Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger, 2011, Hanser1.) - 3.)

Der alte König in seinem Exil.
Roman von Arno Geiger, (2011, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 3.2.2011:

Arno Geiger schreibt über Demenz
Der Autor Arno Geiger schreibt über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters – und findet in all dem Schrecken eine poetische Schönheit.

„Hast du Angst vor dem Sterben?“ – „ Obwohl es eine Schande ist, es nicht zu wissen, kann ich es dir nicht sagen.“

August Geiger wurde am 4. Juli 1926 der Vorarlberger Gemeinde Wolfurt geboren, als drittes von zehn Kindern. Die Eltern besaßen „drei Kühe, einen Obstgarten, einen Acker, eine Streuwiese, ein Stück Wald, ein Schnapsbrennrecht für dreihundert Liter und ein Bienenhaus.“ Im Februar 1944 wurde August Geiger eingezogen, kam zur Wehrmacht und an die Ostfront, geriet 1945 in Gefangenschaft, erkrankte, starb fast in einem Lazarett in Bratislava.

„Der Vater kam in der zweiten Septemberwoche heim, als das Licht schon wieder gelblich wurde und das dritte Heu eingebracht werden musste.“ Er kam heim und ging nie wieder; selbst zum Urlaub konnten Ehefrau und Kinder ihn nie überreden: „Für den Vater musste die Welt nur deshalb so groß und schön sein, damit nicht alle in Wolfurt herumrannten.“

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat die Lebensgeschichte seines Vaters festgehalten, weil er selbst sie ja verlor: „Es ist, als würde ich dem Vater in Zeitlupe beim Verbluten zusehen.“ Die Alzheimerkrankheit raubt ihm sogar die geliebte Heimat – „weil er vergessen hatte, dass er zu Hause war.“

Sie, die Leser, wissen nun schon mehr über August Geigers Biografie als er selbst.

Was bleibt von einem Menschen, wenn er seine Erinnerung verliert? Was bedeutet es für die Kinder, den Partner, wenn noch vor dem geliebten Menschen die Liebe verlöscht – weil sie vergessen wird?

Die Magie der Wörter

Über die Demenzerkrankung naher Menschen schrieben zuletzt etwa John Bayley, Ehemann der Philosophin Iris Murdoch, oder Tilman Jens, Sohn des Schriftstellers Walter Jens. Andere wählten die weniger angreifbare Form der Fiktionalisierung (s. Infobox), um dem Verfall eines Menschenlebens, dem Alltag des Alterns nachzuspüren. Ob nun ein Erdbeerfeld unbestellt bleibt wie in Katharina Hackers Roman oder ein Mann den Weg nach Hause auf Zetteln skizzieren muss wie bei Martin Suter – stets galt der Fokus dabei dem Verlust.

Arno Geiger aber nimmt nun auch den Gewinn in den Blick. Er stellt fest, dass ja der Kern der Persönlichkeit – Witz, Charme, Würde – gesund bleibt. Er notiert die verschrobenen Sätze des Vaters, bestaunt das „magische Potential der Wörter“. „Ich bin nicht gut besattelt“, sagt der Vater etwa nach einem Spaziergang: „Meine Schuhe haben nicht die richtige Übersetzung.“ Zu Weihnachten bietet er den Nachrichtensprechern im Fernsehen Plätzchen an. Und lehrt seine Kinder, dass gemeinsames Singen gegen „Heimweh“ hilft – weil der Vater sich in Volksliedern zu Hause fühlt.

Die Kinder lassen sich ein auf seine Wahnwelten, füllen unbemerkt Erinnerungslücken. Denn schließlich, so Arno Geiger, sei die Kluft zwischen den erinnernden und den vergessenden Menschen nicht so groß: „Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes.“ Arno Geiger ringt, ohne bloßzustellen, einer persönlich gefärbten Tragik Erkenntnisse über das Leben selbst ab. Sein Buch ist ein Geschenk. Danke dafür.

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Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger, 2011, Hanser2.)

Der alte König in seinem Exil.
Roman von Arno Geiger, (2011, Hanser).
Besprechung von Klaus Zeyringer in Der Standard, Wien vom 5.2.2011:

Das Alter, eine Rutschbahn
"Der alte König in seinem Exil": Arno Geiger erzählt zutiefst human vom demenzkranken Vater

"Und was ist das!?", fragt der betagte Vater. "Das sind Bäume, Papa." Er zieht die Brauen hoch: "Die erwecken aber nicht den Eindruck von Bäumen."

Die Alzheimer-Welt ist von außen kaum zugänglich. Um eine Ahnung zu erlangen, was die Menschen erleben, denen die Demenz den Boden unter ihrer Wahrnehmung wegzieht, bedarf es einer großen Beobachtungsgabe und eines gehörigen Einfühlungsvermögens. Arno Geiger verfügt darüber in hohem Maße, zudem über eine beachtliche Analysefähigkeit und vor allem über seine Sprachkunst. Er schafft mit seinem neuen Werk Der alte König in seinem Exil eine ebenso eindringliche wie zutiefst humane Erzählung von seinem Vater.

Nicht nur ein persönliches Schicksal bringt er nahe, sondern auch eine - bei aller Pein - optimistische Geschichte von der Menschenwürde. "Es gibt da etwas zwischen uns, das mich dazu gebracht hat, mich der Welt weiter zu öffnen", bemerkt der Sohn auf den letzten Seiten; es sei "das Gegenteil von dem, was der Alzheimerkrankheit normalerweise nachgesagt wird - dass sie Verbindungen kappt. Manchmal werden Verbindungen geknüpft."

Wie ein alter König im Exil erscheint am Anfang des Buches der Vater, der rat- und rastlos durchs eigene Haus irrt, das er nicht mehr als Zuhause erkennt. Der gewöhnliche Bezug zu seiner Außenwelt bekommt Sprünge, geht verloren. In die immense innere Unsicherheit geben Fragen, Aussprüche, Gesprächsansätze höchstens den Schimmer eines Einblicks. Die Sprache, eine ungewisse Brücke: eine Aufgabe und Herausforderung für einen Schriftsteller.

Die erzählerische Vorstellungskraft führt uns die mittlere Phase der Demenz, in der die Krankheit deutlich als solche erkennbar wird und in der Arno Geiger die Geschichte seines Vaters ansetzt, vor Augen: "Als wäre man aus dem Schlaf gerissen, man weiß nicht, wo man ist, die Dinge kreisen um einen her, Länder, Jahre, Menschen. Man versucht sich zu orientieren, aber es gelingt nicht. Die Dinge kreisen weiter. Tote, Lebende, Erinnerungen, traumartige Halluzinationen, Satzfetzen (...) - und dieser Zustand ändert sich nicht mehr für den Rest des Tages." Der Erzähler bietet eine nachvollziehbare Möglichkeit einer Innensicht. Und zugleich schildert er den persönlichen Fall aus familiärer Nähe sowie mit Blick auf das Allgemeine. Lässt man sich auf eine Begegnung mit der ihnen vermutlich chaotisch erscheinenden Welt der Alzheimer-Kranken ein, so mag man sich wohl fragen, wie es um unsere rationale Weltsicht und unsere Wichtigkeiten bestellt ist.

Er habe gelernt, schreibt Arno Geiger, dass man für das Leben eines an Demenz erkrankten Menschen neue Maßstäbe brauche. Dies weiß er in seinem Buch berührend einsichtig mitzuteilen. Der tägliche Umgang mit dem Vater gleicht für die Familie "immer öfter einem Leben in der Fiktion": "Wir lernten, dass die Scheinheiligkeit der Wahrheit manchmal das Allerschlimmste ist."

Entsprechend unterwirft Geiger die gängigen Muster erzählter Einordnung und vergleichender Erklärung seiner genauen Betrachtung. Nein, die Betroffenen seien nicht wie kleine Kinder, wie eine ärgerliche Metapher behaupte, denn es gehöre zum Wesen des Kindes, "dass es sich nach vorne entwickelt. Kinder erwerben Fähigkeiten, Demenzkranke verlieren Fähigkeiten. Der Umgang mit Kindern schärft den Blick für Fortschritte, der Umgang mit Demenzkranken den Blick für Verluste". Das Alter gebe nichts zurück, es sei eine Rutschbahn.

In des Vaters Abwärtsspirale, die ein Wieder-Zusammen-Finden der Familie zur Folge hat, setzt Arno Geiger als Kontrapunkt dessen Lebensgeschichte: von der ärmlichen Kleinbauernherkunft in Vorarlberg über das Trauma der fast letalen Kriegsgefangenschaft bis zum Posten des Gemeindeschreibers von Wolfurt und zum dauernden Werkeln am eigenen Haus. Und der Sohn, der so auch eigenen Lebensspuren nachgeht, schafft es, den Vater in den Alzheimer-Stadien als beachtlichen Menschen zu zeigen.

Alle Demenzkranken leiden an tiefer Heimatlosigkeit, wollen "nach Hause", an einen ihnen nun unzugänglichen Ort der Geborgenheit; nicht viele bringen derart poetisch klingende Sätze hervor wie August Geiger - bezeichnende Dialoge leiten jeweils die Kapitel des Buches ein. Oft erscheinen sie skurril, bisweilen als surreale Momente, in denen Komik mit Verzweiflung einhergeht. Wunderbare, erschütternde Sätze: "Früher hatte ich auch Katzen, nicht gerade für mich allein, aber als Teilhaber" oder "Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter". Phasenweise verfügt der Vater über eine erstaunliche Lockerheit seiner Worte, sodass sich Arno Geiger geradezu "in Berührung mit dem magischen Potential der Wörter" wähnt.

Das alles erzählt er so einfühlsam, so nahe gehend, dass es der Versicherungen durch die Zitate eines Derrida oder Kundera oder anderer gar nicht bedürfte. Das Erzählen, merkt er im letzten Kapitel an, bringt "dadurch, dass es sich dem Verschwinden widmet, die verschwundenen Dinge zurück".

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Der alte König in seinem Exil von Arno Geiger, 2011, Hanser3.)

Der alte König in seinem Exil.
Roman von Arno Geiger, (2011, Hanser).
Besprechung von Alexander Altmann im Münchner Merkur, 5.4.2011:

Arno Geiger: Neues Buch über Alzheimer und seinen Vater
Arno Geiger hat ein Buch über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters geschrieben. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein bewegendes Werk mit zart-absurder Komik und fast surrealer, valentinesker Poesie.

August will nach Hause. Dabei sitzt er schon in der Küche seines Hauses, wo er seit Jahrzehnten lebt und das er einst selbst gebaut hat in einem Vorarlberger Dorf. Aber das weiß August Geiger nicht mehr, so wie er auch seine Kinder nicht mehr erkennt, sondern für Fremde hält. Der alte Mann leidet an Alzheimer, und darüber hat sein Sohn jetzt ein bewegendes Buch geschrieben: „Der alte König in seinem Exil“ heißt dieses Werk des vielfach ausgezeichneten österreichischen Autors Arno Geiger. Von dem etwas verklärenden Titel sollte man sich allerdings nicht irreführen lassen. Denn Geiger zeichnet kein Pflegefall-Idyll, sondern verschweigt auch die Extrembelastung nicht, die der kranke Vater für die Angehörigen darstellt. Er erinnert sich an „Tage, an deren Ende alle reif für die Zwangsjacke waren. Ich selber hatte manchmal noch unter der Dusche das Gefühl, zu rennen, und einmal, als ich am Kleiderkasten vorbeiging, hatte ich das Bedürfnis, mich hineinzusetzen.“

Aber dieser Horror ist nur die eine – im Buch eher zurückgenommene – Seite. Immer wieder schildert Geiger auch die zart-absurde Komik, die fast surreale, valentineske Poesie, die in ruhigeren Phasen aus den Gesprächen mit dem dementen Vater entsteht, diesem König im Exil des Vergessens: Auf die Frage „Papa, weißt du überhaupt, wer ich bin?“, kommt die geradezu Zen-buddhistisch wirkende Antwort: „Als ob das so interessant wäre.“ Und als der Sohn ihm die beiden Socken reicht, fragt der Vater: „Wo ist der dritte?“ Lauert da die Gefahr der künstlerischen „Verwertung“ eines Menschen, der Abschöpfung des literarischen Mehrwerts einer gar nicht erbaulichen Situation? Geiger, der spürte, wie heikel sein Unternehmen ist und der nicht umsonst auf dieses Buch „sechs Jahre gespart“ hat, bannt die Gefahr durch seine unprätentiöse, sachliche Sprache. Eine ehrliche Sprache, die zwar dem Sujet geschuldet, doch zugleich eine Annäherung an das Wesen des Vaters ist. Denn der Autor erzählt nicht nur von einem kranken Mann. Vielmehr nimmt er dessen Vergessen als Anlass, sich quasi stellvertretend für den Vater zu erinnern, das Leben des August Geiger zu rekapitulieren und das seiner Vorfahren und Verwandten gleich mit. So entsteht das Porträt eines „unscheinbaren“ Menschen, eines Gemeindebeamten und Kleingärtners in der österreichischen Provinz, dem nach dem Trauma von Krieg und Gefangenschaft nichts über häusliche Geborgenheit ging. Und doch wird an diesem Menschen das ganze Drama unserer Existenz sichtbar, und Geigers Bericht weitet sich zu einem literarischen Ecce-Homo-Bild.

Zur latent religiösen Tendenz dieser oft überraschend heiteren Darstellung gehört, dass man sie als eine Art Trostbuch und Selbstvergewisserung lesen kann. Als Beschwörung der unveränderlichen Person, die der Vater bei aller „Persönlichkeitsveränderung“ ist, weil er seine verlorenen Erinnerungen längst „in Charakter umgemünzt“ hat, „und der Charakter war ihm geblieben“.

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