Depeche
Mode.
Roman von Serhij
Zhadan (2007, Suhrkamp - Übertragung
Juri Durkot und Sabine Stöhr).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger
Nachrichten vom 30.03.2007:
No-Future-Stimmung im Wilden
Osten
Der ukrainische Schriftsteller Serhij
Zhadan präsentiert in Nürnberg sein Romandebüt
In der Ukraine gilt er als
Hoffnungsträger der Literaturszene, gerade ist im renommierten Suhrkamp Verlag
die deutsche Übersetzung seines ersten Romans erschienen, jetzt geht er auf
Lesetour: Serhij Zhadan liest heute, 20 Uhr, im Zeitungscafé der Nürnberger
Stadtbibliothek.
In Nürnberg ist Serhij Zadan, der in der ukrainischen Partnerstadt Charkiw
lebt, kein Unbekannter: Als Hermann-Kesten-Stipendiat war er 2001 Gast der
Stadt. Der 32-Jährige ist promovierter Germanist und arbeitet als Journalist
und Organisator von Lesungen und Festivals. Literarischen Ruhm aber hat er sich
mit seinen Gedichten als junger Wilder unter den ukrainischen Poeten erworben.
Inzwischen wird sein Namen in einem Atemzug mit Juri
Andruchowytsch, dem Literaturstar der Ukraine genannt.
Zhadans Romandebüt heißt «Depeche Mode» wie die gleichnamige Popgruppe. Es
geht darin um drei Kumpel, darunter der 19-jährige Ich-Erzähler, die sich im
Juni 1993 auf die Suche nach ihrem verschwundenen Freund Sascha machen. Die
Rahmenhandlung ist eigentlich aber gar nicht so von Bedeutung wie die
Beschreibung der Atmosphäre im postkommunistischen Charkiw.
Der Zusammenbruch des Sowjet-Systems lässt sich nicht nur an den verrottenden
Industrieanlagen der trostlosen Vorstädte nachvollziehen, sondern vor allem am
Gemütszustand der Menschen. Die Auflösung der Familienstrukturen ist verbunden
mit der Perspektivlosigkeit der Jugend, die den Glauben an jede Art von
Wertesystem verloren hat. Außer Wodka-Saufen hat das Leben den Figuren in
Zhadans wütendem Punk-Romans wenig zu bieten.
Beschrieben werden vier Tage, und zwar nach einem minutengenauen Zeitprotokoll.
Zhadan malt ein genaues Bild der No-Future-Stimmung: Ausufernde Monologe,
absurde Dialoge, melancholische Ortsbescheibungen und slapstickartige Szenen
verdichten sich zu einem Panorama der Hoffnungslosigkeit. Glücksmomente sind,
wenn überhaupt, nur in der Musik zu finden. Geschildert wird eine Welt im
Prozess der Auflösung, bevölkert von Alt-Kommunisten und Neu-Reichen,
Klein-Kriminellen und Groß-Betrügern, Sektenanhängern und Sektierern. Ganz so
wie man sich den wilden Osten vorstellt.
Das Faszinierende an Zhadans Roman ist die ungeschminkte, teils brutale, teils
poetische Sprache, die auch in der deutschen Übersetzung durchscheint. Kerouac
und Bukowski treffen
auf Rilke und Celan.
Im Westen nannte man so etwas früher Underground-Literatur, Zhadan nennt es
postproletarischen Punk. Staat ist damit nicht zu machen, wohl aber
literarischer Eindruck. Doch so leicht wie die Musik von «Depeche Mode» ist
die Lektüre auf keinen Fall.
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