Dien Gesicht morgen von Javier Marías, 2004, Klett-Cotta1.) - 3.)

Dein Gesicht morgen. 1 Fieber und Lanze.
Roman von Javier Marías (2004, Klett-Cotta - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Andreas Steppan im Münchner Merkur, 26.8.2004:

Geheime Botschaft des Gesichts
Über den Verrat: Javier Marías' origineller Spionage-Roman

"Man sollte niemals etwas erzählen." Ausgerechnet das sind die Worte, mit denen sich Javier Marías vier Jahre nach seinem letzten Roman zurückmeldet. Doch an diesen Anfangssatz seines neuen Buches "Dein Gesicht morgen", das jetzt in den Handel kommt, wird sich der große spanische Schriftsteller in der Folge paradoxer-, aber auch glücklicherweise ganz und gar nicht halten. Javier Marías erzählt sehr wohl, geradezu überbordend sogar, und nicht nur das: Er philosophiert, dokumentiert, inszeniert und interpretiert, dass es eine Lust ist. Den Rahmen dafür bildet eine höchst originelle Spionagegeschichte. Noch spannender als die Handlung aber ist, wie das Buch die Geheimnisse der menschlichen Kommunikation ergründet, die Macht und Gefährlichkeit der Worte, aber auch die Botschaften im Ungesagten.

"Der zitternde Kiefer des konfusen Ehrgeizlings"
Javier Marías

Genau diese Botschaften zu entschlüsseln, ist die große Gabe und Aufgabe des Protagonisten Jacques Deza. Mit scharfem Blick durchschaut er Absichten, verborgene Charakterzüge und Verstellungen seines Gegenübers und kann daraus auch dessen künftige Verhaltensweisen, sein "Gesicht morgen", ablesen. Jacques nimmt wahr, was andere nicht zu sehen wagen: "die angestrengt undurchsichtigen Blicke und das übertriebene Blinzeln, das Verziehen einer Lippe bei der Vorbereitung einer Lüge oder den zitternden Kiefer des konfusen Ehrgeizlings". Diese Fähigkeit will sich der britische Geheimdienst zunutze machen. Der alte Literatur-Professor Peter Wheeler heuert den jungen Spanier in Oxford für den ungewöhnlichen Job des "Menschendeuters", "Lebensübersetzers" oder "Geschichtenantizipierers" an.

In Diensten der Spezialeinheit MI6 beobachtet er die verschiedensten Menschen - mal voyeuristisch durch falsche Spiegel oder auf Videobändern, mal ganz offen. Und muss dann urteilen: Betrügt diese Ehefrau ihren Mann? Wäre der eitle, alternde Schauspieler in der Lage, einen Mord zu begehen? Und wie entschlossen und ehrlich ist der venezolanische General, der nach London gekommen ist, um Unterstützung für einen Militärputsch gegen den Präsidenten Hugo Chávez zu organisieren?

Einen Spionageroman à` la James Bond hat Javier Marías freilich nicht abgeliefert - auch wenn er dem 007-Erfinder Ian Fleming im Buch eine kleine Hommage erweist. Die minimale äußere Handlung erstreckt sich über weniger als 48 Stunden, in denen niemals geschossen, dafür umso mehr geredet wird. Dazu kommen ausgedehnte Exkurse, darunter ein Ausschnitt aus der ganz persönlichen Familiengeschichte des 52-jährigen Autors: Sein Vater, der Philosoph Julián Marías, wurde zu Beginn der Franco-Diktatur von seinem besten Freund denunziert und daraufhin verhaftet. Der Verrat steht in verstörendem Kontrast zur Geschichte des hellsichtigen Jacques. Denn bei aller vermeintlichen Vertrautheit mit dem Freund hatte der Vater keinerlei Vorzeichen für die Tat entdecken können.

Wie in den untergeordneten Handlungssträngen geht es auch in den langen essayistischen Passagen des Buches immer wieder darum, was Worte anrichten können, wie sie sich manchmal in Waffen verwandeln, wie wir die Kontrolle über sie verlieren, haben sie erst einmal unseren Mund verlassen. Die Gedankengänge mögen verschlungen sein, doch sie verirren sich nie, sie sind klug, anregend und immer dicht am Leben. Dass man ihnen gerne folgt, ist aber auch ein Verdienst der virtuosen Sprache des Autors. Javier Marías, der seit "Mein Herz so weiß" besonders in Deutschland hohe Popularität genießt, ist einer der wenigen lebenden Autoren, die einen so unverwechselbaren Stil pflegen, dass man ihn beim Lesen schon nach wenigen Sätzen wiedererkennt. Nach fast 500 Seiten hat man noch immer nicht genug. Zumal viele spannende Fragen offen bleiben. Doch Marías wird die Geduld seiner Leser hoffentlich nicht überstrapazieren. Band zwei von "Dein Gesicht morgen" soll demnächst in Spanien erscheinen.

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Dien Gesicht morgen von Javier Marías, 2004, Klett-Cotta2.)

Dein Gesicht morgen. 1 Fieber und Lanze.
Roman von Javier Marías (2004, Klett-Cotta - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Michaela Schmitz in Rheinischer Merkur, 06.01.2005:

Der erste Band von Javier Marías‘ Trilogie endlich auf Deutsch!
Das intelligente Ohr

Javier Marías, 1951 in Madrid geboren, ist einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Spaniens. Seit seinem Welterfolg „Mein Herz so weiß“ ist er mit zahlreichen international wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. Der erste Teil seiner neuen Romantrilogie „Dein Gesicht morgen“ mit dem Titel „Fieber und Lanze“ ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Jaime Deza weiß mehr über die Menschen, denen er zuhört, als sie über sich selbst je erfahren werden. Seine Fähigkeit, das in der Persönlichkeit angelegte Potenzial vorauszusehen, ist für ihn Gabe und Fluch zugleich, „Fieber und Lanze“ in einem. Jaime, Jacques oder Jacobo kann und muss zuhören, aufmerksam sein, interpretieren und erzählen. Das genau ist auch sein Schmerz, denn er weiß, „dass das bloße Geschehen uns kaum betrifft . . ., wohl aber seine Erzählung . . ., die zwangsläufig ungenau, verräterisch, annähernd und . . . doch . . . das Entscheidende, das, was uns seelisch verstört.“ Genau deshalb ist Erzählen unvermeidlich mit Verantwortung und zwangsläufig mit Schuld verbunden. Das hohe, unmögliche Ziel der Welt ist daher Schweigen.

Scheinbar durch Zufall wird aus Jacobos Berufung ein äußerst ungewöhnlicher Beruf. Deza, der vor vielen Jahren in Oxford unterrichtet hat, kehrt von seiner Heimatstadt Madrid nach London zurück, um dort für Radio BBC zu arbeiten und Abstand von seiner zerrütteten Ehe mit Luisa zu gewinnen. Der befreundete emeritierte Hispanist Sir Peter Wheeler lädt ihn zu einer Feier in sein Haus in Oxford ein, wo er ihn einem Mann mit dem sonderbaren Namen Tupra vorstellt. Herr Tupra bietet Jacobo eine Beschäftigung an. Als Mitarbeiter einer Gruppe des britischen Geheimdienstes MI 6 nimmt er an zahllosen Verhören und Gesprächen teil.

Seine Aufgabe ist es, einzuschätzen, wie ein Mensch sich zukünftig verhalten wird, ob loyal oder als Verräter. Deza tut dort, was er immer getan hat: Er nimmt wahr, hört zu, deutet und erzählt. „Ich deutete – in drei Worten – Geschichten, Menschen, Leben. Oftmals noch ungeschehene Geschichten.“

Im Haus am Cherwell-Fluss erfährt Jaime, dass der befreundete Professor früher auch der Gruppe angehörte und der greise Wheeler schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg und während des Spanischen Bürgerkriegs in den Diensten der Spionageabwehr stand. Sein „beobachtender, analytischer, vorausschauender, deutender Geist, der ständig urteilt“, hat in Deza einen Gleichgesinnten erkannt und ihm den Posten bei Tupra vermittelt.

Der jetzt transparente historische Zusammenhang ruft bei Jacques seine mit dem Bürgerkrieg eng verknüpfte persönliche Familiengeschichte in Erinnerung. Wie viele andere in dieser Zeit wurde der Onkel damals Opfer der täglichen willkürlichen Tötungen in Madrid. Auch Dezas kommunistisch engagierter Vater war betroffen: Er wurde vom besten Freund und politisch Gleichgesinnten an die Franquisten ausgeliefert und entging nur durch einen glücklichen Zufall der sicheren Haftstrafe. Jacobo konnte nie verstehen, warum der Vater nicht seine Gabe besaß, schon heute des Freundes „Gesicht morgen“ und damit seinen Verrat vorauszusehen.

Der Vater hatte sich dagegen, obwohl er früh den „Fluch des Sprechens“ und das Verräterische der Erzählung selbst erfahren musste, bis ins Alter seine Naivität bewahrt. All das geht Jacobo durch den Kopf, während er mit Wheeler lange Unterhaltungen führt, in seiner Bibliothek nächtliche Recherchen treibt oder er sich allein im Londoner Großstadtappartement aufhält. Dort beobachtet er gleichzeitig aus seinem Fenster Passanten, den Verkehr und einen gegenüber wohnenden Freizeittänzer mit wechselnden Frauen.

Und er wartet auf Luisas Anruf und das ersehnte Telefonat mit seinen Kindern. Bis eines Abends eine unbekannte Frau an seiner Wohnungstür klingelt . . . So endet der erste Teil mit dem Beginn der nächsten Geschichte, einer neuen „Erzählung . . ., die . . . im Grunde nichtig ist und doch fast das Einzige, das zählt“.

Wie sein Protagonist Deza ist Autor Javier Marías professioneller Beobachter und Zuhörer sowie exzellenter Deuter von Menschen und Erzähler ihrer Geschichten. Marías vermittelt dem Leser in seiner charakteristischen, in Passagen auf bernhardsche Weise eindringlichen Sprache die Lust und den Schmerz des Erzählens. Und überzeugt damit, Menschen in den Mittelpunkt seiner Wahrnehmung und deren Darstellung ins Zentrum seiner Geschichten zu stellen.

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Dien Gesicht morgen von Javier Marías, 2004, Klett-Cotta3.)

Dein Gesicht morgen. 1 Fieber und Lanze.
Roman von Javier Marías (2004, Klett-Cotta - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Daniela Strigl aus Der Standard, Wien vom 16.01.2005:

Erzählen ist Gift und Vertrauen
Javier Marías entwirft in seinem neuen Roman eine Philosophie des Geheimdienstes

Javier Marías hat sich einen Ruf als Meister der Arabeske erworben, der existenziellen Arabeske, um genau zu sein, denn es geht bei ihm niemals um rein ornamentale Abschweifungen, sondern stets um Wesentliches, um die Conditio humana vor den Kulissen des Jetzt und Einst. Mit seinem neuen Roman - eigentlich der erste Teil eines zweibändigen Werkes - ist Marías diesem Ruf mehr als gerecht geworden, man könnte aber auch sagen: Er hat ihn über Gebühr strapaziert. Gleich die Exposition stellt die Leser auf eine Probe ihrer Geduld, statt an irgendeinem Punkt der Geschichte zu beginnen, eröffnet der Erzähler mit einer Reflexion über die Gefahren des Erzählens, über Vertrauen und Verrat: "Erzählen ist fast immer ein Geschenk, sogar wenn die Erzählung Gift enthält und einträufelt, es ist auch ein Band und ein Vertrauensbeweis, und selten ist das Vertrauen, das nicht früher oder später verraten wird, selten das Band, das sich nicht verwickelt oder verknotet."

Der Mann muss es wissen, war er doch längere Zeit für eine offensichtlich geheimdienstliche Stelle der britischen Regierung tätig. Hat man die mühseligen ersten zwanzig, dreißig Seiten bewältigt, findet man sich in einer durchaus fesselnden Javier-Marías-Welt: Der Icherzähler, ein Spanier, blickt zurück auf die Zeit, als er, frisch geschieden, in London lebte, bei der BBC arbeitete und von einem ebenso geheimnisvollen wie gewinnenden Mr. Tupra zur vertraulichen Mitarbeit angeworben wurde. Zunächst zieht man ihn zum Dolmetschen heran, bald aber beansprucht man sein besonderes Talent: einen Fremden einschätzen zu können, nicht bloß allgemein, in seinem Charakter, sondern konkret in dem, was er tun wird , ob er sich loyal verhalten oder abtrünnig werden wird.

Der Erzähler, Jacques alias Jaime alias Jacobo Deza hat einen Vertrauten, den emeritierten Hispanisten Sir Peter Wheeler, eine wahre Koryphäe, die er aus seiner etliche Jahre zurückliegenden Lektorenzeit in Oxford kennt. Von ihm erfährt er nun Überraschendes, nicht nur, dass er im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat, Sir Peter war seinerzeit auch Mitglied des MI6, der Auslandsabteilung des britischen Nachrichtendienstes, wie fast alle in Oxford und Cambridge, die polyglott und kosmopolitisch waren und gar keine andere Wahl hatten, als ihrem Land gegen die Nazis beizustehen. Auch Sir Peter verfügt über jene Gabe des prospektiven Durchschauens, er hat die Bekanntschaft zwischen seinem jüngeren Freund und Mr. Tupra gestiftet.

Anstelle eines Spionageromans hat Marías eine Philosophie des Geheimdienstes verfasst. Indem er mehrere disparate Erzählstränge und -situationen verknotet, gibt er sich Gelegenheit, seine Lieblingsthemen quer durch die Geschichte zu verfolgen: Immer geht es ums Reden und ums Schweigen, zum Beispiel während des Krieges in England, als die Regierung eine Kampagne gegen den "careless talk" startet und so den geplagten Bürgern und Bürgerinnen mit Spionage-Szenarien das letzte Vergnügen des Plauderns vergällt. Immer geht es auch um Treulosigkeit: Der Vater des Erzählers war während des Bürgerkriegs von seinem besten Freund verraten und von der Junta verhaftet und angeklagt worden. Der Sohn kann nicht begreifen, wie es möglich war, dass dem Vater die Wandlung des Freundes verborgen blieb, er versetzt sich an die Stelle des Verratenen: "Wie ist es möglich, dass ich heute nicht dein Gesicht morgen kenne, das schon da ist oder hinter dem entsteht, das du zeigst, oder hinter der Maske, die du trägst, und das du mir erst dann vorführen wirst, wenn ich es nicht erwarte?"

Der Vater - in ihm spiegelt sich Marías Vater Julián Marías, ein in Spanien sehr bekannter Philosoph - weigert sich, darüber nachzudenken, er will auch nichts über die Beweggründe des Verräters wissen, er verurteilt, ganz gegen den Zeittrend, das "obsessive Interesse daran, das Abscheuliche zu begreifen", das den Tätern zu viel Ehre antue. Als anachronistischer Denker erweist sich auch Sir Peter Wheeler (mit dem der Erzähler und wohl auch der Autor sympathisiert): Man ertrage heute nichts Bestimmtes, man ertrage die Vergangenheit nicht, "wir ertragen es nicht, sie nicht ändern zu können", deshalb verändere man sie im Nachhinein, entschuldige sich für die Toten, biete Entschädigungen an, "Zynismus bei den Gebern, Zynismus bei den Empfängern".

Marías hat mit Dein Gesicht morgen eine Art Fortsetzung seines Oxford-Romans Alle Seelen geschrieben und mit zahlreichen autobiographischen Hinweisen zugleich an Schwarzer Rücken der Zeit angeknüpft, sein wohl merkwürdigstes Buch, in dem der Autor sich nicht hinter einem Alter Ego versteckt. Der neue Roman erreicht aber weder die Kompaktheit der Campus-Geschichte noch die Gedankentiefe der poetologischen Selbstbespiegelung. Es finden sich sogar verpatzte Formulierungen, die man nicht der stilsicheren Übersetzerin anlasten mag. (Oder doch? Immerhin schreibt sie auch von den "Fans DES Chelsea", die "DEN Liverpool" vernichten wollen.)

Gewiss gibt es in Dein Gesicht morgen rhetorische Glanzstücke und elegant komponierte Szenen und Dialoge. Marías hat eine Schwäche für intellektuelle Überväter, für Lehrergestalten, an deren Intelligenz, Lebenserfahrung und Auftreten sich das - potenziell ebenbürtige - Ich stets zu messen hat, was den Eindruck einer elitären Hochgestimmtheit verstärkt. Es gibt auch einprägsame Figuren - etwa jenen einsamen Tänzer, den Deza tagaus tagein im Fenster vis-à-vis beobachtet. Aber der theoretische Überbau hat in diesem Buch eine allzu brustschwache Geschichte erdrückt, von der man sich nicht vorstellen kann, wie sie im zweiten Teil wundersam genesen sollte. Weshalb die Abschnitte von Teil I "Fieber" und "Lanze" heißen, ergibt sich, anders als in früheren Werken, nicht schlüssig aus dem metaphorischen Zusammenhang. "Die Lanze, das Fieber, mein Schmerz und das Wort, der Traum", heißt es da, das Fieber könnte etwas mit der abgehandelten Red-Seligkeit zu tun haben, die Lanze mit dem Einsatz des Wortes in Kriegszeiten: Man darf einmal mehr ein Shakespeare-Zitat vermuten. Die "sehr dünne Linie, die die Tatsachen von den Einbildungen trennt" und "das Fiktive vom Geschehenen", die für Marías Schreiben konstitutiv ist, wird in diesem Buch eher beschworen, als literarisch anschaulich gemacht.

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