Der Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin von Marlene Streeruwitz, 2008, WeissbooksDer Abend nach dem Begräbnis der besten Freundin.
Prosa von Marlene Streeruwitz (2008, Weissbooks).
Besprechung von Helmut Schönauer, 2008:

Im Verkehrsgeschehen ist es egal, in welcher Stimmung sich die Akteure darin bewegen, so hat selbst so ein aufwühlendes Ereignis wie ein Begräbnis ein triviales Ende, nämlich eine gewöhnliche Autofahrt.

Die Ich-Erzählerin sitzt aufgewühlt in ihrem Auto, Fluche zucken durch den Kopf, kann der nicht blinken!, dann wieder Kleinigkeiten, dass jemand schmatzt beim Schweinsbraten zum Totenmahl. Jetzt ist das Begräbnis der besten Freundin vorbei, diese grotesken Alltagssätze sind der einzige Halt in der wabernden Masse aus Erinnerung, Leid, Mitleid und Erleichterung.

Während draußen der Verkehr eine penible Ordnung schafft, versucht die Erzählerin in ihrer Zuwendung an die Verstorbene Ordnung, Zeitgefühl und disparate Gedankengänge auf die Reihe zu bringen. Irgendwann einmal ist die Freundin "ausmetastasiert" (12) gewesen, ein schreiender Begriff, der vage den Zustand des sich auflösenden Körpers beschreibt.

Was ist das für ein Leben gewesen, das diese Freundin geführt hat. Diese große Lebenslust, die aber oft in einem gewöhnlichen Alltag versickert ist. Und dann war es nur noch darum gegangen "in die wenigen Wochenenden und in die kurzen gestohlenen Nächte immer gleich das ganze Leben zu stopfen". (23)

Die Fahrt nach Hause. / Die Gedanken beim Warten vor der Ampel. / Abend. / Angesichts des Inhalts des Eiskastens. / Nachtstunden. / Die böse Stunde nach Mitternacht. / Am Ende der zwölften Stunde.

Die Überschriften der einzelnen Sequenzen werden nicht umsonst mit einem Punkt abgeschlossen. Vielleicht muss zuerst überall einmal ein Punkt gesetzt werden, dass sich diese Masse an Trauer bewältigen lässt. Die Trauer schleicht der Erzählerin überallhin nach, immer schon ist sie da, noch ehe etwa der Eiskasten offen ist.

Am Ende der zwölften Stunde franst der Text in dünne Partikel aus und wird schließlich zu einem Gedicht.

"mir und mitternacht / besuche mich / mein lieber bruder / besuche mich / verlornes kind / und nimm mich mit / und heim in meiner / mutter silbermatte scheibe / und zeige mir / wo ich ein bleiben / find" (61)

Marlene Streeruwitz Gedächtnisband schießt dem Leser ins Herz wie ein spitzes Wundpflaster, das aufreißt, während es zu lindern versucht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenhauer-literatur.com]

Leseprobe I Buchbestellung 1208 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer