Der aufrechte Gang von Annette Mingels, 2006, DuMont

Der aufrechte Gang.
Erzählung von Annette Mingels (2006, DuMont).
Besprechung von SFD in der Basler Zeitung, 8.3.2006:

Auch mit ihrem dritten Roman «Der aufrechte Gang» legt die Wahlzürcherin Annette Mingels ein Buch über nichtgelingende Liebe vor: reifer im Inhalt und kunstvoller in der Komposition als ihre früheren.

Eine fast 40-jährige Frau im Vierfüssler, von hinten genommen vom 17-jährigen Sohn ihrer Freundin, in flagranti erwischt von derselben: So beginnt eine Geschichte in Rückblenden über Liebe, Tod und Frauenfreundschaft.

Auch um Trauerarbeit und Persönlichkeitsentwicklung geht es, also um die (Wieder)Erlangung des «aufrechten Gangs». Gleich der schlüpfrige Einstieg - der das Ende vorwegnimmt - zeigt bildlich, dass das nicht gelingt: Statt aufgerichtet sehen wir die Protagonistin am Boden kniend, «wie ein Kind beim Gebet».

Missglückte Versöhnung

Die Hauptfigur Ruth ist seit fünf Monaten Witwe, als sie mit ihrer Freundin Simone und deren Sohn William auf eine Autoreise Richtung Norden aufbricht. Der Urlaub dient auch dazu, die in Kindertage zurückreichende Freundschaft der Frauen wieder zu festigen.

Denn während Ruths Ehe mit dem 20 Jahre älteren Sven war der Kontakt abgebrochen; Simone warf Ruth vor, sie mutiere aus Neid auf Simones Mutterschaft selber wieder zum Kind. Dass Ruth dieses «Kind» Jahre später verführt, scheint Simones These zu bestätigen.

I hate it but

Die Autorin enthält sich freilich jeder Eindeutigkeit. Ob Ruth sich aktiv schuldig macht, wird nicht ganz klar. Ihr eignet, wie schon früheren Frauenfiguren in Mingels Werken, etwas seltsam Schlafwandlerisches. Sie lebt ihr Leben nicht - es widerfährt ihr.

Das wird besonders deutlich in ihrer Beziehung zu Sven, dem älteren, attraktiven und erfolgreichen Kunstprofessor. «I hate it but that doesn't mean its bad, in other words I quite enjoyed it» - diese Liedzeile von Gilbert O'Sullivan, die Ruth beim ersten Kuss einfällt, könnte als Motto über ihrem ganzen Leben stehen.

«Blonde Urkraft» und graue Mäuse

Ruth bleibt merkwürdig dumpf in allem, was sie tut. Obwohl sie glaubt, Sven zu lieben, betrügt sie ihn wahllos mit jedem, der ihr Avancen macht.

Auch er geht fremd, doch zielgerichteter: mit unfertigen, anhänglichen grauen Mäuschen, vermutlich ein Ausgleich zu der in ihrer Perfektion kalt wirkenden «blonden Urkraft» Ruth. Dass sein letztes Wort zu Ruth «Miststück» ist, ist nicht ganz unverständlich.

Typische Mingels-Frau

Mit Ruth perfektioniert Mingels ihren Lieblings-Frauentyp, eine schillernde Mischung von emotionaler Unentschiedenheit und messerscharfem Verstand, kalter Schönheit und hochpräziser Beobachtungsgabe.

Die relative Ereignislosigkeit des Roadmovie-Plots polstert sie auf mit zum Teil wirklich anrührenden Episoden aus der Erinnerung, besonders im Zusammenhang mit Svens Sterben: So als der handwerklich unerfahrene Professor eine Wiege baut für sein erstes Enkelkind und sein Sohn das Geschenk gedankenlos ablehnt, weil er nichts von Svens Krankheit weiss.

Unvernähte Fäden

Leider hängen einige Fäden unvernäht aus der Geschichte heraus. Simones brutale Ablehnung von Sven etwa wird nie recht verständlich. Und die lange angekündigte Enthüllung über Williams Vater ist enttäuschend nichtssagend. Warum Ruth ausserdem ausgerechnet nach einem Sektengottesdienst dem Drängen des Minderjährigen nachgibt, wird auch nicht klar.

Was am Buch gefällt, ist die geschmeidig fliessende Sprache und der geschickte Aufbau von Spannung durch Vor- und Rückblenden. Nur der Plot bleibt merkwürdig belanglos. Mit Gilbert O'Sullivan zu sprechen: «I think it's great, but it could be better.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der Basler Zeitung]

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