Der Akkordeonspieler von Marie-Luise Scherer, 2004, Eichborn

Der Akkordeonspieler.
Erzählungen von Marie-Luise Scherer (2004, Eichborn).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 19.05.2004:

Scherers Geschichten

Marie-Luise Scherer ist eine der letzten ihrer Art: Eine Schriftstellerin, die sich als Reporterin ausgibt. Ihre Erzählungen werden im "Spiegel" gedruckt. Hin und wieder. Nicht etwa, weil man dort so wählerisch wäre, sondern weil Marie-Luise Scherer sich Zeit, viel Zeit nimmt. Journalisten nennen vieles eine "Geschichte", ihre Reportagen sind es: Geschichten, die den Menschen, von denen sie erzählen, so nah wie möglich kommen - Geschichten, die so gut sind, dass sie erfunden sein müssten. Es sind aber "wahre Geschichten aus vier Jahrzehnten", wie Marie-Luise Scherers Sammelband "Der Akkordeonspieler" im Untertitel heißt.

Der Titel folgt der längsten Geschichte dieses Bandes, sie war noch unveröffentlicht. Und folgt Vladimir Alexandrowitsch Kolenko aus dem kaukasischen Essentuki im Stawropoler Gebiet, der sich auf den Weg nach Berlin macht, dort als Akkordeonspieler Bettelmünzen sammelt, um mit einem riesigen Berg von Kleidern in seine Heimatstadt zurückzukehren - der Beginn einer ewigen Pendelei zwischen Essentuki und Berlin, das kälter ist als der Kaukasus. Im Westen sind reiche Russen der Import-Export-Klasse, zu Hause bleiben die anderen, die sich den Rücken im Sanatorium krumm arbeiten wie Kolenkos Frau Galina.

Es gibt grausige Geschichten wie die über die mörderische "Bestie von Paris" - und es gibt stille, genaue Beobachtungen bei der Proust-Verfilmung von Volker Schlöndorff, die sich zum Porträt einer Klasse entwickeln. Es gibt aber auch ein Porträt das "RAF-Anwalts Otto Schily" von 1978, das mit dem amtierenden Bundesinnenminister nur noch das Geburtsdatum gemein hat. Denn nicht alle Geschichten von Marie-Luise Scherer sind zeitlos. Manche sind einfach nur gut. 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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