Denn die Seele in deiner Hand von Batya Gur, 2003, Goldmann1.) - 2.)

Denn die Seele ist in deiner Hand.
Roman von Batya Gur (2003, Goldmann).
Besprechung von Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau, 9.4.2003:

Die arbeitende Autorin
Batya Gur stellte ihren neuen Ochajon-Krimi vor

Haben Krimiautoren Narrenfreiheit? Allen möglichen israelischen Gruppen und Gesellschaftsschichten ist Batya Gur literarisch schon auf die Füße getreten, aber - so versicherte die Schriftstellerin - kontrovers diskutiert habe man ihre Bücher nicht: "Die Form hilft. Die Leute nehmen einen Krimi nicht ernst, sie regen sich nicht drüber auf." Ob es tatsächlich ein Vorteil ist, dass das Genre Krimi einen solchen Harmlosigkeits-Bonus hat, das wurde leider von Moderatorin Susanne Weingarten nicht gefragt an diesem Abend, an dem Batya Gur ihren gerade auf Deutsch (bei Goldmann) erschienenen Kriminalroman Denn die Seele ist in deiner Hand im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum vorstellte.

Denn man könnte ja auch meinen, dass eine Autorin, die von sich selbst sagt, sie habe ein aufbrausendes Temperament und sei "wütend", wenn ihr Gerechtigkeitsempfinden verletzt werde, es durchaus begrüßt, wenn ihre Bücher in der Gesellschaft ein Echo hervorrufen. Immerhin beschäftigen sich die Krimis um den melancholischen Inspektor Michael Ochajon zum Beispiel kritisch mit der Institution Kibbuz oder schildern, wie jetzt Denn die Seele ist in deiner Hand, das nicht gerade korrekte Verhalten ermittelnder israelischer Beamter gegenüber einem palästinensischen Verdächtigen - der eigentlich nur deswegen rabiat zum Verhör geschleppt wird, weil Ochajons Kollege Balilati der Meinung ist, dass man Palästinensern per se alles zutrauen kann, schon gar einen grässlichen Mord an einer schönen Jüdin.

Während der israelisch-palästinensische Konflikt aber ein Randthema bleibt - immerhin ist das mehr, als manch ein Schriftsteller-Kollege Gurs zustande bringt -, stellt Batya Gur diesmal die Verwerfungen und Hierarchien zwischen aschkenasischen (europäischen) und jemenitischen Juden in den Vordergrund. Und die unglaubliche Begebenheit, dass jemenitischen Einwanderern im Auffanglager Babies weggenommen wurden - die Babies seien gestorben, sagte man den Eltern -, um sie kinderlosen aschkenasischen Juden zu geben. Dass die Rezensenten in Gurs Heimat darauf nicht ansprangen, will man kaum glauben.

Schauspielerin Michaela May - passenderweise unter anderem Polizeiruf-Kommissarin - las im Gemeindezentrum aus der Übersetzung zentrale Passagen: Mit zu gemütlich süddeutschem Zungenschlag manchmal, das Komische aber gut herausarbeitend. Sie überspannte den Aufmerksamkeits-Bogen aber, als sie dann auch noch "die andere Seite" Inspektor Ochajons vorstellen wollte und ihn mit ihrem munteren Ton quasi bis ins Bett verfolgte.

Der Dramaturgie solcher Lesungen wurde - bis auf die exorbitante Länge des May-Auftritts - treulich gefolgt: Moderatorin stellt vor, Autorin liest kurzen Text im Original, Schauspielerin liest aus der Übersetzung, beide tauschen Komplimente aus. Moderatorin stellt Fragen an Autorin, Publikum stellt Fragen an Autorin, Autorin signiert.

Da war es wunderbar, wenigstens so angenehm knurrige Antworten zum Thema Warum-ich-schreibe zu hören wie: "Ich glaube nicht, dass wir ein anderes, ein zweites Leben bekommen. Also setz' ich mich in diesem hin, zwinge mich zum Arbeiten und sage mir: Halt den Mund."

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Denn die Seele in deiner Hand von Batya Gur, 2003, Goldmann2.)

Denn die Seele ist in deiner Hand.
Roman von Batya Gur (2003, Goldmann).
Besprechung von Ralf Balke aus Jüdische Allgemeine:

Tod im Derech Beit Lechem
Mord in Zeiten der Intifada: Batya Gurs neuer Ochajon-Krimi

Kein schöner Anblick, der sich Kommissar Michael Ochajon von der Jerusalemer Polizei bietet: Zwischen Taubengerippen und mumifizierten Katzenkadavern liegt auf dem Dachboden eines verlassenen Hauses eine tote junge Frau, deren Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde. Die Obduktion ergibt, daß die Ermordete in der zwölften Woche schwanger war. Die Identität der Leiche ist rasch geklärt: Es ist die vormals bildhübsche zweiundzwanzigjährige Zohra Baschari, die unweit des Tatortes bei ihren Eltern wohnte.

Bei der Suche nach Täter und Motiv tappt Ochajon zunächst restlos im Dunkeln. Zohra stammte aus einer jemenitischen Familie, die in Israel den gesellschaftlichen Aufstieg geschafft hat. Ein Bruder hat Karriere beim Militär gemacht, der andere ist Professor. Zohra selbst pflegte zu Lebzeiten mit auffallend viel Eifer jemenitische Traditionen sowie eine gehörige Portion Abneigung gegen Aschkenasim: Die aus Europa stammenden Eliten, verkündete sie oft und laut, unterdrückten seit der Staatsgründung die Misrahim im Allgemeinen und die Jemeniten im Besonderen.
Hatte dieser Haß mit dem Familiengeheimnis der Bascharis zu tun? Wie vielen anderen jemenitischer Juden, hatten die Behörden ihnen bei der Ankunft im Land ihre neugeborene Tochter - ebenfalls Zohra genannt - weggenommen. Das Kind wurde für tot erklärt, in Wirklichkeit an eine kinderlose aschkenasische Familie zur Adoption gegeben. Zohra hatte herausgefunden, daß sie diese Schwester hatte, und glaubte auch, sie entdeckt zu haben: Ihr Arbeitgeber, Rechtsanwalt Rosenstein, hat eine dunkelhäutige Tochter, die ziemlich offensichtlich nicht seinem polnischen Genpool entsprungen sein kann und deren biographische Daten frappierende Ähnlichkeit mit denen von Zohra Nummer eins aufweisen.
Ochajon findet auch schnell heraus, daß die brave Zohra außerhalb des Elternhauses ziemlich umtriebig war. Und da ist auch noch der gutaussehende Nachbarsohn Joram Benesch, dessen aus Ungarn eingewanderte Familie seit ihrem Einzug in die zweite Doppelhaushälfte 1958 mit den Bascharis im Dauerkleinkrieg liegt. Als im Verlauf der Ermittlungen auf der selben Straße, dem Derech Beit Lechem, auch noch die zehnjährige Nesja verschwindet, die einen gewissen Hang zum Ausspionieren der Nachbarschaft und zum Klauen hat, spitzt sich die Lage weiter zu.
Auch in ihrem fünften Krimi geht es Batya Gur darum, ein Bild des israelischen Alltags zu vermitteln. Diesmal, wie sich die Stimmung seit dem Ausbruch der zweiten Intifada im Herbst 2000 gewandelt hat. Das Israel von heute ist für Batya Gur ein Staat, der innerlich restlos zerrissen ist. Der Ton zwischen ihren Figuren ist durch hohe Aggressivität und Nervosität gekennzeichnet, das Verhältnis zu den Palästinensern endgültig in mehr oder minder offenen Rassismus umgeschlagen. Aber auch der gern überwunden geglaubte Graben zwischen orientalischen und europäischen Juden scheint größer denn je; Abneigung und Vorurteile dominieren auf beiden Seiten. Kommissar Ochajon, selbst in Marokko geboren, wird immer wieder mit dem gesamten Repertoire der Ressentiments konfrontiert
Keine Frage, Batya Gurs neuer Krimi garantiert wieder von der ersten bis zur letzten Seite Hochspannung. Mit der Wahl der Übersetzerin hat der Verlag allerdings diesmal keine glückliche Hand bewiesen. Abgesehen von der etwas holprigen Diktion, stößt einem vor allem mehrfach das - in einem israelischen Zusammenhang reichlich unpassende - Nazi-Gruselwort „Volksgemeinschaft“ unangenehm auf. Und leider schickt Goldmann, wie gehabt, auch diesen Batya-Gur-Krimi wieder mit einem absolut schwachsinnigen Titel ins Rennen um die deutsche Lesergunst.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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