Der arme
Heinrich.
Gedicht von Hartmann
von Aue (2003, Hanser - Nachdichtung von Rainer
Malkowski, Nachwort von Norbert Miller).
Besprechung von Alexander von Bormann in der Frankfurter Rundschau, 23.7.2003:
Der Rest ist Glaubenssache
Hartmann von Aue hat das Ritterprogramm
ausgereizt: "Der arme Heinrich", übertragen von Rainer Malkowski
Unter den Talaren / Muff von tausend Jahren. Dieser
Kampfruf der Studentenbewegung 1968 entbehrte nicht seiner guten = schlechten Gründe,
auch wenn der Mief der Germanistik sich nicht in einer so ehrwürdigen Zeit
ablagern konnte - es gibt sie gerade zweihundert Jahre. Brecht hatte die "Entgoethung
Goethens" gefordert, die Entbrechtung Brechts
hat längst begonnen, und die Neuaneignung des Mittelalters, seine
Entromantisierung, ebenso. Die Neuübertragung beziehungsweise Nachdichtung des
mittelhochdeutschen Armen Heinrich von Hartmann von Aue durch den Lyriker
Rainer Malkowski steht
in diesem Zusammenhang.
Malkowski hat uns das Werk wiedergewonnen. Es gehört(e) zur Schullektüre, für
Germanisten zum Pflichtstoff, und ich spreche gewiss für viele mit dem
Bekenntnis, dass man diese "Perle der mittelhochdeutschen Epik" nicht
eigentlich mochte. Uns fehlte das kluge Nachwort von Norbert Miller, das, von
Malkowski angestiftet, gekonnt relativierend mit diesem Text umgeht. Die
Leistung Malkowskis ist es, den Skandal der Erzählung nicht zu beschwichtigen,
sondern wahrnehmbar und nachvollziehbar zu machen: ein Mann der herrschenden
Klasse, der seine unheilbare Krankheit durch eine Organtransplantation (Herz)
besiegen möchte und den Tod der jungen, ihm ergebenen Spenderin billigend in
Kauf nimmt. Deren problematisches Motiv, sich mit dieser Tat nicht nur den
Himmel zu verdienen, sondern auch ihren Eltern den Hof zu sichern, wird
ebenfalls ausführlich ausgemessen und sprachlich mit subtiler Rücksichtslosigkeit
ausgeleuchtet. Die Fallhöhe im Geschehen ist groß. Heinrich wird uns als das
Musterbild eines Ritters dargestellt. Malkowskis Verse geraten selbst ins Schwärmen:
"Nie blühte Jugend schöner,/ er war ein Spiegel/ für den Glanz der
Welt,/ ein Juwel der Treue und der Selbstzucht,/ die letzte Zuflucht/ der Bedrängten,/
ein Beschützer der Familie.../ Er trug die Last des hohen Ansehns./ Sein Rat
schlug Brücken, wo kein Weg schien./ Im Minnesang war er ein Meister."
Dieses Juwel der Menschlichkeit wird, wie einst Hiob, radikal aus seiner Lebensfülle
gestürzt: Aussatz fällt den schönen Ritter an, alle wenden sich von ihm.
"Sîn hôchmuot wart verkêret", was Malkowski gekonnt modernisiert:
"Da erhielt sein Selbstbewusstsein / plötzlich einen Schlag."
Wie poetisch kraftvoll die Übersetzung Malkowskis arbeitet, lässt sich mit
fast jedem Vers belegen. Wenn Hartmann verallgemeinert: "auch in der grössten
Lebensfülle / ist der Tod uns nah", so führt er die Kerze als Beispiel
an, die zur Asche wird, indem sie Licht hervorbringt: "daz sî zeiner
aschen wirt, / enmitten dô sî licht birt." Rainer Malkowski hat das
Kerzenbild mit gestischer Kraft begabt: "Sie brennt aufs Dunkel zu / und
zeigt mit hellem Schein/ ihr Sterben an."
Aus zwei Versen macht er drei, aber nur scheinbar: Die ersten zwei Verse bilden
zusammen einen barocken Alexandriner, einen sechsfüßigen Jambus mit deutlicher
Zäsur in der Mitte, und sie zitieren so die Todesnähe, die Todeserfahrung des
Barockzeitalters. Der dritte Vers trägt nur einen Akzent, den auf Sterben, das
reicht. Und wenn man hört, dass Malkowski selber sterbenskrank ist, wird man
auch dieses poetische Meisterwerk als solchen "hellen Schein"
wahrnehmen.
Heinrich reagiert nicht so gefasst wie Hiob auf sein Leiden: "Sein Herz
verlor den leichten Schlag./ Sein froher Sinn/ verließ ihn./ Er war am
Boden." Von den Ärzten in Salerno vernimmt er, dass Heilung nur durch das
Herzblut eines mannbaren, doch noch unberührten Mädchens möglich ist, also,
wie er schließt: unmöglich. Heinrich verschenkt überlegt seinen Reichtum und
zieht sich auf einen letzten Hof zurück, den ein freier Bauer für ihn
verwaltet. Dessen Tochter, dem kranken Herrn ergeben und zugetan, hört von der
Bedingung und will sich opfern.
Bedeutsam und geradezu modern sind nun die folgenden Dialoge angesetzt, die Übertragung
von Malkowski lässt keine Beschwichtigung zu. Heinrich deutet sein Unglück
religiös, als Strafe für seinen Hochmut, denn Ansehen und Besitz hatte er auf
sich bezogen: "Das musste Gott verstimmen./ Er schloss die Pforte,/ hinter
der die Freuden warten./ Nie mehr öffnet sich der Garten./ Das Recht auf
Zutritt ist verwirkt." Gleichwohl ist er ein Anti-Hiob, er nimmt sein
Schicksal nicht an, sondern ist bereit, auf das Angebot des jungen Mädchens
einzugehen.
Dieses weiß seinen Willen klug durchzusetzen. Es argumentiert nicht nur religiös,
sondern gegenüber der Familie ausdrücklich auch ökonomisch: Mit dem Tod des
Herrn verlören sie schließlich Besitz, Schutz und Ansehen. Auch ist das Opfer
ein Weg, das ewige Leben zu erlangen. Die Eltern wenden verzweifelt ein:
"Sei die Blüte der Familie und die Stütze unseres Alters." Die
Tochter weist das als illusionär zurück und findet: "Gott gab mir
Verstand genug,/ unsere Vergänglichkeit zu sehen/ und das Leben nicht zu überschätzen."
Über viele Seiten geht diese Disputation, einer Akademie nicht unwürdig, bis
die Eltern meinen, den Heiligen Geist aus ihrer Tochter sprechen zu hören:
"Die Einsicht war ein Schock."
Es gibt ausführliche Abschiedsszenen. Dass der arme Heinrich zu sehr an sich
denkt, als er das Opfer annimmt, deutet Malkowskis Übertragung leicht verschärfend
an: Dass Heinrich sich "zur Reise bereitete", wird zu: "Rasch
machte er sich reisefertig". Erst als der Ritter hört, wie der Arzt das
Messer schleift, und er das Mädchen durch einen Spalt in seiner Jugendschöne
sieht, wird ihm sein Unrecht klar, und er schreitet ein. Das ergibt noch ein
eigenes Drama, fühlt sich das ,Opfer' doch um seinen ewigen Lohn betrogen. Doch
schließlich bekennt sich Gott zu seiner Prüfung und nimmt den Aussatz vom
Ritter, stellt auch seine Schönheit wieder her. Die Heirat besiegelt das glückliche
Ende.
Menschenkenntnis und Menschenliebe finden sich,
so Norbert Miller im Nachwort, beide in dieser Erzählung bestärkt und gemehrt.
Hierzu muss man sie gelegentlich gegen den Strich lesen, wie es uns Malkowski in
seinen Verdeutlichungen auch anbietet. Die ideologischen Argumentationen tragen
nicht mehr, da muss ein unbedingter Glaube her. Ein großes, etwas zwielichtiges
Werk in einer klug akzentuierenden, poetisch starken Neu-Übertragung.
[...diese und weitere Besprechungen
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