Delaval.
Novelle von
Enrico Danieli (2006, Literareon im Herbert Utz Verlag).
Besprechung von
B.En. in Neue Züricher Zeitung vom 13.1.2007:

Verweigerungen

Für einige Tage im Oktober will sich ein Arzt zurückziehen, um einen Artikel über den Zusammenhang zwischen chronischer Müdigkeit und Depression zu schreiben. Er wählt Le Prese im südlichsten Tal der Schweiz, im Puschlav. Doch er wird am letzten Tag der Saison das Hotel am See unverrichteter Dinge wieder verlassen. Dafür begegnet er hier der Glasharmonika-Virtuosin Delaval, die wegen einer Nervenschwäche ihre Reise nach Italien, auf der sie ihr Manager Philipp Bossler begleitet, unterbrochen hat. Als Ort der Flucht und Zuflucht wählt sie das stille Hotel. Hier will sie der Karriere abschwören. Sie, die konkrete Erscheinung dessen, worüber er schreiben soll, fesselt ihn weitaus mehr als sein Textvorhaben. Doch lehnt sie seine Annäherungen ab. Enrico Danieli, Arzt und Schriftsteller, knüpft in seiner Novelle ein dichtes Netz melancholischer Korrespondenzen zwischen Mensch, Schauplatz und Natur. Mit minimalen Bewegungen schiebt er die Handlung voran und konzentriert sich in fast obsessiver Manier auf die detaillierte Beschreibung des Hotels und seiner Umgebung. Merkwürdigerweise vermag er dennoch bis zum Schluss die Anspannung zu erhalten, denn immer glaubt man, es geschehe nun doch noch die der Gattung gemässe unerhörte Begebenheit. Indessen mündet die Novelle in eine Ungewissheit, die wie ein Reflex der romantischen Literatur anmutet: ob es sich bei der Delaval nicht doch um eine Wiedergängerin der berühmten Glasharmonika-Spielerin Mariane Kirchgessner (1769–1808) handle. Ein verschmitztes und reizvolles Spiel treibt der Autor mit den Namen, hiess doch tatsächlich auch Kirchgessners Agent Philipp Bossler; ein Edward Delaval konzertierte 1761 auf den Musical Glasses und inspirierte Benjamin Franklin zur Erfindung seines Friktionsinstruments, der Glasharmonika.

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