Der andere Deutsche. Heinrich Böll.
Eine Biografie von Heinrich Vormweg (2000, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Michael Cerha aus Der Standard, Wien vom 27.01.2001:

Die Mutter oder die Frau befreien
Der Literaturkritiker Heinrich Vormweg zeichnet den Lebensweg Heinrich Bölls nach

Eine "wissenschaftlichte Arbeit" ist sie nicht, die erste umfangreiche Heinrich-Böll-Biographie, die der 72jährige deutsche Literaturkritiker Heinrich Vormweg bei Kiepenheuer herausgebracht hat. Was Vormweg nach 400 Seiten als sein Ziel verrät, hat er aber eindrucksvoll erreicht: Die Abfassung einer "möglichst sachlichen und wahrheitsgetreuen Erzählung". Sie bewirkt, dass man für sich selbst gelten lässt, was Vormweg eingesteht: Er habe nicht geahnt, wie oft er Deutschlands weltweit bekanntesten Nachkriegsschriftsteller, obwohl seit dessen ersten Publikationen sein Leser und in den letzten zehn Lebensjahren sein Freund, doch nur "unzulänglich begriffen habe".

"Ich bin mit Böll nicht fertig", bleibt auch noch zu sagen, in Übereinstimmung mit Vormweg. Im Gegenteil macht Der andere Deutsche. Heinrich Böll. Eine Biographie gute Lust, noch einmal von vorne mit der Lektüre des Nobelpreisträgers von 1972 zu beginnen. Wie jede detaillierte, in die Tiefe gehende, die biographischen Gegensätze herausarbeitende Lebensbeschreibung macht auch diese neugierig darauf, wie sich in ihrem Licht die Lektüre-Eindrücke ändern.

Am erhellendsten, weil letztlich grundlegend, erscheinen jene Abschnitte, in denen Vormweg Bölls Kindheit und Jugend zu rekonstruieren versucht. Ein Unternehmen, das umso größerer Einfühlung bedarf, als das Quellenmaterial dürftig und verstreut ist. Auch bedarf es kritischer Prüfung: Denn selbst, wo Böll selbst sich an seine Kindheit erinnert, was er nicht allzu oft und unter Aussparung wichtiger Aspekte wie beispielsweise der Sexualität tat, ist blindes Vertrauen unangebracht. Der Literat geht mit dem "Realisten" Böll ganz gerne durch. Schon die allererste Lebenserinnerung ist mit der Realität nicht vereinbar: Das Bataillon Soldaten, das Böll als Einjähriger 1918 in den Armen seiner Mutter vom Fenster aus beobachtet haben wollte, ist nie am Wohnhaus der Tischlerfamilie Böll vorbeigezogen.

Aber die Mutter. Wortlos ist sie immer da. Ihr Katholizismus, ihre Schwermut, ihr Trotz. Dass der viel ältere Böll in einem Interview den Vater als die wichtigere Bezugsfigur angibt, ehe er nach einigem Zögern erklärt, vielleicht sei die Mutter für ihn doch gleich bedeutend gewesen, lässt Vormweg zu Recht als hinterfragbar erscheinen. Da ist ja nicht nur Annemarie Cech, die während des Weltkriegs geheiratete sieben Jahre ältere Ehefrau Bölls. Da sind auch Sätze wie: "Die Erinnerung an meine Mutter und auch der Rückblick auf die Kindheit meiner Eltern ist es, der mich sehr bewegt, sehr schmerzlich bewegt. Ich möchte meine Mutter oder die Frau befreit sehen." Die charakteristische Aufmerksamkeit des Schriftstellers Heinrich Böll für Frauengestalten, von Käte Bogner bis Leni Pfeiffer, hat hier ihren unverkennbaren Ursprung.

Behutsam gewichtet Vormweg die frühen, unveröffentlichten literarischen Versuche, die Böll zwischen Abitur und Arbeitsdienst ohne die leiseste Publikationsaussicht unternommen hat. Die Kritik an der Institution Kirche prägt sie, allerdings bei gleichzeitiger vehementer Religiosität und einer etwas schwärmerischen Identifizierung mit "dem Volk". Vormweg nennt dieses ideologische Gewirr das "Dickicht", das Böll sein Leben lang durchforsten sollte. Aus seiner Identifizierung mit dem Volk bleibt Böll im Weltkrieg lieber "Schütze Arsch". Er glaubt bei allem erkannten Wahnsinn der Barbarei noch 1943, dass "wir diesen Krieg gewinnen". Und die von Anfang an vorhandene Ablehnung des Nationalsozialismus muss bis weit nach 1945 auf ihre fundierte Ausformulierung warten.

Vormwegs außerordentliche Einfühlung ist die Stärke, irgendwann aber auch die kleine Schwäche dieser Biographie. Vor lauter Erklärung fehlt einem manchmal der lebendige Widerspruch, ohne den eine Diskussion nicht sein kann. Es muss ja nicht auf dem Niveau sein, auf dem der Kämpfer Heinrich Böll in der deutschen Öffentlichkeit undifferenziert und verständnislos zum "Gewissen" oder zur Schande der Nation abgestempelt wurde, wenn er gegen die Remilitarisierung der BRD oder die Springer-Presse auftrat, die Atomwirtschaft kritisierte oder die staatliche Hetzjagd auf Ulrike Meinhof und ihre Gesinnungsgenossen. Nur, wenn die Diskussion sich fortsetzt, ist das Ende nicht das Ende, wie es bei Vormweg über den 19. Juli 1985 steht: "Von der Friedhofskappelle aus, wo Heinrich Böll aufgebahrt war, haben die Söhne René und Vincent, die Schriftsteller und Freunde Lew Kopelew, Günter Grass und Günter Wallraff und der Jugendfreund Kaspar Markard den Sarg mit dem Leichnam Heinrich Bölls den Hügel hochgetragen, auf dem der Friedhof von Merten angelegt ist und auf dem sich ganz oben sein Grab befindet."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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