Denn mein Herz ist frisch gebrochen von Dorothy Parker, 2017, DörlemannDenn mein Herz ist frisch gebrochen.
Gedichte von Dorothy Parker (
2017, Dörlemann-Verlag - Übertragung Ulrich Blumenbach).
Besprechung von Jürgen Brôcan in Neue Zürcher Zeitung vom 7.06.2017:

Gedichte von Dorothy Parker
«Liebe ist ein Griff ins Klo»

Ihre schnippisch-pointierten lyrischen Abrechnungen mit Literatur, Liebe und Tod sind legendär. Erstmals liegen Dorothy Parkers Gedichte nun integral in einer brillanten deutschen Übersetzung vor.

Dorothy Parkers scharfzüngiger Witz und ihre geistreiche Bissigkeit, die sie zu einer gefürchteten Theater- und Literaturkritikerin machten, waren bereits zu Lebzeiten legendär. Sie war sich nicht zu schade, auch einmal einen «Schweineblick auf Literatur» zu werfen – davon zeugt ein Gedichtzyklus, der so manchen klingenden Namen auf einen Knittelvers eindampft. Den finanziellen Erfolg ihrer Bücher, deren Verkaufszahlen bis in die Zehntausende gingen, überschatteten allerdings Skandale und Affären, die vom Werk ablenkten; ausserdem bewirkte der auf ihr lastende Erwartungsdruck einen manchmal etwas bemühten Humor, unter dem ihr Ruf als ernsthafte Autorin litt.

Parkers poetisches Œuvre, im Wesentlichen die drei Bände «Genug Stricke» (1926), «Gewehr bei Sonnenaufgang» (1928) und «Tod und Steuern» (1931), ist von einer unbarmherzig analytischen, entlarvenden Diktion geprägt. Dem relativ kurzen Entstehungszeitraum mag die leichte Redundanz geschuldet sein; deshalb ist es ratsam, die Gedichte – die zu Parkers 50. Todestag am 7. Juni erstmals integral auf Deutsch erschienen sind – in überschaubaren Portionen zu lesen, damit sie ihre individuelle sprachliche Würze entfalten können. Und die hat es in sich, denn nichts Geringeres wird hier verhandelt als die Liebe, und zwar in allen denkbaren Varianten – Untreue, Enttäuschung, Depression, Mord- und Todeswunsch, Trennung –, nur nicht der einen: die haltbare, glückliche Liebe.

Im Dauerfeuer der Gefühle

Ein Leben nach bürgerlichen Konventionen, womöglich gar als «vorbildliches Paar», kommt Parker geradezu langweilig vor, und sie ruft trotzig: «Mein Herz will Allotria». Nicht verwunderlich, dass sie das schwierige Dauerfeuer des Gefühls, das Wagnis der Ablehnung wählt, und damit den steten Kantengang am Abgrund:

Ist wund mein Stolz und wild die Brust,
Dann habe ich zum Selbstmord Lust;
Ist hoch mein Haupt und kühl mein Blut,
Dann denk ich, «Tote haben's gut!»

Dieses Kokettieren mit dem Tod geschieht auf eine zumeist reflektiert-distanzierte Weise – «Ich muss wohl mit Hängebrust hier auf ihn lauern, / Ich muss mich gedulden, bis bucklig ich bin». Doch hinter dem flotten Bonmot verbirgt sich allzeit die Einsicht, dass angesichts des Todes, sei er natürlich oder selbst herbeigeführt, das rauschhafte Verlangen nach Liebe nur umso grösser, umso unersättlicher ist:

Verflucht sind von Geburt an die,
Die nichts wolln als Monogamie.
Sie suchen sie von Bett zu Bett –
Für die wär eher der Tod ganz nett.

Über das intime Bekenntnis greifen die Gedichte hinaus, indem sie giftige Ironie auf das von Männern bevorzugte Frauenbild träufeln – «Männer tragen kaum Verlangen / Nach Verkehr mit Brillenschlangen» – und nicht weniger mitleidlos das weibliche Selbstbild attackieren. Die sarkastische Betrachtungsweise macht vorm eigenen Lebensentwurf nicht halt; im «Lied von vollkommener Schicklichkeit» beklagt Parker beispielsweise, dass sie gern ein abenteuerliches Piratenleben geführt hätte – doch stattdessen «spritze [ich] mir Wasser ins Gesicht / Und reime mich über die Runden». So sind Parkers Gedichte auch Dokumente eines Geschlechterverhältnisses im Wandel.

Der Reim stellt eine Überlebensstrategie dar, die Abwendung des Tragischen mittels geistreichen Humors. «Ach, wenn's doch lyrisch regnet jene Nacht / Und säuselnd weht, wenn mir die Stunde schlägt», beginnt empfindsam ein Gedicht, nur um in einer zynischen Todesphantasie zu enden. Der Konversationston und das Beharren auf traditionellen Formschemata standen freilich im Gegensatz zu den Modernisten der amerikanischen Lyrik in den zwanziger und dreissiger Jahren, denen vor allem neue Sicht- und Darstellungsweisen der Aussenwelt am Herzen lagen. In einem derart ausgerichteten Kanon war für Satire kein rechter Platz.

Leicht und süffisant

Ulrich Blumenbachs Übersetzung ist grandios, sieht man von vereinzelten Fehlgriffen wie dem etwas anachronistischen «Wutbürger» ab, und rückt die Gedichte wieder in ein gerechteres Licht. In seiner durchweg gereimten Fassung kommt nirgends das Gefühl bemühter Verbiegung auf; leicht und süffisant fliessen die Zeilen, mit notwendiger Freiheit, nötigem Abstand von der Wörtlichkeit, trotzdem immer sehr nah an Tonfall und Gehalt.

Oft sind Blumenbachs Formulierungen sogar noch prägnanter, zugespitzter – so wird aus einer «melancholy night» eine «mollgestimmte Nacht», aus der «Other Side», mit Anspielung auf Shakespeare, das «unentdeckte Land». Das verleiht Parkers Pfiffigkeit eine Brillanz, die das überschaubare Ensemble ihrer lyrischen Formen erfrischend aufmischt und eine moderne Klassikerin neu belebt.

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