Der Antrag von Marielouise Jurreit, 2004, FVADer Antrag.
Roman von Marielouise Jurreit (2004, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 12.5.2004:

Ein Antrag bleibt selten allein
Marielouise Jurreits zweiter Roman verheddert sich in den Klischees der sexuellen Abhängigkeit

Harry Weinlaub, Mitte fünfzig, ist Schauspieler. Einer der "wenigen großen Stars im deutschen Fernsehen". Er hat in Berlin-Charlottenburg gerade eine renovierte Acht-Zimmer-Altbauwohnung bezogen, wo die Lithographien alle noch in Noppenfolie verpackt an den Wänden lehnen, und die von der Lebensgefährtin, einer Dokumentarfilmerin, ausgesuchten Designer-Möbel ihre kühle Sterilität verbreiten.

Harry fühlt sich angeschlagen. Er dreht gerade einen ambitionierten Fernsehkrimi, ohne ins Innere seiner Rolle als skrupulöser Kommissar vordringen zu können. Da wird ihm ein befremdlicher Brief durch den Postschlitz geworfen. Eine ihm unbekannte junge Frau behauptet darin, unheilbar an Lymphknotenkrebs erkrankt zu sein. Außerdem sei sie noch Jungfrau. Den nahen Tod vor Augen und somit keine Zeit für Experimente, wünsche sie sich Sex mit jemandem, dessen Gesicht sie kenne, der ihr Vertrauen einflöße. ",Für junge Männer interessiere ich mich nicht, deshalb frage ich Sie!' Unterzeichnet hatte eine Katja Westermann, wohnhaft in Berlin, Friedrichshain."

Harry Weinlaub ist konsterniert. Der Trick einer "publicitygeilen Göre", die ihn hereinlegen will, um dann ihre Erlebnisse an die Presse zu verkaufen? Die überspannten Phantasien eines neurotischen Fernsehjunkies, verseucht von "billigen TV-Dramaturgien"? Das beigelegte Schwarzweißfoto im Bikini zeigt eine bleiche, zarte Blondine, "halb Mondkalb, halb Undine", was Harry nicht sonderlich anziehend findet.

Die Berliner Schriftstellerin Marielouise Jurreit hatte nach einer Karriere als Sachbuchautorin in den siebziger und achtziger Jahren - ihr Buch Sexismus - Über die Abtreibung der Frauenfrage (1976) ist ein Standardwerk der deutschen Frauenforschung - vor vier Jahren den Roman Das Verbrechen der Liebe in der Mitte Europas veröffentlicht, eine deutsch-polnische Liebesgeschichte acht Jahre vor dem Fall des eisernen Vorhangs; eine Reise in die Vergangenheit zu traumatischen Familiengeheimnissen; der leidenschaftliche Kampf um eine Liebe, die sich nicht von historischen Fakten und aktuellen politisch-ideologischen Händeln besiegen lassen will. Furios geschrieben in knapp prägnanten Sätzen, die Charaktere der Geschichte von suggestiver Kraft und Originalität.

Merkwürdig blass bleiben hingegen die Figuren ihres neuen Romans Der Antrag. Liegt es daran, dass man in ihnen die üblichen Verdächtigen der Hauptstadt-Kultur-Schickeria, das alte und neue Personal der Berliner Medienrepublik als Schablonen zu erkennen glaubt: Schauspieler, Agenten, Regisseure, Filmleute samt einschlägigen Szenetreffs? Tauglich für die Boulevardpresse und freche Glossen, aber in ihren ausgestellten Posen zu riskant, um eins zu eins in Literatur überzugehen, die doch etwas über die Verhältnisse hinter den sorgsam präparierten Oberflächen erzählen sollte?

Harry Weinlaub ist keiner, der sich schnell in die Seele schauen lässt. Zur Entspannung flieht er in die Lektüre deutscher Mystiker. Immerhin bittet er die eines Tages vor seiner Wohnungstür wartende Briefschreiberin hinein, gibt der jungen Frau, die auch Schauspielerin werden will, fachliche Tipps und erzählt ihr die bizarre Geschichte seiner Wohnung - ohne zu verraten, dass es die Wohnung seiner Kindheit und der SS-Mann seiner Erzählung sein eigener Vater war.

Sog und Kalkül

Um Missverständnisse klarzustellen, trifft er sich noch einmal mit Katja - und gerät in eine Situation, die er eigentlich vermeiden wollte. Er lässt sich immer mehr in das Leben der jungen Frau hineinziehen. Aber während er sich noch väterlich mit ihr über Tschechow-Interpretationen auf deutschen Bühnen unterhält, hat sein bester Freund und Agent Lionel, Mitfünfziger und Bonvivant, diese bereits von ihrer Jungfräulichkeit erlöst und verbringt fröhliche Wochenenden mit der zunehmend Gesundenden an der Ostsee. - Kaum hat Katja jedoch den Regisseur von Harrys letztem Film kennen gelernt, auch der kein Jüngling, wird sie seine Geliebte und bekommt die Rolle der Nina in dessen nächster Theaterinszenierung von Tschechows Möwe. Und das, obwohl Harry regelmäßig vor ihrem Foto masturbiert, seine Lebensgefährtin ihn deswegen verlassen hat und der junge Schauspieler aus dem abgedrehten Krimi sich als WG-Genosse von Katja entpuppt, die mit ihm sogar dessen Rolle eigens dafür einstudiert hatte. Obendrein outet sich die siebenundachtzigjährige Ärztin, die seit dem Krieg und bis vor kurzem in Weinlaubs Haus in Charlottenburg gelebt hat, als frühere Geliebte seines Vaters. Die alten Berliner Mietshäuser haben eben nicht nur ihre Geschichte, sondern auch ihre Gespenster.

Marielouise Jurreit schreibt über Schatten, die deutsche Geschichte noch immer über individuelle Schicksale wirft, über die Zielstrebigkeit heutiger junger Frauen und die Anfälligkeit reiferer Männer, über Väter und Söhne, Männer und Frauen, die Kluft zwischen Generationen trotz sexueller Anziehung, über Bühnenkunst und Daseinstristesse. Genügend Stoff, der aber besser hätte arrangiert werden können. Die Autorin erzählt aus der Perspektive Harry Weinlaubs. Dem hatte Katja einmal vorgeworfen, er könne Empfindungen nur im Film spielen, und diese Indifferenz eines Verdrängungskünstlers legt sich auf den ganzen Text, auf alle Figuren.

Verschachtelte Relativsätze hemmen den Rhythmus, Sprachbilder funktionieren nicht oder bedienen banale Klischees, etwa wenn einer "Komplimente machte, dass es einem die Schuhe auszog", ein anderer "kein verbaler Typ" ist, ein Sanitäter den auf einer Bahre liegenden Harry "wie eine Pietà anlächelte" oder Licht ihn umflutete "wie eine teuflische Liebkosung". Hinzu kommen Sentenzen zur Tschechow-Interpretation aus dem Slawistik-Oberseminar.

Erst am Schluss, als Katja Harry, der ihr in einem Brief seine Liebe angetragen hatte, die Meinung sagt, gibt es eine Eruption unter der Glasglocke aus Distanz und Trivialität. Eineinhalb Seiten, auf denen Katja wirklich über sich spricht, wie sich ihr Leben anfühlt, von dem keiner dieser Männer eine Ahnung hat und bislang wohl auch nicht haben wollte. Ein Wutschrei, ein Aufschrei, kurz, existentiell und eindrucksvoll. Hier spürt man eine authentische Kraft, die dem Roman ansonsten leider fehlt.

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