Denktagebuch 1950-73.
Buch von Hannah Arendt (2002, 2bändig, Piper, hrsg. von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann).
Besprechung von
Otto Kallscheuer in Neue Zürcher Zeitung vom 6.3.2003:

Metaphysik als Erbsünde der Moderne
Hannah Arendts «Denktagebuch»

«Denktagebuch» - der Ausdruck ist für die von Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann herausgegebenen 28 Schreibhefte, in die Hannah Arendt zwischen Juni 1950 und Juli 1973 in wechselndem Rhythmus Zitate und Reflexionen, Definitionen und Urteile notiert hat, nur mündlich überliefert. Vorsicht, der Name täuscht. Aktuelle Ereignisse, gar politische Kontroversen finden in diesen notebooks keinerlei Niederschlag: Für politische Kommunikation, zur Klärung professioneller Fragen und persönlicher Erfahrungen nutzte Arendt ihre extensive Korrespondenz, vor allem mit Karl Jaspers, auf Reisen auch mit dem Ehemann Heinrich Blücher, mit politischen und persönlichen Freunden.

Eine der wenigen aktuellen politischen Fragen, die 1952/1953 (Korea-Krise) im «Denktagebuch» zur Sprache kommt, wird zudem gründlich verfehlt: Beiläufig, wenngleich recht vollmundig kritisiert Arendt Carl Schmitts Deutung der Entstehung des neuzeitlichen Völkerrechts. Sie hat aber die Pointe des «paritätischen», zwischen souveränen Staaten deklarierten form«gerechten» Krieges gar nicht verstanden: die völkerrechtliche «Hegung» des Krieges als ethische Neutralisierung und «Zivilisierung» zwischenstaatlicher Gewalt nach dem Zerfall der religiösen Einheit Europas. Einen «gerechten Krieg» kann es hingegen für Arendt nicht geben: Gerechtigkeit sei nur innerhalb eines Rechtsverhältnisses möglich; wo aber Krieg geführt werde, gebe es keinen Rechtskonsens.

Exzellente Edition

Arendt erwähnt noch en passant die Idee eines «Kriegs für die Freiheit» - wir befinden uns schliesslich im Weltbürgerkrieg zwischen «Republikanern und Kosaken», wie «Monsieur», ihr Ehemann Heinrich Blücher, sich auszudrücken pflegte. Aber der Atomkrieg, der die Existenz der Menschheit aufs Spiel setzt, sei als «unlimitierter» kein Krieg mehr; er müsse darum «konsequenterweise» am «Pazifismus der Völker» ebenso zugrunde gehen wie der limitierte Krieg an Deserteuren. Wohl besser, dass Arendt solch ungare Reflexionen nicht veröffentlicht hat . . .

Der Leser wird im «Denktagebuch» kaum Denkprozesse finden, die «im Laufe der Zeit» voranschreiten, sich reflexiv vor- oder rückwärts bewegen: Fortschritte und Revisionen ihrer Auffassungen muss man in Arendts Publikationen suchen. So ist die sorgfältige Arbeit der Editorinnen nicht genug zu würdigen, die für uns Nachleser die Feinarbeit der Rekonstruktion von Arendts Zitatcollagen, Thesen und Urteilen im «Denktagebuch» mit ihren Reisen, Vorträgen und ihrer Werkbiographie in vorbildlicher Weise erleichtert haben. Ganz gewiss wird also dieses «Denktagebuch», neben dem Briefwechsel mit Karl Jaspers (der ja bekanntlich philosophisch-politisch weitaus ergiebiger ausgefallen ist als der «privatere» mit Heidegger), das wichtigste Arbeitsinstrument künftiger Forschungen zum mittleren und zum Spätwerk Arendts sein.

Einige Anfänge finden im später publizierten Schrifttum der Philosophin keine Fortsetzung. Das gilt für jene Formen kommunikativen «Handelns», die privat, passioniert oder passiv sind - Liebe, Leiden und Leidenschaft. Arendt wird solche «Existenziale» (Heidegger) authentischen Seins später in ihrer Anthropologie von vita activa und vita contemplativa nicht unterbringen können. Dafür aber gibt es im «Denktagebuch» eine kleine Baustelle mit Begriffsbruchstücken für alle, die an einer Anthropologie der Emotionen arbeiten - auch diese freilich mit Vorsicht zu geniessen: viel deutsche Romantik, voll existenzialer Apodiktik und ohne jede Ironie.

Doch abgesehen davon ist das Arbeitsprogramm des Thesensteinbruchs klar und einfach. Ein Mosaik aus Lieblingszitaten und -autoren, viele Variationen, aber ein Grundthema: die Archäologie der politischen, philosophischen Moderne in «der» abendländischen Metaphysik. Und diese Kritik passt - fugenlos - zwischen die beiden Hauptwerke der Autorin: «Origins of Totalitarianism» (1951) und «The Human Condition» (1958).

Gerade hatte Hannah Arendt die erste Fassung ihres Totalitarismus-Buchs fertiggestellt, das bekanntlich mit einer eindringlichen Diagnose der modernen Zivilisation endet: Totalitäre Herrschaft konnte nur unter den Menschen einer bereits sozial atomisierten Moderne entstehen, welche ihren common sense bereits verloren hatten. In den Lagern von Auschwitz und des Archipels Gulag ist für Arendt nicht allein die abendländische Politik, sondern auch die Tradition der abendländischen Metaphysik an ein Ende gekommen. Ohne das in der neuzeitlichen Wissenschaft und Politik siegreiche Welt- und Menschenbild wären der Sieg totalitärer Massenbewegungen und der Terror totalitärer Herrschaftsformen im 20. Jahrhundert theoretisch unvorstellbar, aber auch praktisch-technisch unrealisierbar gewesen.

Diese spezifisch moderne Vereinzelung, die Zerstörung aller geteilten Wahrnehmung, aller sozialen Bande und jeden Gemeinsinns, war Vorbedingung des ideologischen Erfolgs der totalitären Bewegungen und ist zugleich das durch den Terror reproduzierte Produkt totalitärer Regime. In der von Arendt in ihren notebooks inaugurierten Sprache heisst dies nunmehr: Zerstörung von Pluralität. Die totalitär gewordene Moderne eliminiert die Wahr-Nehmung und Anerkennung menschlicher Vielfalt und Differenz. Arendts Suche nach einem denkerischen Neuanfang nach dem Totalitarismus will diese Zerstörung von Pluralität philosophisch dechiffrieren - den metaphysischen Sündenfall ausfindig machen, um im Denken mit der existenziellen Umkehr zu beginnen. - Im Denken. Doch hier beginnt zugleich die existenzielle Komplikation dieser Denktagebücher: Denn Denken ist für Arendt gerade keine plurale, interaktive Tätigkeit. Noch ihr postum veröffentlichtes Triptychon zum Leben des Geistes, «Denken - Wollen - Urteilen», wird dies bestätigen.

Heidegger

Nach Abschluss ihrer Diagnose des totalitären Jahrhunderts und kurz vor Beginn ihres Denktagebuchs, im Februar 1950, war Arendt ihrem ehemaligen Philosophieprofessor Martin Heidegger wiederbegegnet, ihrem Lehrer und Meister, Geliebten und Widersacher. Und es ist wenn nicht Heideggers Ethos, so doch sein Stil des Denkens, der fürderhin den Kontrapunkt, aber auch Massstab für Arendts eigene Versuche abgibt. Arendt zitiert Platon im hellenischen O-Ton. Aber sie denkt mit und gegen Heidegger deutsch. Der Stil: Hier geht es weniger dialogisch, persuasiv, agonal zu als in ihrer Korrespondenz, weniger polemisch als in ihren politischen Zeitdiagnosen, und weit, weit weniger argumentativ als in ihren veröffentlichten Büchern und Aufsätzen. Zitate von Denkern - Platon und Augustin, Kant und Hegel, Marx und Nietzsche - sind Freunde. Freunde müssen nicht argumentieren. Sie haben Recht oder Unrecht. Sie evozieren Wahrheit, sie provozieren ein Verdikt, sie exemplifizieren Typologien: Denken contra Handeln; Metaphysik contra Kommunikation; Herstellen contra Verstehen.

Ob es ein Denken gebe, das nicht tyrannisch sei, fragt (sich) die Denkerin im Dezember 1950. Dass die Philosophen seit Platon immer wieder einen Hang zum Tyrannendienst hatten, liege auch an der abendländischen Logik, welche tyrannisch «by definition» sei. Meint Arendt das im Ernst? Nun ja, die abendländische Metaphysik suche die rechte Lösung auf die Wahrheitsfrage; die abendländische Politik suche die beste, vernünftigste Staatsverfassung für die Probleme des Menschen. Den Menschen aber gibt es nicht, sondern der Mensch ist eine Konstruktion der Metaphysik - und diese, so klingt es dann wiederholt an, ist zudem eine Projektion des Monotheismus.

Der eine Philosophengott Platons, der eine Gott der christlichen Theologie (insbesondere eines christlichen Platonikers wie des heiligen Augustinus) stehen damit am Anfang der reductio ad unum: der Ersetzung zwischenmenschlicher Vielheit durch die Schimäre des einen Wesens des Menschen. Diese Tradition des europäischen metaphysischen und politischen Denkens gelte es zu re- und dekonstruieren, wenn nach der Barbarei der Moderne ein Neuanfang in Freiheit möglich sein soll.

In ihren Denknotizen formuliert Arendt ihre Antithesen und Verdikte zwar druckreif, aber weit weniger kalkuliert als in ihren veröffentlichten Arbeiten. Dies gilt nicht zuletzt für das Projekt einer nichtmoralischen Philosophie des «radikal Bösen», das sie ja nie ausgeführt hat - oder doch nur als Reportage «Eichmann in Jerusalem». Schon den Anstoss zu diesen jetzt endlich verfügbaren Notizen gab - nach dem Totalitarismus - die Frage nach einer Grammatik möglicher Versöhnung post factum. Der Versöhnung mit einem Bösen, welches - so denkt Arendt - keine Frage der «Schuld» sei. Arendts Suche ist im Denktagebuch offener als in ihren Werken; ihre Bundesgenossen sind vielfältiger. Vor allem Friedrich Nietzsche wird wichtig als antitheologischer und antimoralischer Denker des Bösen. Diese Begegnung knistert - ach, sie hätte weitaus spannender werden können als die Fixierung der Denkerin auf Heideggers Sprache, welche sich versagt, wo sie im Wohnsitz des Denkens haust.

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