Delfinarium von Michael Weins, 2009, Mairisch1.) - 2.)

Delfinarium.
Roman von Michael Weins (2009, Mairisch Verlag).
Besprechung von Karen Struve im Goon-Magazin, 11.5.2009:

Geschichten im verlorenen Raum
Michael Weins erzählt in seinem Roman »Delfinarium« von einer fehlenden Geschichte, indem er unendlich viele Geschichten erzählt

»Delfine, die Werbemillionäre, die Streber, die Schleimer der Weltmeere. Fischige Gutmenschen, widerlich.« Wer beim Titel des neuen Romans von Michael Weins an freundliche, dümmlich-keckernde Delfingeschichten denkt und sich auf eine dauergrinsende Geschichte freut, hat sich glücklicherweise geirrt. Das Delfinarium ist nur ein Ort, an dem eine in sich gekehrte Frau die Faszination wiederfindet, wo der Erzähler Daniel stickige, warme Luft einatmet und Traum und Wachen nah aneinanderrücken.
Daniel lebt nach dem Abitur mit seinem depressiven Vater im Alten Land, schläft gelegentlich mit der politisch-aktiven Pastorentochter Petra und beginnt einen neuen Job. Er soll sich um Susann kümmern, eine Frau, die nach einem Unfall weder ansprechbar ist noch spricht, sehr wohl aber Delfine im Delfinarium besucht. Der 20jährige verbringt viel Zeit mit ihr, verliebt sich ein bisschen in die Frau mit den strahleblonden Haaren, bekommt merkwürdige Zeichen, dass Susann womöglich doch nicht die Frau des traurigen Kochs sei, die sie zu sein scheint. Und Daniel macht sich mit ihr auf den Weg, das herauszufinden.
Eigentlich ist keine der Figuren in dieser Geschichte an ihrem richtigen Ort: Sie stehen immer ein bisschen daneben. Daniel, der mit Nachnamen Martin heißt, verpatzt beim Vorstellungsgespräch für seinen Betreuerjob gleich die Begrüßung, so dass er von da an Martin heißt. Aus Daniel Martin wird Martin Daniel. Er verkehrt mit seiner Freundin Petra, die zwar gar nicht seine Freundin ist, sich aber für die Landschaftserhaltung im Alten Land einsetzt. Hier wohnt Daniel und ist enttäuscht, dass diese norddeutsche Gegend doch nicht das von ihm als Kind erträumte Feen-Land ist, sondern von derben und einfachen »Apfel-Menschen« besiedelt wird. Daniel lebt bei seinem Vater, der keine Vaterfigur ist, aber seinen Sohn sehr liebt, auch wenn er »frühberentet, gescheitert, depressiv« im Sessel seiner Melancholie nachhängt; Daniels verstorbene Mutter existiert nur auf einem Foto.
Nun soll der Erzähler mit einer 32jährigen stummen, gedächtnislosen Frau Zeit verbringen. Sie spricht nicht, schaut nur vor sich hin und hat nach dem Unfall ihr Gedächtnis verloren. Sie ist vermutlich die Einzige, die so verrückt ist, dass sie immer am richtigen Ort ist. Es gibt einen Ehemann, der keiner ist, einen Sohn, von dem nur berichtet wird, einen fremden Mann, der behauptet, mit Susann verheiratet sei, die aber in Wahrheit Marie heiße, einen alten Mann, der Daniel das Amt des Oberalten vermachen will, eine Frau, die eine rätselhafte Nachricht hinter den Scheibenwischer klemmt und schließlich sogar einen Hund, der nicht existiert. Sie alle sind in der ›richtigen‹, der ›gesunden‹ Welt und doch passen ihre Geschichten nicht recht zusammen. Vielleicht aber haben all diese Menschen auch ihren richtigen Platz und nur Daniel weiß nicht wohin. Dieses Lebensgefühl, das ins Nichts führt und so gar nicht von jugendlicher Unbeschwertheit relativiert wird, beherrscht Daniel und seine Sicht auf die Dinge. Und das wird herrlich bis ans Romanende erzählt.
Fasziniert ist er von Susann, um die sich der Roman dreht, auch wenn sie selbst keine Geschichte hat und die Geschichten, die andere über sie erzählen, viel zu mächtig sind. Susann verunsichert Daniel derart, dass ihm nur noch die selbstsichere Geste bleibt: »Sie dreht sich um und sieht mich mit großen Augen an. Sie schläft, denke ich, ein Blick wie ein Haus mit verwaisten Fenstern und ich bin dazu da, um in allen Zimmern Licht anzumachen. Was denkst du denn da für einen Scheiß, höre ich mich denken, ist noch alles okay mit dir? Bei mir selbst weiß ich wenigstens genau, welchen Ton ich anzuschlagen habe.«
Weins kann erzählen, daran gibt es keinen Zweifel. Ein Ausschnitt aus »Delfinarium« hat gereicht, um ihm zum Preisträger des Hamburger Förderpreises für Literatur zu machen, der gesamte Text ist, wie etwa die eindrucksvollen Texte von Finn-Ole Heinrich, gerade im kleinen, feinen Hamburger Verlag mairisch erschienen. Unablässig tauchen um Daniel und Susann herum Figuren mit neuen Geschichten auf, die meist nur ein Anfang sind und als Erzählstränge wieder fallen gelassen werden. Das Geheimnis um Susann, die körperliche Faszination, die sie auf den Erzähler ausübt, die gemeinsame Reise zu einer erhofft eindeutigen Geschichte, die humorvollen Passagen à la »Würde man mich zwingen, ein Tier zu heiraten, wäre meine Braut ohne Frage eine Giraffe. Blöde Fische, denke ich.«, beschleunigen die Lektüre auf angenehme Weise. »Delfinarium« ist Liebesroman und Kriminalgeschichte in Einem, erzählt vom Leben auf dem Lande und polit-aktivistischen Provinzlern, die ihren Kampf gegen die Globalisierung kämpfen – eine Road Story mit der obligatorischen – aber immer wieder neuen – Reise zu sich selbst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.goon-magazine.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0310 LYRIKwelt © Karen Struve/Goon-Magazin

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Delfinarium von Michael Weins, 2009, Mairisch2.)

Delfinarium.
Roman von Michael Weins (2009, Mairisch Verlag).
Besprechung
von Jule D. Körber in globe-M, 25.02.2010:

Haltlos
In Michael Weins Roman "Delfinarium" muss sich der Protagonist Daniel entscheiden, auf welcher Seite er stehen will

Henry, Susanns Mann, hat, seit er acht Jahre alt ist, Angst vor Delfinen.

"Seit damals erscheinen mir Delfine als kalte, glatte, berechenbare Tiere. Sie tun so scheißfreundlich, aber sie sind viel hintertriebener, als man ihnen ansieht. Sie sind so falsch. Und sie wirken so nackt, nackte Tiere, auf eine brutale Art nackt und glänzend."

Er engagiert Daniel Martin, um Susann ins Delfinarium zu begleiten. Die schöne Susann schläft mit offenen Augen, wirkt abwesend und ist vor allem eins - stumm. Während des Kaiserschnitts zur Geburt ihres ersten Sohnes fiel sie kurz in ein Koma.

"Sie war bloß sieben Minuten weg, aber innerlich hat sich ihre Welt mehrfach um die eigene Achse gedreht."

Dissoziative Amnesie

Seitdem leidet Susann an "dissoziativer Amnesie", wie Henry Daniel erklärt.

"Vielleicht fragt sie sich die ganze Zeit, was sie hier soll, in dieser Umgebung. Sie weiß wahrscheinlich weder, wer sie ist noch, wer ich bin."

Da hat Susann etwas mit dem Protagonisten Daniel gemeinsam. Sein Schulabschluss ist schon länger her, doch er hat nicht den Antrieb, sich einen Job oder irgendeine andere sinnvolle Tätigkeit zu suchen. Er schläft mit der Pastorentochter Petra aus der Nachbarschaft, doch verliebt ist er nicht in die ambitionierte Umweltaktivistin, die gegen Airbus für den Erhalt der Landschaft im Alten Land eintritt. Sein Vater, ein ehemaliger Konzertpianist, ist frühverentet und mehr oder minder lebensunfähig, seine Mutter gibt es nur auf einem Foto. Zu allem Überdruss lebt er im Alten Land, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet der Erde, zwischen den "Apfelmenschen" nahe Hamburg. Keine Umgebung, die einen jungen Menschen auffordert, sich zu bewegen.

Im Delfinarium

Antrieb bekommt er erst nach seinem ersten Besuch mit Susann im Delfinarium und als er sieht, wie die geheimnisvolle Schönheit beim Anblick der Meeressäuger kurz aus ihrer Lethargie aufwacht.

"Ihre Augen leuchten, das kann ich sogar von der Seite sehen, und dieses Leuchten gilt den Delfinen. Ihr Gesicht ist gelöst. Sie sieht glücklich aus, das Leben ist zurückgekehrt, es ist ein Schauspiel. Es hat etwas mit Anwesenheit zu tun."

Susanns Geheimnis

Schnell merkt Daniel, das mit Susanns Geschichte in Henrys Version etwas nicht stimmen kann. Ein Mann taucht auf und behauptet, Susann sei Marie, seine verschwundene Frau, und die Hinweise verdichten sich, dass das stimmen könnte. Daniel muss sich entscheiden, wem er glaubt. Und auch, woran er glaubt.
Denn während seiner Ausflüge ins Delfinarium mit Susann tobt im Alten Land der Krieg Airbus gegen Obstbauern, Arbeitsplätze gegen Umweltschutz - Petra kämpft an der Front und erwartet von Daniel, dass er, der Unambitionierte, Stellung bezieht.

Am Ende zwingt das Leben Daniel und auch alle anderen Figuren in Weins "Delfinarium" sich zu entscheiden - und mit den Konsequenzen zu leben. Auch wenn das Geheimnis um Susann nicht endgültig gelüftet werden kann.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Globe M]

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