Den Himmel zu Füßen von Sandra Hoffmann, 2005, Beck1.) - 2.)

Den Himmel zu Füßen.
Roman von Sandra Hoffmann (2004, Beck).
Besprechung von Sibylle Birrer in Neue Zürcher Zeitung vom 23.12.2003:

Wenn der Boden wegbricht
Sandra Hoffmanns Roman vom schwierigen Erwachsenwerden

Seit geraumer Zeit feiert die Kinderperspektive in der deutschsprachigen Literatur Saison für Saison fröhliche Urständ. Mehr oder minder kunstfertig turnen die Kinderstimmen durch die Bücherregale; sie plaudern und plappern von ihren Familiensituationen und liefern nebenher Sitten- und Sippenbilder, die hinter den kindlichen Pointierungen, Fragmentierungen und selbstverständlichen Auslassungen aufschimmern.

Kindliche Wahrnehmung

Für den anhaltenden Trend mag es verschiedene Gründe geben. Zum einen basiert die Kinderperspektive auf einer menschlichen Grunderfahrung. Da aber die kindliche Erfahrungswelt im Erwachsenen- und damit literarischen Reflexionsalter in unwiederbringliche Distanz gerückt ist, bietet die Perspektive unzählige Spielvarianten für Maskeraden und Scharaden, hinter denen die verlorene Erfahrung stets ein bisschen vertraut aufleuchtet. Umso mehr ist die Kinderperspektive auch ein beliebtes Übungsfeld junger Schreibender: Gross ist der imaginative Freiraum, klein die Verpflichtung auf rationale Überprüfbarkeit - nie zu unterschätzen ist aber der Anspruch der Lesenden auf eine Art von «Glaubwürdigkeit».

Zum anderen entspricht der Trend selbstredend seiner Gegenwart: Im Zeitalter der gescholtenen und zugleich beschworenen «Ich-AG» spielt auch in der Literatur die Mikrohistorie eine entscheidende Rolle. Und welch kleineres, subtileres Wahrnehmungsraster mag es da geben als das kindliche Ich, das seine Umwelt auf Klänge und Echos hin abklopft? Sozialisationsstrukturen dienen so der persönlichen Beschreibung von Zeitgeschichte - und aus der Summe der personalisierten Geschichte ergibt sich wiederum ein literarischer Musterkatalog für zeitgemässe Sozialisation. Die Rekonstruktion kindlicher Naivität ist dabei ein oftmals geeigneter und gelegentlich auch ein überzeugend angewandter Kunstgriff, um die Brüche und Nahtstellen einer Biografie in ihrem sozialen oder zeitgeschichtlichen Kontext darzustellen.

Die deutsche Autorin Sandra Hoffmann, 1967 geboren, hat in ihrem zweiten Prosaband die grösstmögliche Distanz zur vermeintlichen Unmittelbarkeit gewählt: Im Roman «Den Himmel zu Füssen» erzählt sie aus der Kinderperspektive vom Heranwachsen ihrer Protagonistin Enni, jedoch ohne Enni «ich» sagen zu lassen. Vielmehr meisselt sie Ennis Erleben, Wahrnehmen und Denken in ein personales Satzwerk, das zuweilen kunstvoll poetisch, im Gesamten des Romans aber inhaltlich zu überfrachtet anmutet.

Eigentlich könnte alles gut werden mit Enni. Im Einfamilienhaus mit Garten wächst sie auf, ein aufgewecktes Kind liberaler Eltern. Der Vater meditiert mit Buddha, die Grossmutter frömmelt vor Christus, die Mutter übt sich pragmatisch im Alltag zwischen Beruf und Familie. Enni ist phantasiebegabt und lebt naturnah, sie liebt das Tanzen und ihre Ballettstunden, probt Freundschaften und beobachtet das Erwachen ihrer Sexualität. Alles könnte gut sein - verknüpfte Enni die alltäglichen Harmlosigkeiten nicht allmählich zum Bösen: Aus den latenten Wertmustern entwachsen bei Enni immense Schuldgefühle, die Orientierungslosigkeit erzeugt Angst, aus der pubertären Selbstfindung wird ein geplantes und eisern vollzogenes Verschwinden. Enni beginnt zu hungern.

Deutungsversuche

Was Sandra Hoffmann in «Den Himmel zu Füssen» als poetisiertes Bild einer durchschnittlichen Kindheit beginnt, mündet in die Geschichte einer Magersucht. Ennis Weg, erst in kindlicher Naivität Treppen hüpfend und Pirouetten drehend gemeistert, wird zum dezentrierten Gang vom Elternhaus in eine Klinik und wieder zurück.

Das Thema hat es in sich: Wohl greift Sandra Hoffmann damit eine virulente, literarisch kaum behandelte Erkrankung an der Gegenwart auf. Aber sie unterlässt es nicht, im Subtext eine Vielzahl von Begründungen für die Irrationalität von Ennis Verhalten mitzuliefern. Das unmittelbare Psychogramm einer Krankheit, fragmentarisch in der Enni-Perspektive aufgenommen, wird dadurch erläuternd «untertitelt». Diese «Untertitel» können das Irrationale der Selbstdestruktion nicht schlüssig erklären - umso mehr werden sie zum Störfaktor in einem ambitionierten und über weite Strecken kunstfertigen Perspektivenbild einer lebensbedrohlichen Adoleszenz. Wenig glücklich scheint denn auch das diffus geratene Ende, wenn sich Ennis Krankheit auf den letzten Romanseiten in neuem Lebenswillen auflöst.

Fast möchte man meinen, mit der schwindenden Körperhaftigkeit ihrer Protagonistin habe auch Sandra Hoffmann der Mut zur radikalen Imagination verlassen. Doch nur dort, wo die Autorin schnörkellos, aber in der Knappheit immer wieder sehr poetisch Ennis Selbstbild zu prägnanten Sätzen formt, zeigt sich ihr schriftstellerisches Potenzial.

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Den Himmel zu Füßen von Sandra Hoffmann, 2005, Beck2.)

Den Himmel zu Füßen.
Roman von Sandra Hoffmann (2004, Beck).
Besprechung von Martin Lüdke in Frankfurter Rundschau vom 18.5.2003:

Sandra Hoffmann hat den Roman einer spezifischen, weiblichen Kindheit geschrieben

Dachfenster eröffnen meist nur eine beschränkte Sicht auf unsere Welt. In aller Regel sehen wir durch sie kaum mehr als den Himmel. Was an der Breite fehlen mag, gleicht aber die Tiefe locker aus. Richten wir allerdings aus dem Handstand, zugegeben keine ganz leichte Übung, den Blick nach oben, dann sehen wir - den Himmel zu Füßen. Genau so hat Sandra Hoffmann ihren ersten Roman genannt. Die in Tübingen lebende Autorin, die 2002 mit ihrer "Erzählung in zweiundfünfzig Tagen" Schwimmen gegen blond debütierte, steht ein wenig quer in der gegenwärtigen deutschen Literaturlandschaft.

Den Himmel zu Füßen - bereits der Titel signalisiert nicht nur die ungewöhnliche Perspektive, sondern auch schon etwas von der Bildkraft ihrer Sprache und ihrer poetischen Verfahrensweise. So mag ihr Roman nicht das wichtigste Buch der letzten Saison geworden sein, aber sicher eines der schönsten. Denkbar ungeeignet, dem Bedürfnis eines guten Teils unseres gegenwärtigen Rezensionswesens nach griffigen Themen und handfesten Konflikten entgegen zu kommen. Obwohl sich das Buch auch als die Geschichte einer Magersüchtigen lesen lässt, eines Mädchens, das an der Schwelle zwischen Kindheit/Jugend und Erwachsenwerden, tatsächlich leichtfüßig geworden, schwer ins Straucheln kommt und von den gesellschaftlichen Instituten, die für abweichendes Verhalten eingerichtet sind, mühsam wieder aufgerichtet wird. Genau so gut könnte man den Roman als Jugendbuch (miss)verstehen.

Enni verwandelt sich

Denn Enni, das Mädchen, verwandelt sich unter großen Schwierigkeiten tatsächlich in eine junge Frau. Aber auf diese Weise ließe sich auch, Ernst Bloch folgend, Schillers Wilhelm Tell als das Drama eines Mannes betrachten, der erfolgreich auf Äpfel schießt. Gegenwärtige Kritik beschränkt sich leider häufig auf den Kommentar und lässt uns dementsprechend gerne wissen, worum es in einem Buch geht, wovon es handelt, welche Themen und Probleme es berührt.

Dabei hat Literaturkritik sehr nützliche Unterscheidungen hervorgebracht. So legt sie uns nahe, Autor und Erzähler nicht in einen Topf zu schmeißen. Oder: zwischen Form und Stoff zu unterscheiden. Da hätten wir hier neben einem kleinen Familiendrama vor allem die Magersucht. Begreift man sie als therapeutisches Problem, dann bleibt von der träumerischen Leichtigkeit, die alle Erdenschwere hinter sich lässt, nur ein psychotischer Treibsand übrig, der den Betroffenen schmerzhaft auf der Haut und in den Augen brennt.

Magersucht und magisches Denken

Sieht man die Magersucht hingegen selbst als Resultat und, nur scheinbar paradox, auch als Voraussetzung des magischen Denkens, dann kommt man der eigentlichen Triebkraft des Romans schon deutlich näher. Schließlich wissen wir ja seit der Romantik, dass sich das Lied, das in allen Dingen schläft, zum Erklingen bringen lässt, wenn wir nur das Zauberwort treffen. Sandra Hoffmann bezieht aus diesem romantischen Motiv, der (kindlichen) Suche nach einem geheimen Zusammenhang hinter den Dingen, die poetische Energie ihrer Geschichte. Immer in der Ambivalenz zwischen Angst und Hoffnung. Sie nutzt das Motiv auch als Triebkraft der Handlung.     

"Sie wohnten oben. Von dort aus sah die Großmutter übers Land, und Enni sah in den Himmel. Im Herbst war er ein Krähenhimmel und im Frühling ein Schwalbenhimmel, im Sommer oft blau und vogellos. Manchmal lag sie auf dem Bett unter dem Fenster, hielt die Arme ausgebreitet, die Beine gespreizt, die Augen weit geöffnet und atmete in die Füße" - wie es ihre Ballettlehrerin befohlen hatte. 

Die kleine Enni, die leidenschaftlich gerne tanzt und noch lieber träumt, lebt mit ihren Eltern, einem jüngeren Bruder und einer sonderbaren Großmutter in einem Einfamilienhaus, das wenig Geheimnisse kennt und doch einige Rätsel birgt. Das Mädchen hat sich noch längst nicht von dem magischen Glauben unserer Kinderwelten gelöst und steht darum dauernd vor der selbstgestellten Aufgabe, das Schicksal zu beschwören. Wir alle kennen dieses Verhalten aus unserer Kindheit und sind selbst als Erwachsene nie völlig frei von solchem (Aber-)Glauben. Ihr erscheint es lebensnotwendig, "das grüne Geländer am Bahnhof mit der rechten Hand so zu berühren, dass alle Finger auf einmal auf dem Eisen auflagen. Den Pfosten neben dem Süßigkeitenautomaten mit der Schulter streifen (…) Dann passierte nichts", dann kamen sie alle wieder heil zu Hause an. Als Enni eines Tages aber im Turnunterricht an der Sprossenwand patzt, ist sie sich sicher, dass nun die - im Krankenhaus liegende - Großmutter endgültig sterben muss. Doch die schrullige alte Frau, die vom Alkohol zur Religiosität zurückgefunden hatte, überlebt und macht weiter dem jungen Mädchen ein schlechtes Gewissen. Enni liebt und hasst sie gleichermaßen. Die erwachende Sexualität, erste Kontakte zu einem Schulfreund, schüren ihre Ängste. Sie will ihren Körper unter Kontrolle behalten.

Ein übermächtiges Gefühl sagte ihr: Sie musste ihren Bauch sehen. "Der Bauch wurde immer härter. Ein harter kleiner Bauch stand zwischen Ennis Hüftknochen hervor, die im Liegen in die Luft zeigten wie Haifischflossen." Der "Nachttraum" war in ihren Tag gewandert und machte "sich breit in ihrem Bauch, und von Woche zu Woche ging er auf dünneren Beinen." Sie träumt vom Essen - und fürchtet sich vor den Folgen. "Sie rannte oft in der Nacht durchs Haus. Hinter ihr lief eine kleine Horde dicker Kalorien her."

Die dünnen Leiber der Mädchen

Und sie flog durchs Zimmer

An dieser Stelle, nach zwei Dritteln des Textes, verliert Sandra Hoffnung ein wenig das Gespür für die Gewichtung ihrer Geschichte. An der Schaltstelle knirscht es. Die Geschichte des Kindes, seiner Hoffnungen und Ängste, verbindet sich nur mühsam mit der Geschichte des jungen Mädchens, das von seinen Ängsten überwältigt wird. Die Magersucht und ihre Therapie nimmt, trotz teilweise grandioser Beschreibungen, zu viel Raum ein. Doch am Ende bekommt nicht nur das geheilte Mädchen, sondern auch die Autorin wieder die Kurve: "Wir könnten fliegen, sagte Enni."

Und sie flog, durchs Zimmer, übers Bett, durchs Bad. Bis sie genug hatte. "Es reicht, sagte Enni." Die Kindheit ist vorbei. Das Leben kann beginnen, denn die Sehnsucht bleibt. Und nicht zuletzt, um noch einmal auf Benjamins Unterscheidung zurück zu kommen, bleibt auch eine Einsicht über die beschränkte Reichweite der Aufklärung. In brenzligen Situationen vertrauen wir halt immer noch auf die dem magischen Denken eigene Rationalität.

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