Dem Erinnern entrissen.
Gedichte von Julian Schutting (2001, Otto-Müller-Verlag).
Besprechung von Gerhard Zeillinger aus Rezensionen-online *LuK*:

Der "hunsorinäre" Ursprung der Mythen
Zu Julian Schutting neuen Gedichten

Eros und Thanatos bestimmen die griechische Mythologie in geradezu dionysischer Verschränkung, anders angefangen: im alten Griechenland war manches sehr freizügig, entsprechend dazu sind Julian Schuttings sehr freie Nachdichtungen auch nicht gerade züchtige Poesie. Oder mit den Worten des Autors, der, was er da tut, schlichtweg »öbszön« nennt; doch nähme dieses durch Anpassung der Form an ihren Gegenstand wieder »manierliche« Form an. Sagen wir, einige dieser Gedichte sind ziemlich frivol und in ihrer Frivolheit sprachliche Meisterwerke.

Der »Klagbrief des Menelau nach Paris« etwa hat es faustdick hinter den Ohren und mehrfach in sich. Nicht nur, daß der Gedanke an die verlorene Helena zur erotischen Phantasie gesteigert wird, der Gehörnte wendete sich – nicht auszudenken, wenn das jeder täte – mehr als direkt an den Liebhaber seiner Frau: da will sich ein Mann mit seinem Nebenbuhler gemein machen, indem er die Frau, die zwischen ihnen steht, schamlos heruntermacht. Und so tritt uns Helena, »dieses hunsorinäre Weib«, bei Schutting als unersättlich lüsterne Nymphomanin entgegen, »feil auf den fleischigsten Schwatz (Ö): olt einem jeden ihn rus, / steckt ihn sich keck ins Mul, / lockt ihn sich tief in den Schrund, / mutscht ihn, bis es ihm frommt.«

Das eindeutige Vokabular der Erotik wird nur allzu dürftig verschleiert, Entstellung durch simple Buchstabenverstellung erreicht; das Eigentliche, phonetisch nur leicht verfremdet, wird so weniger verhüllt, als dem Leser vielmehr bloßgestellt, der sich angesichts eines so spärlich codierten Textes zu seinem Voyeurismus ruhig bekennen mag. Der Decodierung bedarf es ebensowenig, wie der Adressat eine Übersetzungshilfe bräuchte, wenn ihm Menelaos da schreibt: »Denk es, o Freund, diese Uhr ist nicht wert / den Trojanischen Krieg: / neigt sie entblößt den Marsch, / Barschflick! sie kommandiert – / ist einem nicht danach, / reibt sie die Leier ihm prall: / und sobald wer ihm steht, / drückt sie ihn sich in die Flut. / Reitet sodann ihn, daß barschklatschend er / sie höher flusche; / doch sobald sie gut hockt, / ruckt sie ihn in den Harsch.« Und das geht so weiter, bis der Briefschreiber unvermittelt zum Ende kommt: »Oder, Freund Paris, stopfen wir dieser Au / gemeinsam das Maul? / Das wünscht dein Menelau, / zur Sicherung des Friedens!« Nun, ein hehres Motiv will uns da eingekleidet in lauter Schweinereien weisgemacht werden? Der Autor, freilich, legt es darauf an, das Zweideutige, zur Kenntlichkeit verzerrt, allzu eindeutig in Erscheinung treten zu lassen.

Und der Anspielungen sind in diesen Texten wahrlich genug. »Zeusens lustige Streichel« bezeichnen nichts als die abgründigen Verlangen eines »homophilen Päderasten«; das Flötenspiel von Faun bzw. Pan erweist sich als wenig verhüllter Phalluskult gegenüber »kuhdirndrallen« Nymphen; die sexuelle Obsession zwischen Antonius und Cleopatra wird als Litanei optativisch gesteigert: »o daß du doch schon die Zuchtrute schwängest«.

Was führt uns Schutting da nur vor? Mit »hoher« Form wird spielend und spielerisch das »Niedere« dargestellt. Der Autor beweist einmal mehr formale Meisterschaft, und wenn es nur in der bloßen Verwendung des im Deutschen schon aus der Mode gekommenen Konjunktivs II ist, einer grammatischen Form, Zeile für Zeile beschworen, die letztlich, auch noch hinter dem Anschein von Pathos, verdeckt, was vielmehr dahintersteht: Anzügliches, Schlüpfriges, Obszönität – »O daß du dich für immer und ewig meinem Schwan / ergäbest; einzig mich dich zu vögeln erkörest; / zu diesem Behufe parat schon lägest; in Rosen- / grotte mich lüdest; Tag und Nacht einzig / von mir geflickt zu werden ernstlich / erwögest; meinen Franz, du Süße, / zu Tode zu küssen mir schwürest –«.

Gewiß, in den sechziger Jahren noch hätte solches kein namhafter Verlag in Österreich zu drucken gewagt, und man hätte damals auch nicht einmal gefragt, ob man Pornographie in der Literatur darstellen kann – und es ist dennoch Literatur? Die Frage muß vielmehr lauten: Kann man sie kunstvoll darstellen? Eindeutig ja, wenn man diese Gedichte liest. In ihnen ist dem Autor der Artefakt gelungen, Pornographisches poetisieren zu können.

»Am Ursprung der Mythen«, bekundet uns Schutting, steht nicht das Erhabene, das Heldenhafte, es ist das Rohe und Schamlose, der Quell aller Lust, aller Gewalt, alles Gemeinen, das zum Göttlichen erhoben und verklärt wurde. Schutting entzaubert, er entlarvt die Mythen, er führt sie, nicht nur programmatisch im zweiten Gedicht, auf ihren hundsgemeinen Ursprung zurück, vom Olymp sozusagen auf den Boden des Gewöhnlichen, in den Abgrund des Ordinären. Dort ist der Ursprung der Mythen gar in niedrigem Hühnerverhalten zu suchen, denn solchem gleiche das der Erinnyen-Klageweiber, »welche in Volltrunkenheit, huhnsdummer, / sich erdreisten, / ihren dionysischen / Bacchusgott nach Strich und Faden / in die Stücke zu reißen«. In dem Bild von aufgescheuchtem Geflatter auf einem Hühnerhof, wo die Helden, mit Hühnerschnäbeln zerhackt, »auf den Misthaufen geworfen« daliegen, wäre der Ursprungsort vorstellbar, in ihm der Topos von Grausamkeit und seelenlosem Schmerz. Denn die, die darauf so trauerklagen, seien nichts als »entartet Weibergeschlecht, weibrisch Hyänen«, »Mänadenbrut« und »Megärenmob« – ob nun Orpheus in seinem Liebesschmerz zerfleischt, Achill von den Hunden der »königlich Penthesileien« zerrissen wird. Was die Mythen gebiert, ist immer ein Gewaltexzeß, allzu Menschliches wie menschliche Niedertracht.

Doch genau darin ist auch ein so erhabener Schmerz enthalten wie der des seiner« Geliebten verlustig geratenen« Orpheus, der bei Schutting zum Tiefseetaucher in dunklen Wassern wird, tauchend gleichsam durch die trüben Schichten seines Bewußtseins, immer tiefer ins Lichtlose sinkend, ein Untergehender schließlich. Und auch der Schmerz der Kleistschen Penthesilea, wahnsinnig vor Liebe und Haß, scheint nur in der Bedingung von Mord und »Selbstermordung« sich vollends entfalten zu können. Gewaltakt als Ästhetizismus wird auch im Fall des getöteten Hektor sichtbar gemacht: da wird Leichenschändung zur schlimmen Form von Heldenehrung hochstilisiert (aus weiblichem Blickwinkel müßte man sagen: eine ebenso abgründige wie lächerliche Männerphantasie!), und nicht zuletzt wird im Zustechen, Zustoßen ein homophiler Akt angedeutet, was in der reinen Männergesellschaft, als die man sich die griechische Antike doch zunächst vorzustellen hat, seinen festen, auch schon mythischen Platz hat.

Schutting bedient sich des klassischen Themas wie der Form, er bemüht antike Strophen und Versmaße, um sich anzunähern und im Moment der Annäherung das sprachliche Material zu brechen, die Mythen, die nicht allein auf das Griechische bezogen bleiben, zu zergliedern, das Zerlegte neu zusammenzusetzen. Wenn einer so souverän wie Schutting mit der Sprache umgehen kann, dann versetzt sein Formungsprozeß immer wieder in Staunen. Denn immer von neuem ist es die Lust am Sprachspiel, an der Metrik, an dem Versuch, lateinische Prosodie auf das Deutsche zu übertragen. So muß in einer im Alexandriner niedergeschriebenen Verszeile, in der sich gezwungenermaßen die Betonungen verschieben, ein poetischer Verfremdungseffekt sich einstellen: »Venús hat Aphródit rasch zu obsiegen gewußt«. Dem Sprachspieler und Sprachakrobaten entspringt gerade aus der Normierung, dem Versgesetz der notwendige poetische Reflex zu neuer Wirklichkeit, die wiederum selbst zu einem neuem Mythologem aufkeimt. Ein bloßes Plädoyer für die Lingua latina und ihre Grammatik ist das aber nicht, mag das letzte Gedicht auch noch so sehr eine »Zueignung (dem Lateinschüler, der ich einmal war)« sein.

Freilich ist das nicht jedermanns Sache, und mehr noch sind die Texte im zweiten Teil, Referenzerweisungen an die Kaiserin Elisabeth, Liebhaberei, oder eigentlich nur Liebhaberei. Sich mit dem Leben dieser Figur zu beschäftigen heißt, die Gratwanderung zwischen Kitsch und Wirklichkeit (aber welcher?) zu bewältigen. Die Kaiserin als Verrückte, als Anarchistin, als ewiges Marmorbildnis wie im Wiener Volksgarten, als »zeitloses Mädchen«, als schlafendes Schneewittchen, als eine, »die nie gelebt hat« – das ist ein zum Mythos selbsthochstilisiertes Abbild, eine österreichische Mythe, an der nur ihre Legende echt war und der Schutting ebenso in Liebeserklärungen wie in Kunstakten nicht geringerer Entzauberung gegenübertritt. Als Liebhaberei mag man dem Autor seine Sisy-Texte ruhig durchgehen lassen, das ist so legitim wie deren Marotten selbst. Als Gedichte über die »Griechenlandnärrin«, so Schutting, habe er diese Texte dem »großteils griechisch bestimmt(en)« ersten Teil hinzugefügt. Diese Leidenschaft und nicht zuletzt Korfu hin oder her – man hätte diese Texte genauso gut einem anderen Buch einverleiben können; immerhin, die k. u. k. Mythologie mit ihrem romantischen bzw. romantisierenden Gestus läge wohl zu abseits jener antiken klassischen, der Schutting zwar provokant, dennoch nicht respektlos begegnet, und das unterscheidet ihn.

Denn die griechische und römische Mythologie ist eine der brennendsten Literaturangelegenheiten, sie hat in Wahrheit nichts mit vermeintlich trockenem klassisch-philologischem Schulunterricht zu tun, noch weniger mit dem, was ein Vorarlberger Autor geschäftstüchtig aus ihr gemacht hat: diese Mythologie ist so wenig tote Materie wie ein marketingmäßig verkitschter Geschichtenreigen. Nein, man möchte dem wirklich Interessierten fast zurufen, genau wie Schuttings erstes Gedicht in dieser Sammlung heißt: »Die Mythe lebt«! Sie ist Wirklichkeit und Literatur und nicht billige Folie für Unterhaltung, mit der der heimische Rundfunk schon seit Jahren seine Hörer zu berieseln weiß – die Antwort auf Köhlmeier und sein Ruinieren der Mythen durch ebenso billiges wie werbeträchtiges Nacherzählen sind diese Gedichte mit Nachdruck. Wer wirklich an Mythologie und ihrer poetischen Rezeption interessiert ist, der lese hier.

Also bleibt als letztes die Begründung, die Frage nach der Legitimation. Was wollen diese Texte, außer sich zu erdreisten, das zu enthüllen, was durch das klassische Gewand sonst nur schemenhaft durchscheint? Welchen Erfolg können Texte wie diese überhaupt haben? Warum traut sich ein Verlag bei so diametral entgegengesetzten Marktverhältnissen und Lesererwartungen noch solche Literatur zu vermitteln? Wer liest, könnte man fragen, noch Gedichte, zumal solche, die beim Leser bestimmte Literatur- und Kulturkenntnis voraussetzen und ihn formal herausfordern, wenn nicht gleich überfordern? Sie werden den Weg zum Leser, dessen sind sich wohl alle im vorhinein bewußt gewesen, nur schwerlich finden, was wiederum Interesse schafft, ja ein wenig schon den Reiz ausmacht, auf den einzulassen man sich nur trauen soll. Ja, auch der Leser soll sich wagen und das Wagnis von Autor und Verlag mit Kauf und Lektüre bedanken. Andererseits bestechen diese Gedichte eminent durch ihre Ästhetik, und sie bekunden Witz und Ironie, sprachlich gesteigert zu einem fast schon geschlossenen System der Metamythologie. Und das bringe erst einer auch nur im Ansatz so zustande wie Julian Schutting, der mit seinen Texten, einer so unvergleichlichen wie formvollendeten Lyrik, immer wieder zu überraschen versteht, mit neuen Nuancen in seiner Ästhetik aufzuwarten weiß. Das nenne ich im guten Sinne kühn. In der Mythologie aber gäbe es noch vieles, und man müßte sich vom Autor also noch viel mehr solcher Gedichte wünschen dürfen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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