Der Atem des Wortes von Christine BustasDer Atem des Wortes.
Gedichte von Christine Bustas (1983).
Besprechung von Beatrice Eichmann-Leutenegger in Neue Züricher Zeitung:

Vom Fieber des Lebens genesen 
Unveröffentlichte Gedichte von Christine Busta 

Nach dem Tod Christine Bustas 1987 ist es still um die 1915 geborene Wiener Autorin geworden. Fast schien es, als ob die Stille, in der diese Dichterin – fern des Literaturbetriebs – immer leben wollte, sich fortgepflanzt hätte. Aber eine solche Stille kann auch das allmähliche Vergessen fördern. Um so begrüssenswerter ist es daher, dass Anton Gruber, der Nachlassverwalter, mit einer Gedichtsammlung diese Dichterin, eine der bedeutendsten lyrischen Stimmen Österreichs, ins Bewusstsein zurückruft. 

Die siebzig bisher unveröffentlichten Gedichte aus dem Nachlass tragen einen Titel, der in die Mitte von Christine Bustas Existenzverständnis zielt: «Der Atem des Wortes». Der Atem ist innerhalb ihrer Dichtung eines der tragenden Motive und steht als Gegenzeichen zu Tod und Zerstörung. Ob Christine Busta vom göttlichen Atem spricht, dem Pneuma des ersten Schöpfungstages, ob sie den leisen Atem des Lebens beschwört oder auch nur jenen, der «vom Mund bis zum armen Gesicht eines Nächsten» reicht: immer teilt sich in diesem Bild ihre Hoffnung mit, dennoch «dem Anflug des Grässlichen» wehren zu können. So hält sie es etwa fest im Gedicht «In der Morgendämmerung», einer apokalyptischen Vision aus dem Band «Die Scheune der Vögel» (1958). Und in der Selbstinterpretation zu diesem Gedicht erklärt Christine Busta: «So schwach wir auch sein mögen, in der Zuneigung zum Mitmenschen können wir noch mit vergehendem Atem das Mysterium der Schöpfung erneuern.» Als Dichterin hat Christine Busta ihre mitmenschliche Zuneigung dem «Atem des Wortes» anheimgegeben, hat mit ihrer Hoffnung wider alle Hoffnung ein eminent menschliches Zeichen gesetzt. Oder sagen wir es unumwunden: ein religiöses Zeichen – wissend um die Hinfälligkeit des Menschen sub specie aeternitatis, aber auch vertrauend auf die Stärke, die in den Schwachen wohnt. Ihre dichterische Welt hat Christine Busta mit Motiven aus der Antike, aus der Natur und aus der christlichen Symbolwelt ausgestattet. Feuer und Schnee, Asche und Vogel, Distel und Delphin, Atem und Brot – sie haben als ebenso elementare wie vieldeutige Zeichen während mehr als dreier Jahrzehnte ihre Lyrik bestimmt. – Obwohl Christine Bustas Lyrik weit über den Horizont sogenannter christlicher Dichtung hinausreicht, ist es denkbar, dass angesichts eines weitreichenden religiösen Substanzverlusts ihre Dichtung in manchen Kreisen nicht mehr wahrgenommen worden ist. Indessen hat sie, was ihr bedeutsam war, immer mit leiser Stimme vorgetragen – in ihren besten Gedichten mit der Leichtigkeit des «Flaums», um ein Lieblingsbild der Dichterin zu beschwören. Waren die frühen Gedichte noch strotzend von fast barocker Fülle, manchmal schwer von Enthusiasmus, beinahe Pathos, so hat sich mit zunehmender Reife ihre Lyrik verknappt. Die Ästhetin hat die Asketin eingeholt. 

In den Gedichten des vorliegenden Nachlassbandes begegnen wir noch einmal Christine Bustas knappen lyrischen Notizen. Keine «neue» Busta ersteht vor uns, eher die «alte», aber diese mit unveröffentlichten und daher noch unvertrauten Worten. Für Eingeweihte mögen diese Verse wie ein lyrisches Tagebuch der letzten Jahre erscheinen; für Leserinnen und Leser ausserhalb dieses Kreises öffnet sich der Blick auf eine schlichte und gleichwohl weite Welt, die «der Atem des Wortes in Schwebe» hält, wie Christine Busta in einem der ersten Gedichte, einem Widmungsgedicht für Hilde Domin, äussert. Manchmal denkt man an eine Evokation von Stifters Kosmos, welcher das Grosse im Kleinen birgt: «Lies einen Stein, / ein Stück Rinde, ein Blatt, / die Blindenschrift eines Menschengesichts; / es wird deine Sprache, dein Leben / verändern.» Aber kurz darauf folgt die Aufforderung: «lass uns hinein in die grosse Ebene gehen», wenn Christine Busta eine «offene Landschaft bei Wien» entfaltet. Alles stellt sich ihr in derselben Wichtigkeit dar, das Geringe wie das Grossartige, aber faszinierend bleiben für den Leser die Blickwechsel vom einen zum andern. 

Noch einmal versichert sie sich ihrer teuren Motive, nochmals schieben sich Brot, Salz und Wasser ins Blickfeld. Immer war Christine Busta eine Hungernde und Dürstende, eine Dichterin der Sehnsucht. Mit Worten blieb sie zeitlebens dieser Sehnsucht auf der Spur. Aber diese Worte mussten in beharrlicher Arbeit erweckt werden. Mit «Sprachmohn» hat sie hiefür ein wundersames Bild gefunden: 

In zerbrechlich bekrönten Urnen 

hörst du die grauen Körner rascheln. 

Iss, vergiss und verwirf! 

Das Unscheinbare wird künftigen Sommern 

Feuer in Träume und Weizen leben. 

Von Hunger und Durst vermochte die Liebe zu erlösen. Christine Bustas Dichtung, so du-bezogen wie jene von Rose Ausländer, zielte immer wieder auf diesen Brennpunkt. Vor dem Hintergrund des nahen Todes, der Müdigkeit eines beschwerlichen Lebens richtet sich aber diese Liebe im Schweigen ein, sehnt sich nach Ruhe: «behutsam Atem an Atem gewölbt». Endlichkeit schwingt hinüber in die Unendlichkeit eines heilenden Schlafs: «Lass meine Unruhe ausruhn / in deiner Atemwiege, / dass ich vom Fieber des Lebens / genese.» Oft bestehen diese Gedichte, die ihr noch «zuwuchsen», einzig aus einem Satz – «Atemzügen als Lebenszeichen», wie Christine Busta in einem Brief an Rudolf Müller geschrieben hat. 

Aus den verstreuten Manuskripten in der Wohnung in Hütteldorf, aus Sammlungen von Freunden der Busta hat Anton Gruber eine Auswahl zusammengestellt, die dem Wesen der Dichterin angemessen ist, weil sie nochmals die leisen Töne, aber auch die heimliche Kraft anklingen lässt.

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