Der
Anfang von etwas Schönem.
Roman von Lizzie
Doron (2007, Jüdischer
Verlag im Suhrkamp Verlag - Übertragung Mirjam
Pressler).
Besprechung von Sigrid Brinkmann in freitag
04 vom 25.1.2008:
Im Vorgarten begraben
In ihrem Roman
"Der Anfang von etwas Schönem" erzählt Lizzie Doron vom
beschädigten Leben der Zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden
Yad Elijahu ist ein kleines, architektonisch
geschlossen wirkendes Viertel im Süden von Tel Aviv. Man streift dort, abseits
der stark befahrenen Derek Ha-Haganah-Straße, durch verschattete Gassen, schaut
auf schmale, zweistöckige Häuser und Gärtchen, in denen neben knorrigen
Bäumen Geranien und Fuchsien blühen. Nach Yad Elijahu zogen fast
ausschließlich Überlebende der Konzentrationslager. Kaum sichtbar verlaufen
Grenzen innerhalb des Viertels. Orthodoxe Juden zogen sich von säkularen
zurück. Die Frommen haben Häuser rund um eine Synagoge bezogen, deren Größe
sofort ins Auge sticht. Jene Bewohner von Yad Eliyahu, die in Auschwitz ihren
Glauben verloren, gingen am Schabbat in unscheinbare, später abgerissene
Bethäuser. Sie forderten den Bau kleiner Bunker, und die Stadtverwaltung kam
dem Bedürfnis nach.
Heute gibt es in jeder israelischen Kommune ausreichend Schutzräume. Kaum einer
der Bewohner von Yad Elijahu kehrte, und sei es besuchsweise, zurück nach
Europa. Und erhielt jemand ein Paket mit gut gemeinten Sachgeschenken "Made
in Germany", so wurden diese stillschweigend im Vorgarten begraben. Wer
sich mit Wiedergutmachungszahlungen "kaufen" ließ, kam auf die
"Liste der Unberührbaren". Den Geächteten blieb nur der Wegzug in
ein innerstädtisches Viertel. Allein die europäische Fauna, frei von Schuld,
durfte in der schtetlhaften Enklave ranken und heimisch werden.
Auch Lizzie Dorons dritter ins Deutsche übersetzte Roman legt Spuren dorthin.
Wer die autobiographische Novelle Warum bist du nicht vor dem Krieg
gekommen? kennt, weiß, dass die 1953 geborene Autorin in Yad Elijahu
aufwuchs mit einer prinzipienfesten Mutter, die über ihre leidvolle
Vergangenheit im Lager beharrlich schwieg. Sie trug der Tochter auf, ihr Leben
ganz auf die Zukunft auszurichten; gleichzeitig aber quälte sie die
Vorstellung, das eigene Kind würde wie alle "neuen Juden" lernen, mit
Gewehren umzugehen, jeden Hügel im Land erkunden und sich wohlmöglich für ein
Leben im Kibbuz entscheiden. Es sollte genauso kommen.
In Der Anfang von etwas Schönem erzählt Doron von drei
Gleichaltrigen, die in Yad Elijahu aufwuchsen und deren Lebenswege sich vierzig
Jahre später wieder kreuzen. Jeder Figur ist ein eigenes Kapitel gewidmet.
Malinka Zuckmayer ist eine bekannte Radiomoderatorin geworden. Sie nennt sich
Amalia Ben Ami und wohnt seit drei Jahrzehnten allein im Haus ihrer Mutter. Die
hatte verfügt, Amalia dürfe es erst verkaufen, wenn sie geheiratet habe.
Amalia hat aber nur Affären mit verheirateten Männern.
Der hinkende Gadi wurde wegen seiner Behinderung vom Militärdienst befreit.
Diese Zurücksetzung traf den Versehrten so hart, dass er Israel verließ und
dort blieb, wo man "kein Brot aus Erinnerungen backt": in Amerika.
Durch eine willensstarke, dem orthodoxen Milieu in Brooklyn entflohene Ehefrau
zu Reichtum gekommen, beginnt Gadi, sich immer heftiger nach seinem Geburtsort
zu sehnen. Abgeschnitten vom israelischen Alltag, züchtet er in New York den
Wunsch, mit der spöttisch-sprunghaften und unberechenbaren Amalia zu leben.
Chesi machte in Paris als Zeithistoriker Karriere. Er ist durchdrungen von der
Idee, dass der Zweite Weltkrieg erst vorbei sein wird, wenn Juden wieder in ihre
ursprünglichen Heimatorte zurückkehren. Während eines Besuchs in Israel hört
er Amalias Stimme im Radio. Sie verabschiedet sich mit einem "Schlager aus
dem Lager": "Still, still, mein Kind, schweig still, hier wachsen
Gräber". Dieses Lied war die "Hymne" ihrer Kindheit. Und weil
auch Chesi damit in den Schlaf gesungen wurde, kommt es zu einem Treffen der
beiden erwachsen gewordenen Kinder aus Yad Elijahu. Was als "der Anfang von
etwas Schönem" beschworen wird, endet im Fiasko. Ob das Schöne einer
Begegnung wie einer versöhnenden Idee sich alsbald in Schrecken verwandelt,
darüber entscheidet bei Doron der Umgang der Menschen mit dem geschichtlichen
Erbe.
Chesi tritt als Missionar auf. Amalia, von ihm nach Polen gelockt, um im
Verborgenen Vorbereitungen für den Wiederaufbau einst jüdischer Dörfer zu
leisten, flieht das Land und den Mann. In ihrem Gepäck hat sie Bruchstücke
jüdischer Grabsteine. Den israelischen Zollbeamten, der die Steine misstrauisch
begutachtet, provoziert Amalia mit der Frage: "Suchen Sie Verwandte?"
Der sarkastische Ton, den Doron immer wieder anschlägt, hat nichts Forciertes.
Ihre Figuren sitzen allesamt in der Falle und beweisen, dass es keinen richtigen
Umgang mit dem Gedenken an die Schoah und ihre Opfer geben kann. Doron erzählt
vom beschädigten Leben der Zweiten Generation. Die wuchs mit dem Gefühl auf,
gezeugt worden zu sein, um die Eltern für die in der Schoah erlittenen Verluste
zu trösten.
Eines der erwachsenen Kinder klaubt Gegenstände aus dem Elternhaus und benutzt
diese für prätentiöse Installationen. Wer die Hinterlassenschaften der
Überlebenden effektvoll arrangiert, beutet deren Leben aus. Wer sich in ihnen
einrichtet und dem Ort der Herkunft nicht entwächst, geht daran zugrunde. Dass
es keinen Mittelweg zu geben scheint, ist das Dilemma, welches Doron in vielen
Szenen umreißt. Nüchtern schildert sie, wie nachsichtig die traumatisierten
Überlebenden miteinander umgingen, und wie aggressiv sie die
Selbstbehauptungsversuche ihrer Kinder kommentierten. So wird Amalia von der
engsten Freundin ihrer Mutter als "klafte" beschimpft: als eine
Person, die einem im Ghetto nicht das geringste Krümelchen Brot gegönnt
hätte. Lizzie Doron ist die literarische Chronistin des Viertels Yad Elijahu.
Unter den Autoren der Zweiten Generation gibt es keinen, der die widerstrebenden
Gefühle der Nachkommen von Überlebenden tiefer auslotet.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0108 LYRIKwelt © Freitag