1.- 2.)

Denkt.
Roman von David Lodge (2001, Haffmans - Übertragung Martin Ruf).
Besprechung von V. Franz aus Kurier, Wien, 4.5.2001:

Wie es ist, eine Fledermaus zu sein

„Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“, ist nur eine der bedeutenden Fragen, die dieses Buch stellt und ganz schön lustig beantwortet. In diesem Fall geschieht dies mit einer Parodie auf berühmte Autoren. Samuel Beckett könnte demnach die Existenz als Fledermaus so beschrieben haben: „Wo? Wann? Warum? Kreisch . . .“

Nein, es geht es nicht nur um Fledermäuse. Beim „Campus“-Schriftsteller David Lodge („Heureka“) geht es natürlich um den Campus, also ein Universitätsgelände, das diesmal im englischen Gloucester steht. Es geht um Engel und Festplatten, um Mann und Frau. Und vor allem um die Frage: Wer hat jetzt die Kompetenz über das Bewusstsein?

Als Antwort-Alternativen bietet David Lodge 1. die Literatur (eine Schriftstellerin und Gastdozentin namens Helen Reed) oder 2. die Kognitionswissenschaft (ein Professor und Frauenheld namens Ralph Messenger). Geisteswissenschaft gegen Naturwissenschaft, also.

EXPERIMENTE

Die neue Gastautorin lernt durch den Herrn Professor Gedankenexperimente kennen, trifft auf Schrödingers Katze und die Quantenphysik und setzt das alles mit Studenten in Literatur um. Sie führt klassisch Tagebuch. Er zeichnet seine Gedanken stakkatoartig auf Tonband auf.

„Eins, zwei, drei, Test, Test . . . der Recorder funktioniert. . . Olympus Pearlcorder habe ich im Dutyfree in Heathrow gekauft auf dem Weg . . . wohin? Kann mich nicht erinnern. Macht nichts. Der Sinn der Übung besteht darin , so genau wie möglich die Gedanken aufzuzeichnen . . .“ So beginnt der Roman, der in jeweils drei Perspektiven eine Situation erzählt. Und so wissen wir schnell, warum er „Denkt“ heißt. (Obwohl „Denkt an Sex“ zweifellos passender wäre, denn der Professor hat stets nur das eine im Kopf.)

„Denkt“ führt in das Buch weniger Denken als Denkblasen ein, die Sprache der Comics als Kommunikationsmittel. Und so ist auch das Motto des Buchs („Ich denke, als bin ich“) zwar ein Stammbuchspruch und der bekannteste philosophische Satz der Geschichte. Die Frage ist nur: „Welcher ist der zweitbekannteste? Manchmal denke ich, manchmal bin ich nur? Bin ich auch ohne zu denken?“, grübelt Ralph Messenger einmal und konjugiert. „Ich bin, du binst, er bint, sie bint, wir binnen“.

Das alles ist ziemlich lustig. Aber in Stammbüchern wird es nie stehen.

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2.)

Denkt.
Roman von David Lodge (2001, Haffmans - Übertragung Martin Ruf).
Besprechung von Maike Albath aus der Frankfurter Rundschau, 22.9.2001:

Ich denke, du denkst, er denkt . . .
Gemütlich: Der neue Campus-Roman von David Lodge

Mit David Lodges' Romanen verhält es sich so wie mit den Wohnzimmern altvertrauter Freunde: Man kennt Einrichtung, Stil und Geschmack, die Möbel stehen am üblichen Platz, der Gast fühlt sich sofort heimisch und lässt sich in seinem Lieblingssessel nieder. Der Erfolgsautor aus Birmingham tritt als jovialer Hausherr auf, schiebt das angestammte Mobiliar seiner fiktionalen Welt hin und her, arrangiert Figurenkonstellationen um, platziert das ein oder andere neue Element und bietet das, was man von ihm erwartet.

Denkt überschreibt er sein neuestes Werk programmatisch und spielt mit dem Titel auf die Sprechblasenform in Comics an. Wie in früheren Campus Novels des Ex-Professors gibt es eine Universität in der englischen Provinz, einen charismatischen Lehrstuhlinhaber, pfiffige Studenten, eine blasse, empfindsame Vertreterin der Künste und viel Nachhilfeunterricht in zeitgenössischer Theorie. Als ein durchaus altmodischer Schriftsteller, der virtuos mit den traditionellen Erzählformen des Realismus zu jonglieren weiß, hatte Lodge in seinen ersten Campus-Romanen Changing Places (1975), Small World (1984) und auch noch in Nice Work (1988) vor allem die Auswüchse des Poststrukturalismus samt akademischer Vertreter aufs Korn genommen. Dieses Mal wendet er sich einer anderen Disziplin zu: der Kognitionswissenschaft.

Damit sich der Widerstreit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften sinnfällig demonstrieren lässt, muss ein antagonistisches Heldenpaar her, und damit der Leser auch seinen Spaß hat und bei der Stange bleibt, kommen nur Frau und Mann in Frage. Lodge präsentiert uns den umwerfenden Ralph Messenger, Professor für Kognitionswissenschaften, leidenschaftlicher Forscher, Experte für Bewusstseinsprozesse, Star der Uni, Familienvater und unaufhörlich Sex-Appeal verströmend, und stellt ihm die vom Schicksal gebeutelte aber erfolgreiche Schriftstellerin Helen Reed zur Seite, Gastdozentin für creative writing. Helen, nach dem Tod ihres Mannes latent depressiv, freundet sich mit Messenger und seiner Frau an, die einen sympathischen, offenen Lebensstil pflegen, und beginnt sich für das Fach des Kollegen zu interessieren. Beide verkörpern einen unterschiedlichen Wirklichkeitsbezug, der sich auch in ihrer Art zu denken und sich auszudrücken niederschlägt, und beide infizieren sich schließlich mit der Gedankenwelt des jeweils anderen.

Denkt führt direkt in die innere Welt der Figuren hinein und nähert sich dem Thema auf zwei Ebenen. Helen und Ralph nehmen ihre Gefühle wahr und handeln entsprechend, en passant referieren sie in ihren Diskussionen den Forschungsstand des Faches. Die Gespräche von Helen und ihrem smarten Kollegen drehen sich um sogenannte Qualia - Empfindungen, Gefühle, Erinnerungen -, die Ralph mit Computerprogrammen zu simulieren versucht. Zu Helens Entsetzen begreift er den Geist als eine Maschine, die sich aus vielen verschiedenen Subsystemen zusammensetzt. Um dem Bewusstsein auf die Spur zu kommen, spricht Ralph im Selbstversuch seine Gedanken unsortiert auf einen CAM-Rekorder, der Leser wird also Zeuge seiner assoziativ gelockerten Ideenströme und darf sozusagen live an seiner Schwerenöter-Natur teilhaben. Denn selbstverständlich hat der notorische Womenizer von Anfang an Lust, die zart besaitete Schriftstellerin zu verführen. Helen, ihrerseits eine sorgfältig formulierende Tagebuchschreiberin, empört sich moralisch über die Annäherungsversuche, ist aber nicht unempfänglich.

Doch bevor sie Ralph das ersehnte erotische Intermezzo gewährt, setzt sie sich mit den Fragestellungen der Kognitionswissenschaft auseinander und lässt diese in ihren Unterricht einfließen. Nicht nur Helens private Aufzeichnungen und Ralph Messengers unzensierte Fantasien werden dem Lodge-Anhänger aufgetischt, auch die e-mail-Korrespondenz der beiden und Studentenaufsätze zu Gedankenexperimenten aus der Bewusstseinsforschung fließen in den Roman mit ein, überwacht von einem altväterlich anmutenden Erzähler, der im Hintergrund die Fäden zieht. So kann man Essays über das Leben einer Fledermaus im Stile Samuel Becketts und Martin Amis' goutieren, etwas über Bildungspolitik erfahren und sich nebenbei in populären Naturwissenschaften fortbilden - immer aber weiß man sich in den Gefilden einer Campus-Novel sicher aufgehoben.

Zwar hat David Lodge das Universitätskatheder schon vor knapp einem Vierteljahrhundert verlassen, seine akademische Herkunft klebt ihm dennoch wie Pech an den Schuhen. Sie haftet nicht seinem Stil an, auch nicht dem trotz aller Behaglichkeit gekonnt konstruierten Plot, sondern dem didaktischen Willen, der auch Denkt durchströmt. Vielleicht ist es eine Art pädagogischer Eros, der Lodge immer noch beflügelt: Seine Leser sind seine Schüler, und Schülern bringt man etwas bei. Allein die Namensgebung von Messenger bis zu Reed spricht Bände. Das Problem seiner emphatischen Didaktik ist ihre Durchschaubarkeit. Als überzeugter Geisteswissenschaftler und Schriftsteller will er natürlich, den Braten riecht man gleich, auf die beschränkte Reichweite der Naturwissenschaften aufmerksam machen. Ralph Messengers Fragestellungen sollen den Charakter von Gefühlen auf den Punkt bringen, verpassen aber das, was sie ausmacht: ihre Unkalkulierbarkeit, den menschlichen Faktor. Hier ist die Literatur, wie Helen ihrem Geliebten beizubringen weiß, der Wissenschaft überlegen. Erst als Ralph vom Leben eingeholt wird und einen Schicksalsschlag verkraften muss, begreift er - und da wird Lodge banal -, worauf es eigentlich ankommt. Alte Wohnzimmer haben eben manchmal etwas Abgeschmacktes.

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