Kann er der heillos harmonischen Ehe-Routine, dieser "wunderbaren Wüste gemeinsam erworbenen Schweigens", ein letztes Mal entfliehen?

Dominiert wird die erste Hälfte des Romans aber von Beates Ringen um akademische Anerkennung: "Dieses Murksen und Placken in der ersehnten sommerlichen Einsamkeit", Lesen, Lehren, Lieben -- "Springreiterei forever". Eine Tagung über den Aufklärer La Mettrie -- gemeinsames Forschungsthema von Zürn und Beate -- bietet Gelegenheit, die Liebesfantasien auf ihre Realitätstauglichkeit hin zu überprüfen. Walser wiederum kann hier politische und amouröse Motive überblenden: Wenn Zürn über "nichtsnutzige Schuldgefühle" referiert oder erkennt, dass "das kostbare Kindheitsgut Gewissen zur Rezeptur verkommen" ist, befinden wir uns mitten in den Vergangenheitsdebatten der jüngeren Zeit.

"Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal." La Mettrie wird -- auch wenn Walser das vorsorglich bestreitet -- zum Gewährsmann für einen vermeintlich unverkrampften Umgang mit der deutschen Geschichte. Zürn erscheint abwechselnd alterswild ("Schluss mit dem Gelobtwerdenwollen") und resignierend ("Menschenpfusch", "nicht gut aussehend, nicht reich, nicht einmal geistreich"). Was man dem Provokateur krumm nimmt, verzeiht man dem "Lebensidiot schlechthin", ohne ihn und sein Treiben immer zu verstehen.

Ein Buch mit zwei starken Hauptfiguren, die die Neigung zum Sentenzenhaften mehr als wett machen. Ein Roman über den (männlichen) Methusalem-Komplex im besonderen und über Männer und Frauen im allgemeinen: "Allein jeder, aber zusammen für immer."

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