Der aufrechte Mann von Davide Longo, 2012, RowohltDer aufrechte Mann.
Roman von Davide Longo, (2012, Rowohlt - Übertragung Barbara Kleiner).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 16.3.2012:

Davide Longo: Noch ist "der aufrechte Mann" da
Der Untergang Italiens. Fast nur noch Barbaren sind im Land. Außerhalb offensichtlich auch: Grenzsoldatenschießen auf die Flüchtlinge.


Das will man nicht lesen. Man hat genug geschluchzt, als Vater und Sohn in Cormac McCarthys "Die Straße" versuchten, im apokalyptischen Amerika ans Meer zu gelangen, damit vielleicht ein Schiff kommt und sie rettet.

"Sind wir immer noch die Guten?", fragte der Bub.

"Ja. Wir sind immer noch die Guten."

"Und das werden wir auch immer sein."

"Ja. Das werden wir immer sein."

Das war alttestamentarisch und minimalistisch, und wenn Hungernde ein Neugeborenes am Spieß drehten, dann war das nur aus der Ferne zu sehen.

... und jetzt der 40-jährige Italiener Davide Longo, der die Literatur seines Landes endlich wieder interessant macht. Jetzt zeigt er uns das Ende. Das Ende Italiens.

"Der aufrechte Mann" marschiert mit seiner Tochter im Schnee zur ligurischen Küste. Anfangs ist auch der kleine Sohn seiner Exfrau dabei. Aber der gehört nicht zu den Guten.

Zuletzt marschieren ein Elefant und eine Eselin mit.

Es hat Krieg gegeben. Wer konnte, war nach Frankreich oder in die Schweiz geflüchtet. Mittlerweile sind die Grenzen zu. Die Grenzsoldaten schießen. Es wird geplündert, vergewaltigt, gemordet, von "Externen" ebenso wie von Einheimischen. Es gibt kein Geld mehr, kein Benzin, kein Brot.

Der Unterschied zum Amerikaner Cormac McCarthy ist: Man steht mit offenem Mund unmittelbar daneben, wenn zum Beispiel eine Bande ihre Gefangenen auffordert, die eigenen Finger abzuhacken.

Immer zwei. Zuerst hackt der eine Gefangene (und tut er’s nicht, wird er umgebracht), dann der andere. Was, wenn Vater und Sohn gegeneinander antreten müssen?

Man will es nicht lesen.

Das muss man gelesen haben. Der Unterschied zu McCarthy ist auch: Trotzdem bleibt in diesem zerstörten, fast nur noch von Barbaren bevölkerten Italien ein Lied von Leonard Cohen übrig; und an ein Gedicht von Rilke erinnern sich einige wenige. Noch ist Kultur im Land.

Noch ist "der aufrechte Mann" da. Die Hauptfigur bei Davide Longo IST Kultur. Leonardo war Schriftsteller und Uniprofessor.

Er muss ähnlich bekannt sein im fiktiven Italien wie es Umberto Eco im realen ist.

Als Uniprofessor hatte er ein Verhältnis mit einer Studentin. Dürfte seinerseits die große Liebe gewesen sein. Sie hat ihn erpresst. Da hat er zu schreiben aufgehört.

Im Notstand hält sich der 52-Jährige für völlig unzulänglich. Aber er geht immer aufrecht. Er muss für unter Drogen stehende aggressive Jugendliche auf glühenden Kohlen tanzen. Er tut es aufrecht. Zum Clown wird Leonardo nie.

Er hackt sich für diejenigen, die er beschützen will, nicht nur Finger ab.

Und milde ist er. Ruhig. Überlegt. Letztlich überlegen. Die vielen Bücher, die er las, waren nicht unbrauchbar für das neue Leben.

Unsere heutige Welt ist eine, die mit dem Wort "mit" gekennzeichnet wird. Die Welt in etwa 20 Jahren, in die uns Davide Longo hineinstellt, ist am besten mit dem Wort "ohne" beschrieben.

Aber ein paar könnten es schaffen, (Mit-)Mensch zu bleiben. Oder Elefant und Eselin. Die sind sowieso die Besten.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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