Der Argentinier von Klaus Merz, 2009, HaymonDer Argentinier.
Erzählung von Klaus Merz (2009, Haymon).
Besprechung von Anna Wegelin aus der Wochenzeitung, Zürich, 12.02.2009:

Stiller Tänzer

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fährt Johann Zeiter (geboren 1924) mit einem Frachter nach Argentinien, um ein Gaucho zu werden - «auf der Suche nach einem neuen, menschlicheren Stück Erde». Nach einer Episode als Viehtreiber in der Pampa und dem Versuch als Tangotänzer in Buenos Aires kehrt er zu seiner Geliebten Amelie in die Schweiz zurück. Er heiratet sie, hat mit ihr zwei Kinder und arbeitet bis zu seiner Pensionierung in einer Schule.

Den äusseren Anlass für Klaus Merz’ Erzählung «Der Argentinier» über den letztlich unspektakulären Lebenslauf des stillen Dorfschullehrers bildet eine Klassenzusammenkunft in der Jetztzeit. Lena, Kuratorin einer Privatsammlung, berichtet dem Ich-Erzähler - einem Theologen, der seinen Lebensunterhalt als Gesprächsleiter und Publizist verdient -, dass ihr Grossvater Johann Zeiter kürzlich gestorben sei.

Während die Festgesellschaft Anekdoten aus der Schulzeit zum Besten gibt, folgen wir den Spuren des «Argentiniers», wie er im Dorf genannt wird. Er war ein Mann, den in fortgeschrittenem Alter die Zeichen der neuen Zeit - «Verlust von Achtsamkeit», «Rücksichtslosigkeit und materielle Gier» - zusehends bedrückten. Ein Mann, der ein Geheimnis in sich trägt, das erst nach seinem Tod gelüftet wird.

«Der Argentinier» ist ein unaufgeregtes, menschlich warmes Buch. Die Sprache ist schlicht und wohlgeformt, wie wir dies von Merz kennen. Wie bereits in der Erzählung «Los» (2005) begegnen wir einem Ich, das in den Bann gezogen wird von seiner Hauptfigur. «Ich kam mir eigenartig aufgehoben vor bei der Teilhabe an dieser fremden Lebensgeschichte», so der Erzähler. Dies könnte ein Bekenntnis zum Mysterium des Lebens sein: Der Ort, wo die Grenzen zwischen Ich und Du sich auflösen. Jedenfalls macht uns der Autor Hoffnung, dass sich zwischen zwei Buchdeckeln eine Schule des Lebens auftun kann: «Lesend machen wir uns auf einen Weg, bestehen wir Abenteuer, denken uns immer tiefer in andere Lebensmuster hinein und nähern uns zugleich dem eigenen mehr und mehr an.»

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

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