Denkmal für Schnee von Helwig Brunner, 2015, Berger1.) - 2.)

Denkmal für Schnee.
Gedichte von Helwig Brunner (
2015, Berger Verlag/Neue Lyrik aus Österreich).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, Juli 2015:

oder auch: Kahlschlag auf Buddhas Glatze
Helwig Brunner, geboren 1967 und in Graz lebend, ist für mich der nachdenklichste Querdenker, unter den Dichtern, deren Gedichte ich bisher kennenlernen durfte.

Um ehrlich zu sein, habe ich nach der ersten Lektüre der Gedichte, die der Dichter unter dem Titel „Denkmal für Schnee“ versammelt hat, mit ihnen und mit mir gehadert, sie aber nicht mehr aus dem Kopf gekriegt.

Sogar nachts bin ich aufgestanden, um sie erneut zu lesen, sie verstehen zu lernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, mit denjenigen, die mir als Leser zunächst widersprüchlich erschienen, bevor sie mir Zugang gewährten und ich mich von ihnen erleuchtet fühlte ebenso wie mit denen, von denen es heißt: „Rückblickend erscheint die Vorschau blind.“

Im selben Gedicht „Bonsai“ werden die Gedichte Helwig Brunners in meinen Augen treffend als „Lebensphasen“ charakterisiert: „Das sind Lebensphasen, sagst du, das geht/ vorbei, und du hast Recht: Phasen und Leben/ gehen vorbei. Ich krümme mich schon mal, / um mich dann strecken zu können nach Dingen, / die immer schon kleiner waren als ich.“

Es ist dieses Relativieren des Dichters, das den Leser stutzen lässt, aber seine Gedichte so einprägsam macht, dass sie bis ins Unterbewusstsein nachwirken, wo sie Unruhe stiften anstatt Gelassenheit.

Schon die Titel der einzelnen Kapitel, in die der Dichter seinen Gedichtband gegliedert hat, verraten viel über die Thematiken seiner Gedichte: „Einfache Gedichte“, „Grauzone Wirklichkeit“, „Maulschellen läuten“, „Fahrlässige Fragmente“.

Es geht um Sinn und Unsinn unseres Seins, um Fragen, die nach den Antworten auftauchen. Es geht um Widersprüchlichkeiten, um „Montage der Kleinteile“, um Einsicht und Aussichten, um Komik und „Hackebeil-Improtheater“. Es geht um „Lesarten“ und „Flüchtige Lektüre“, um Wandel und Wandlungen, um „Kochen und essen“, um „Einwände“ und „Leerstellen, Nachbilder/ möglicher Fische, in der Netzhaut zappelnd/ wie weiße Lettern auf schwarzem Grund“, es geht kurzum um leben, lieben und sterben.

Diese Gedichte Helwig Brunners zeugen vom gekonnten Umgang mit Gedanken und Sprache. Sie sind keine leichte, aber lohnende Lektüre, emotional, lakonisch, listig, schön schlau und skurril. Sie empfehlen sich wie „Der Jazz, die Lyrik aus dem Autoradio/ sind schöne Gesten, ausgesuchter Ton./ Der Empfang ist gut, verständlich/ jedes Wort, nicht selbstverständlich/ diese kühne, kühle Harmonie.“

Wer sich auf sie einlässt, dem werden sie „in den Blick gestanzt wie eine Münze.“ Der kommt nicht mehr los von einem Liebesgedicht wie diesem: „Denkmal für Schnee// Wie du vor mir gehst in deiner weißen Jacke/ zwischen Birken Übers herbstlich bunte Moor, // denke ich, dass du mein Denkmal bist/ für kommenden Schnee. Wenn es dann schneit, / wird alles noch einmal dir gleichen wollen, // wie du Vor mir gingst in deiner weißen Jacke/ zwischen Birken übers herbstlich bunte Moor.“

Der möchte nach der nachhaltig starken Lektüre der Gedichte vielleicht wie der Dichter von sich behaupten wollen: „Ich seh etwas, was du nicht siehst, die Lösung/ ein Wort oder alle, in Spiegelschrift zum Schluss.“

Der Dichter Helwig Brunner, denke ich, ist heuer einer von Österreichs ganz großen!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0715 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Michael Starcke

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Denkmal für Schnee von Helwig Brunner, 2015, Berger

2.)

Denkmal für Schnee.
Gedichte von Helwig Brunner (
2015, Berger Verlag/Neue Lyrik aus Österreich).
Besprechung von Helmut Schönauer -
schoenauer-literatur.com, 2015:

Was für ein schöner Widerspruch! Das für Jahrhunderte gedachte Denkmal trifft auf den filigranen Schnee, der immer zur falschen Zeit kommt.

Helwig Brunner ritzt in seinen Gedichten die Welt auf einer Widerspruchsskala auf, was eindeutig beginnt, endet in einem Fluxus an Sinn, was zufällig durch die Jahreszeit stäubt, endet als Schwall von Atmosphäre, selbst die lyrische Antimaterie kann durch geschickte Versuchsanordnung dazu gebracht werden, in einem Gedicht auszukristallisieren.

"Hier // ist kein Schauplatz, kein Drehort, / nichts, was angekündigt, nichts, /wovon berichtet werden wird. / Hier liegen die Steine am Hang, / bevor sie zu Sand zerfallen, / und der Himmel darüber / zieht stündlich neue Farben auf." (6)

Die Strategien, nach denen die Gedichte komponiert sind, zeigen am ehesten die Kapitel-Beschriftungen: Einfache Gedichte, Grauzone Wirklichkeit, Maulschellen läuten, Fahrlässige Fragmente. Dabei wird ein flüchtiges Bild der Geliebten zu einem Denkmal für Schnee, der sich in dieser Saison nicht fassen lässt, ein Sehfehler erschließt den wahren Informationsgehalt eines Bildes, der bloß in den Hintergrund gerutscht ist, an anderer Stelle drängt sich ein Autofokus in den Vordergrund und verstellt dadurch erst recht die Sicht.

Montageanleitung für Kleinteile, zum Trocknen aufgespannte Gedichte oder eine zärtliche Axt, die aus der Rodung wichtige Teile ausspart - den Gedichten ist immer auch eine Methode der Entschlüsselung beigefügt, wenn auch oft irritierend wie eine Gebrauchsanweisung, die von jeder Semantik losgelöst ist.

Selbst die obligaten Vögel, die in jeder Gedichtsammlung nisten, sind in dieser Sammlung abgearbeitet auf einem Feld des Alltags, dem man diese Funktion nie zugetraut hätte. "Tägliche Krähen // Wir sind keine Märchenvögel, / denke ich beinahe schon im Schlaf, / aber ja, das ist ein schöner Satz, / jetzt bin ich ganz wach, stehe auf / und nehme, zum letzten Mal an diesem Tag, / das federgraue Notizbuch vom Tisch, / um zu notieren: keine Märchenvögel, / bloß täglich Krähen." (24)

Im Abspann voller Fragmente sind die Gedanken frisch geschnitten vorne und hinten, setzen jäh ein und versickern krustenlos in der Erinnerung. " - die Dartscheibe am Türstock und / die Stahlspitze des verworfenen Pfeils / im Auge der eintretenden Freundin - // Fragment zu Georg Petz" (62), plötzlicher und jäher lässt sich kein lyrischer Splitter abwehren.

Helwig Brunners Denkmal für Schnee ist voller Überraschungen, seltsamer Konsistenzen und frechem Aussäen von poetischen Krumen, die schon austreiben, noch ehe sie den Boden berühren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0116 LYRIKwelt © H.Schönauer/Rezensionen-online