Dem Asklepios einen Hahn von Vladimir Holan, 2015, WinterDem Asklepios einen Hahn.
Lyrik VII: 1966-1967 von Vladimir Holan (
2015, Universitätsverlag Winter, hrsg. von Urs Heftrich und Michael Spirit - Übertragung Vera Koubová, Urs Heftrich und Franz Wurm).
Besprechung von Paul Alfred Kleinert, Berlin-Kreuzberg, IX/2015:

„…τῷ Ἀσκληπιῷ ὀφείλομεν ἀλεκτρυόνα. ἀλλ' ἀπόδοτε καὶ μὴ ἀμελήσητε“ / „… dem Asklepios schulden wir einen Hahn, erkennt ihm den zu und vergesst es nicht.“ So die Worte des sterbenden Sokrates nach Platons „Phaídōn“ (118.7f oder a.2, je nach Ausgabe).
Opferte man in der griechischen Antike dem Gott der Heilkunst zum Dank für überwundene Krankheit einen Hahn, so steht an dieser Stelle der Gedanke der Heilung (und Erlösung) vom Leben durch den Tod, die Überwindung des in Unmündigkeit gelebten, sich krank und trügerisch darstellenden Lebens via Léthedurchgang.

Nicht von ungefähr wählte Holan diese Stelle für den 1970 herausgekommenen Band, der der letzte zu seinen Lebzeiten erschienene sein sollte. Die politische „Revision“ der Anliegen des ‚Prager Frühlings’ von 1968 war zu dieser Zeit in vollem Gange, das Husák-Regime griff brutal durch. War Holan noch einiger Maßen geschützt durch sein internationales Renommée nach der Nominierung zum Nobelpreis im Jahr 1966 und den internationalen Lyrikpreis von Etna Taormina (zusammen mit Hans Magnus Enzensberger) aus dem Jahr 1967 und erreichte die Auflagenziffer des Buches die ungewöhnliche Höhe von 10.000 Exemplaren, war hernach Schluß. Holan schrieb danach nur noch für die Nachwelt (und zu seiner Zeit für die Schublade), denn die Aussage des Titels wurde von der Leserschaft verstanden.

Der (wie immer: sorgfältig) von Urs Heftrich und Michael Špirit betreute und mit kongenialen Übertragungen Heftrichs sowie Věra Koubovás und Franz Wurms herausgekommene Band ist der erste, der das lyrische Spätwerk Holans enthält, der zehnte in Reihe des im Universitätsverlag Winter zu Heidelberg herauskommenden Gesamt- und siebte des lyrischen Werkes und versammelt die Gedichte der Jahre 1966-67.

Die Situation, die in den Jahren vor dem 1968er Ausbruch erlebbar war, ist gut an den Gedichten ablesbar; die in den Gedichten Statt findenden philosophischen Auseinandersetzungen sprengten den Rahmen einer Rezension wie dieser, ließe man sich im Einzelnen auf sie ein.

Solange das Schicksal (osud)

Solange das Schicksal mit seiner Präzision noch nicht darf, / überlässt es das annähernd Grobe / der Willkür des Zufalls … Vor dem schäbigeren / Halblicht, das so entstand, / wiche dem Schatten alles Blut aus den Wangen , bis auf / niemandes Blut … Das könnte die Zeit dann / gewissermaßen überleben und fiele sich selber zur Last / und vielleicht gerade deshalb / wollen wir gewisse Wesen / kein zweites Mal sehen …

Wirklich

Nicht dass es dunkel würde, denn / das Dunkel ist stet. / Und da es nicht weiß, was nach ihm / kommt, ist es auch müßig. // Und so sind wir hier: Blinde, / inmitten von sehenden Mauern tappend, /  denn selbst das, was in uns ist, / liegt außer unserer Reichweite …

Kann sein

Wer sich entfernt, / erinnert sich vielleicht / denn er weiß nicht, wohin führt / was verkehrt ist und was reflektiert … // Wenig bliebe, / wäre es mehr

So

Noch bevor wir den Herbst verlassen und alles / was durch die Sinne missverstanden, den Mann vor der Frau / auf die Knie zwingt; bevor wir den Zeitpunkt erreichen, / wo wir keine Schritte hören und einer zu reden beginnt; / bevor wir uns der Kindheit entsinnen, / und doch nicht ganz zugrunde gehen – / ist schon der Schnee da … Um sich / umschauen zu dürfen / braucht die Statue nicht einmal sich selber, / so gegenwärtig ist sie …

Du?

Ob während der Musik oder / beim Geschlecht, es ist die Unliebe, / die in uns am tiefsten liegt / und gerade dort immer seicht ist … // Unwillig und gleichsam / nur fürs laufende Jahr / räumen wir ein, / dass es nicht gleich erkannt wird, selbst wenn wir alles gesagt … // Oder bist du es, oh Dürre, / die Läuterung ist?

Die Sprachmächtigkeit Holans scheint in diesen Strophen intensiv auf, die gedankliche Führung in ihrem Rückbezug auf große philosophische Themen des Abendlandes von Platon (Phaídōn, Tímaios) über Thomas von Aquin („de ente et essentia“), Schopenhauer („Die Welt als Wille und Vorstellung“), Nietzsche („Götzen-Dämmerung“) und die Symbolisten bis auf die in der Gegenwart seiner hinein ist evident.

Beim Lesen stellt sich die Herausforderung gedanklichen Durchdringens, der Band ist nicht für rasche und oberflächliche Lektüre geeignet. Wer sich jedoch darauf einlässt, der/dem werden die beiden benannten Vorgänge ein hohes Maß an intellektueller Freude erbringen, eine Rückschau auf ganze Epochen geschichtlichen und gedanklichen Ringens und, nicht zuletzt, einen ästhetischen Genuss.

Bleibt fest zu halten, dass die Edition, in der sie auch bisher buchtechnisch auszeichnenden Qualität vom Winterverlag fortgeführt, sich den Lesenden im Leineneinband (mit Schutzumschlag) in Fadenheftung darbietet und also durchaus als Geschenk geeignet ist.

Mit Spannung werden nunmehr die beiden folgenden Bände, die das lyrische Gesamtwerk Holans in bilingualer Edition und damit auch deutscher Übertragung abschließen sollen, erwartet und dem großartigen Unterfangen bleibt das nötige Glück zu wünschen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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