Der Abfahrer-und wie ihm das Leben entgegenkam von Bille Haag, 2007, AssoDer Abfahrer - und wie ihm das Leben entgegenkam.
Roman von Bille Haag (2007, Asso Verlag).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 27.07.2007:

Die Tour seines Lebens
Ein lesenswertes Debüt: Der etwas andere Radroman "Der Abfahrer" von Bille Haag. 

Die Grundidee dieses Romans ist so schräg wie der Verlauf der diesjährigen Tour de Farce durch Frankreich: Alfred Zarteck (ja, ein ironisch sprechender Name) feiert seinen fünzigsten Geburtstag auf dem Rad, in den Cevennen, an einem Ausläufer des Zentralmassivs, mit einer "LebensMittenRundtour" und Startnummer 50: Er klettert den Berg hoch und rollt dann die Schleifen einer natürlichen Serpentinenlandschaft hinunter - um dann im Talkessel bei den Gästen seines Festes anzukommen und sich feiern zu lassen.

Düsseldorf und Buer, Kordula und France

Es wird die Tour des Lebens für Alfred Zarteck. Er tritt in die Pedale - und das Kind, das er war, tritt in seine Erinnerung. Die ersten Jahre in Düsseldorf, mit Bildern aus dem Hofgarten; der Umzug nach Gelsenkirchen-Buer, die Einkaufsfahrten nach Holland, die Kinderlähmung und die Mühen der Heilung; das Studium in Bochum, die jungen Jahre in Frankfurt und Duisburg, der Bundesliga-Bestechungsskandal und Werner Höfers Frühschoppen mit sechs Alkoholikern aus fünf Ländern... Und Kordula! Die sich die Brüste verkleinern ließ, weil sie aussehen wollte wie Audrey Hepburn, zu Alfreds abgrundtiefer Enttäuschung. Und Bettina! Die am Schauspielhaus Bochum war. Und France! Mit der Alfred die deutsch-französische Erbfeindschaft im Alleingang hinfällig machen wollte, gerne auch im Liegen.

Ein Leben zieht da in Bildern und Sätzen vorbei, ein eigenes, eigen sortiert. Ein paar Assoziationskettenglieder baumeln leer in der heißen Luft überm Asphalt - und doch merkt man Bille Haags Roman "Der Abfahrer - und wie ihm das Leben entgegen kam" nicht an, dass es sich um ein Debüt handelt. Nun, die Autorin Bille Haag, die einige Lebensstationen mit ihrem Helden teilt, hat ja auch dessen groß gefeierten Rundgeburtstag schon eine Weile hinter sich.

Ihr Wille zu eigenen Ton, zum wortweisen Umkurven von Klischees und abgenutzten Redeweisen führt zu schönen Sätzen, Absätzen und Kapiteln. Jenseits klitzekleiner Fehlerchen ("Dany Karawan"? Dani Karavan!) beeindruckt der geschmeidige Umgang mit dem Radsport, mit seinen Vokabeln und Gefühlen, der Eleganz und den Techniken, mit seiner fast buddhistischen Neigung zum Einswerden mit Allem, wie man sie schon in Uwe Johnsons wunderbarem "Dritten Buch über Achim" gelesen hat. Seither wissen wir ja auch, dass sich Radrennfahrer zuerst einmal den Kopf leer fahren müssen, selbst wenn sie bis in die Haarspitzen voll mit Doping-Mitteln sein sollten. Erst wenn sie diesen Trance-ähnlichen Zustand erreicht haben, in dem sie Teil der Maschine werden, auf der sie sitzen, sind sie reif für den Erfolg. Kein Wunder also, dass der erinnerungstrunkene Alfred Zarteck auf der Zielgeraden ... nein, wir haben schon genug verraten. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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