Denken wir uns von Robert Gernhardt, 2007, S. Fischer

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Denken wir uns.
Erzählungen von Robert Gernhardt (2007, S. Fischer).
Besprechung von Alexander Altmann aus den Nürnberger Nachrichten vom 23.4.2007:

Pikante Fragen an den Meister vor dem Jüngsten Gericht
Ein Dichter verabschiedet sich und löst Wehmut aus: Robert Gernhardts wunderbarer Erzählband «Denken wir uns»

Nach dem Gedichtband «Später Spagat» erschien mit «Denken wir uns» nun das zweite Buch, das Robert Gernhardt bis kurz vor seinem Tod im Sommer 2006 noch selbst zusammengestellt hat. Manches Stück aus der Erzähl-Sammlung hat autobiografischen Charakter und zeigt die ungebrochene Lust des Satirikers an der Pointe. Robert Gernhardt, 1937 im estnischen Reval geboren, erfreute seine Leser mit schönsten Spitzfindigkeiten.

Denken wir uns einen Dichter, der uns immer viel Freude bereitet hat, aber leider zu früh verstorben ist. Natürlich lesen wir dann das letzte, noch zu Lebzeiten von ihm zusammengestellte Buch, das jetzt posthum erscheint, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn die Wehmut angesichts des Todes von Robert Gernhardt ist als Hintergrundgefühl präsent, wenn man das neueste Werk des großen Satirikers aufschlägt.

«Denken wir uns» heißt diese Sammlung von Erzählungen, mit denen sich ein Meister der Komik von seinen Lesern verabschiedet - und sich dabei bis ans Ende treu bleibt. Denn gerade auch in Gernhardts jüngstem Buch gibt es wieder Texte, in denen, wie so oft bei ihm, gängige Jenseits-Klischees durch den Kakao gezogen werden.

So etwa in der Erzählung «Bei den Reichen», in der ein Schriftsteller namens Norbert Gamsbart (die klangliche Nähe des Namens zu Robert Gernhardt ist unübersehbar) nach seinem Ableben vor das Jüngste Gericht zitiert wird. Unterstützt von einem Verteidiger, soll er sich dafür rechtfertigen, dass er 1993 auf Sardinien an einer «Millionärsparty in einer Villa» teilgenommen hat. Oder war es bloß eine «Party in einer Millionärsvilla»?

Um solche sprachlichen Spitzfindigkeiten geht es in der Verhandlung ebenso wie um die Frage, ob Gamsbart den fraglichen Abend nicht besser für «ernsthafte schriftstellerische Arbeit» hätte nutzen sollen, als die Zeit mit geistlosen Geldsäcken zu verplempern.

Die leise Melancholie, die einen bei der Lektüre des Buches beschleicht, rührt wohl auch daher, dass dieser Satiriker ganz beiläufig so etwas wie eine bundesrepublikanische Bewusstseinsgeschichte ex negativo geschaffen hat, so dass der Leser sich selbst ansatzweise ständig wiedererkennt. Mit Robert Gernhardt, das wird jetzt plötzlich erschreckend deutlich, ist uns allen eine Art augenzwinkernder Kronzeuge unserer geistigen Existenz gestorben, einer der unser gemeinsames Dasein als wahrnehmende Zeitgenossen verbürgte, indem er es in herrlich komischen Verzerrungen abspiegelte.

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Denken wir uns von Robert Gernhardt, 2007, S. Fischer2.)

Denken wir uns.
Erzählungen von Robert Gernhardt (2007, S. Fischer).
Besprechung von Hauke Hückstädt in der Frankfurter Rundschau, 25.7.2007:

Ruhe für den Nachhall
Jeden Effekt schon im Kasten: Robert Gernhardts letzte, zu Lebzeiten abgeschlossene Erzählungen

Die, die wirklich davon leben, wissen es: Trage dein Publikum, und es liebt dich. Andere deuten das als Buckeln. Man könnte auch sagen: Literatur, die alle gleichsam mitnimmt und an verlässlichen Punkten absetzt, ist ein Omnibus. Sie transportiert, rettet aber nicht.

Der im vergangenen Jahr achtundsechzigjährig an Krebs gestorbene Robert Gernhardt wusste das. Und es ist ihm immer wieder gelungen, die Skeptiker zu widerlegen. Der Maler, Zeichner, Drehbuchautor und Karikaturist sowie Parodist sogar seiner selbst musste oft vorstellig werden, um wenigstens als Halbmitglied im Schwergewichtsliteraturzirkus aufgenommen zu werden. Erhört wurde Gernhardt spätestens 1998 mit der "Klappaltar" betitelten, eher leichten wie lyrischen Hommage an Goethe, Heine und Brecht voller Paraphrasen, Imitationen und Parodien.

Sein letztes von ihm abgeschlossenes Werk, der nun vorliegende Erzählungsband "Denken wir uns" ist schon auf dem Vorsatzblatt dem Publikum, den Lesern gewidmet. Das sollte eigentlich jedes Buch anstrengen: den Lesern zueigen zu sein. Gernhardt schreibt: "Denken wir uns euch, das Salz der Erde nicht nur, sondern auch den Dünger jedweder Kunst: An wen sollten wir uns wenden, wenn es euch nicht gäbe?" - Und damit schickt Gernhardt seine Leser auf die nächsten 240 Seiten: "Nun denn, frisch gewagt und fröhlich gelesen."

Zuverlässig fröhlich lesen

Das ist - "nun denn" - mehr oder weniger der Ton, der anhält während der folgenden 26 Erzählungen, die allesamt mit eben dem titelstiftenden "Denken wir uns" anheben. Und das klingelt dann doch in den Ohren. Man darf fragen: Warum muss etwas so geklammert, so gewickelt klingen, was von Zeitgenossenschaft zeugen möchte? Auch wenn dem Autor Denkmäler gebühren für seine Verdienste um die Lesefreude und insbesondere Lyrikbereitschaft der Deutschen - dieser Erzählungsband ist nicht sonderlich "gewagt", wagt nichts und lässt sich natürlich dennoch zuverlässig "fröhlich" lesen.

Die Sujets und Themen, die Protagonisten und Stellvertreter dieser Narrationen sind Gernhardt-Lesern bekannt. Die wenigsten Autoren erfinden sich zweimal. Literatur ist keine Wundertüte. Und dennoch, dieser Band wirkt betulich. Er wirkt gestrig, er ist berechenbar, und der Autor, ein bekanntermaßen guter Publikumsvorleser, hat immer schon jeden Effekt im Kasten, bevor seine Geschichte anhebt. Der Spaß, den man dabei hat, kann unter dem Firnis der Gelacktheit nicht wirklich ausbrechen.

Einmal geht es um drei Deutsche im Ausland ("Peinlich, peinlich, peinlich"), wie sich überhaupt und gernhardtgemäß vieles im dreifachen Gewand um Kunst, Kost und Logis in Italien bewegt. Es geht um die sprachlichen Verödungen von Pärchen und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt ("Kann ich jetzt den Kaufvertragi aufsetzeln?"). Und eine nadelspitze Polemik ("Frauchen gesucht") holt pieksend, aber eben auch nicht zu sehr die Funktionsweisen des deutschsprachigen Literaturfernsehens ein.

Größtmögliche Beiläufigkeit

In der letzten Erzählung erfährt der Leser sogar etwas über verschiedene Sichtweisen auf unseren Autor. Da ist der junge Dilettant und Laborant oder der Endvierziger in Erwartung eines größeren Literaturpreises (der ganz Große blieb ja aus für Gernhardt). Dabei erfährt man sogar Details zu Honorarhöhen und Booking. Aber auch das nur, um von diesen profan erscheinenden Autor-Perspektiven mit größtmöglicher Beiläufigkeit abschließend auf die Möglichkeit seines Abgangs zu kommen: "Denken wir ihn uns achtundsechzigjährig, hören wir ihm zu, wie er anlässlich dieses Geburtstages auf die Frage antwortet, wie er denn mit sich und der Welt zufrieden sei: ‚Oh - ich sehe keinen Grund, unzufrieden zu sein. Ich habe eine von mir geliebte Frau, einen von vielen geachteten Beruf und eine von allen gefürchtete Krankheit - mehr kann man vom Leben eigentlich nicht erwarten."

Darauf darf man nichts erwidern. Der Dichter bittet um Ruhe, um Nachhall. Man lausche selbst. Ewig pünktliche Busse.

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