Der
Augenblick/Chwila.
Gedichte, deutsch/polnisch von Wislawa
Szymborska (2005, Suhrkamp - Übertragen
und herausgegeben von Karl
Dedecius).
Besprechung von Yaak
Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 19.10.2005:
Sieh an, alles an seinem Platz
Neue, leichte, schwere, schöne Gedichte
der polnischen Grande Dame Wislawa Szymborska
Als Szymborska 1991 den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhielt, betonte sie in ihrer Dankesrede, wie wichtig es sei, dass die "Poesie die Materie der Welt nie gering schätzt, dass sie großen Wert auf die Beschreibung einer konkreten Situation legt, dass sie ein Herz hat für das Detail und den flüchtigen Augenblick. Sie bemüht sich, über ihre Erlebnisse redlich und zurückhaltend zu sprechen." Das ist ein zugleich bescheidenes und anspruchvolles Programm, das ihre Gedichte zudem mit schwebender Anmut (und zuweilen ironischem Witz) auf einem hohen Reflexionsniveau einlösen.
Nackte Wahrheit durchstöbert die irdische Garderobe
Karl Dedecius, der sich seit Jahrzehnten als Übersetzer
und Herausgeber kenntnisreich um die Vermittlung polnischer Literatur in den
deutschen Sprachraum verdient macht, hat die 22 Gedichte der Originalausgabe von
Der Augenblick (Chwila, Krakau 2002) um acht weitere seither
geschriebene ergänzt. Dreißig lyrische Texte ergeben einen schmalen Band, der
durch seine thematische Breite und Vielfalt überrascht. Er enthält sprachliche
und philosophische Reflexionen ("die Nackte Wahrheit / damit beschäftigt /
die irdische Garderobe zu durchstöbern"), "Die Pfütze" ist
einer genaueren Betrachtung nicht weniger wert als "Die drei seltsamsten Wörter"
und mit Platons "Idealem Sein" wird ebenso unnachsichtig aufgeräumt
wie mit dem Mythos der "Ersten Liebe": "Unsere einzige Begegnung
nach Jahren / war ein Gespräch zweier Stühle / am kalten Tisch."
"Kleines Mädchen zieht die Decke vom Tisch" ist das bezaubernde
Portrait eines die Welt erforschenden Kindes, das soeben "die Dinge erprobt
/ die sich selbst nicht bewegen können" und gerade den Gläsern und
Tellern auf der Tischdecke zu freiem Flug und Fall verhilft: "Herr Newton
hat noch nichts damit zu tun. / Soll er doch vom Himmel herabschaun und mit den
Händen fuchteln. // Dieser Versuch muss gewagt werden. / Und wird es."
Einen düsteren Gegenpol zu der spielerischen Heiterkeit dieser Verse bildet der
beklemmende "Monolog eines ins Zeitgeschehen verwickelten Hundes", der
von seinem Besitzer, einem Lagerkommandanten, bei dessen Flucht zurückgelassen
und von nachrückenden Marodeuren angeschossen wird: "ich starb lange und
qualvoll / im Gesumm der unverschämten Fliegen. / Ich, Hund meines Herrn."
Ein einziges Mal gestattet sich die Szymborska (fast) einen Eingriff in den Verlauf der Welt: beim Betrachten der "Fotografie vom 11.September" 2001, geschrieben kurz nach dem mörderischen Anschlag auf das World Trade Center. Es handelt sich um eine jener Aufnahmen, auf denen die verzweifelten Menschen zu sehen sind, die aus den brennenden Gebäuden in den sicheren Tod sprangen: "Die Fotografie hielt sie an im Leben / und nun bewahrt sie sie auf", für immer fixiert in jenem flüchtigen Augenblick, in dem noch "genügend Zeit" war, "dass die Haare wehen / und aus den Taschen Schlüssel, / kleine Münzen fallen". Das Gedicht schildert die Opfer lakonisch und emotionslos: um dann mit den Zeilen zu enden: "Nur zwei Dinge kann ich für sie tun - / diesen Flug beschreiben / und den letzten Satz nicht hinzufügen."
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