Der Andere von Julien Green, Hanser-VerlagDer Andere.
Roman von Julien Green (2001, Hanser - Übertragung Gerhard Heller).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 27.6.2002:

Glauben finden, Glauben verlieren
Ein gescheitertes Alterswerk: Julien Greens Roman "Der Andere" endet als Erbauungsliteratur

Als Julien Green in die Jahre gekommen war, wollte er es der Welt noch einmal beweisen. Er war streng gläubiger Katholik und schrieb Bücher, die nichts anderes als die Hölle auf Erden schilderten. Nichts Freundliches geschah zwischen den Menschen, jeder, so sah es dieser Autor, ist des anderen Wolf. Er dachte Katastrophengeschichten zu Ende. Die Welt ist voller windiger Charaktere, und Julien Green liebte es, den miesen Zustand unserer Gesellschaft, nein, nicht zu beklagen, sondern mit Genuss in allen Details zur Besichtigung frei zu geben.

Was ist katholisch an dieser Literatur? Green wartete nicht mit Heilserwartungen auf, mit Trost verfuhr er recht sparsam, aber er hat vom Prinzip der Beichte gelernt. Er leuchtete das Innenleben von Personen aus, die ihre Grausamkeiten im Verborgenen begehen. Aber ein Katholik, der sich nichts vormacht, der es ernst meint mit der Beichte, muss sich den Verirrungen seiner Seele stellen und den Mut aufbringen, in Sprache zu bringen, was er anderen zufügt. Literatur als Erforschung der unheimlichen heimlichen Leidenschaften, verkorksten Beziehungen, vermurksten Hoffnungen, das war Julien Greens großes Projekt, dem wunderbare Ergebnisse zu verdanken sind. Deshalb ist ihm für Leviathan oder Mont-Cinère höchste Anerkennung zu zollen. Als der Roman Der Andere 1971 erschien, war Green 71 Jahre alt. Aus Altersweisheit ist Altersmilde geworden. Denn mit der Unerbittlichkeit, sich den Ängsten zu stellen, ist es jetzt vorbei.

Green ist sanft und ratlos geworden. "Eine der Schwierigkeiten meines Romans besteht darin, dass ich mich nicht in den Geisteszustand eines Atheisten hineinzuversetzen, geschweige denn ihn mir überhaupt vorzustellen vermag." Das notierte der Autor 1968, während der Arbeit an dem Roman Der Andere, in sein Tagebuch. Das wirkt sich katastrophal auf das Buch aus, denn es wird moralisch und immer moralischer, und das schlechte Gewissen, das sieht man, sitzt dem Autor im Nacken. Er beschäftigt sich mit etwas Verwerflichem, und damit kommt er nicht zurande. Er sucht sich einen Rückhalt in der Religion, die ins Lot bringt, was aus dem Gleichgewicht geraten ist. Statt eines Romans, der seine Botschaft in Handlung übersetzt, hat er ein Buch vorgelegt, das grüblerisch Probleme zerredet. Es geht Green um nichts weniger als Überzeugungsarbeit, deshalb gibt er Gläubigen die Gelegenheit, sich wortreich und umständlich zu artikulieren, auf dass sie Zweiflern ihre Fragen ausreden.

Zwei Personen stehen im Mittelpunkt, und jeder verleiht Green seine Stimme. Ein junger Franzose, Roger, ein leichtlebiger Kerl, ein Taugenichts und Tunichtgut, hält sich im Sommer 1939, der Zweite Weltkrieg ist in nicht allzu weiter Ferne, in Dänemark auf. Ein langes Kapitel lang spricht Green mit Rogers Stimme, versetzt sich in die Rolle des erotischen Flaneurs, der es nicht so genau nimmt mit der Liebe. Und doch sind die moralischen Zügel schon beizeiten bereitgelegt. Roger, in einer Parkanlage nach nächtlichen kleinen Lieben Ausschau haltend, analysiert sich rückblickend so: "Ich gehorchte der Natur, aber zugleich bedauerte ich, dass das Gefühl der Sünde sich nicht einstellte, wäre es auch noch so schwach gewesen, um all dem einen Stachel zu geben, was durch simples Wiederholen zu einem alltäglichen Ereignis auszuarten drohte." Und tatsächlich: Roger findet am Ende in den Schoß der Kirche.

Eine junge Dänin, Karin, hatte während des Krieges zahlreiche Affären mit deutschen Soldaten. Die Gesellschaft verzeiht ihr den Makel nicht, nach dem Krieg lebt sie als Geächtete. Green spricht in einem zweiten langen Kapitel mit Karins Stimme, die einmal religiös gewesen ist und dann den Glauben verloren hat. Aber auch sie findet nach all den Turbulenzen zur Religion zurück, "auch diesmal hat der Teufel verloren".

Aber spricht der Autor Julien Green tatsächlich mit zwei verschiedenen Stimmen? Gewiss nicht. Es spricht Julien Green, und zweimal verstellt er seine Stimme. Er macht uns glauben, dass er zwei unterschiedliche Charaktere zu Wort kommen lässt, aber es ist schon vorher ausgemachte Sache, wo das alles enden wird. Karin und Roger sind nur dazu da, Greens eigene Stimme zu verstärken.

Der Roman ist als Beweis angelegt, dass verlorene Schäfchen ein Plätzchen in der Ewigkeit finden werden. Green versuchte, der Gefahr zu entgehen, indem er Elemente des Spannungsromans in Anwendung brachte. Die Leiche von Karin wird im Hafenbecken gefunden, das ergibt dann den Anlass, die Vorgeschichte zu erzählen. Und so schlägt die Stunde der Bigotterie. Karin und Roger haben eine gemeinsame Geschichte, liebten für kurze Zeit einander heftig. Dann kam die Trennung, der Mann zog in den Krieg, die Frau gab sich anderen Männern hin. Der Mann wurde zum Glauben erweckt, die Frau verlor den ihren, steht da als Muster der Verworfenheit, das der Rettung harrt. Und der gute Green kann nicht lange zuschauen, führt ein paar verbale Scheingefechte - und am Ende siegt der Glaube. So bekommt der Roman schließlich den Anstrich eines Erbauungsbuches.

Nur der gewaltsame Tod Karins passt nicht so recht dazu. Aber er sieht aus wie die von oben verfügte nachträgliche Bestrafung eines liederlichen Wesens.

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