Deiner Stimme Schatten von Rose Ausländer, 2007, S. FischerDeiner Stimme Schatten.
Gedichte, kleine Prosa + Materialien von Rose Ausländer (2007, S. Fischer, hrsg. von Helmut Braun).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 2.01.2008:

Von einer Wand aus Worten
Vor 20 Jahren starb Rose Ausländer. Nun werden Texte aus ihrem Nachlass neu aufgelegt.

Als sie 1978 bettlägerig wurde, im Elternheim der Jüdischen Gemeinde von Düsseldorf, schichtete sie Notizbücher, Gedichtbände, Zettel, Manuskriptblätter, Zeitungen, Schreibblöcke und Arbeitshefte auf dem Bettrand an der Wand zu einer Mauer auf. Es wurde Rose Ausländers Arbeitsmauer, drei Jahre lang. Dann stürzte sie immer wieder ein, und die Heimleitung ließ diese Wand aus Worten in den Schrank räumen. Heimlich, während Rose Ausländer gebadet wurde. Es war das Ende ihrer dichterischen Selbstbestimmung. Sie, die heute zu den größten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts zählt, musste sich fortan alles anreichen lassen, ungewiss, ob sie das Gewünschte, das Gemeinte überhaupt bekam. Und schrieb solche Gedichte wie "Testament": Der rund 25 000 Seiten umfassende Nachlass der Dichterin, der zum großen Teil im Düsseldorfer Heine-Institut liegt, ist ein Konvolut aus Versuchen und Vorstufen, aus Arbeitsfassungen und Früh- wie Spätvarianten, aus Notizen und halb geschliffenen Vers-Diamanten. Und er ist - wegen der besonderen, wechselvollen Lebens- und Arbeitsbedingungen Rose Ausländers besonders schwer zu durchdringen.

1901 in Czernowitz zur Welt gekommen und aufgewachsen, floh sie im Ersten Weltkrieg nach Wien und schrieb seither, zunächst im neoromantischen und rilkischen Ton, dann aber schnell mit sehr eigener Diktion. Als 1920 der Vater starb, wanderte sie in die USA aus, um sich als Büro- und Bank-Angestellte durchzuschlagen. Anfang der 30er Jahre ging sie in die Bukowina zurück, um die Mutter zu pflegen, mit der sie sogar vier Jahre lang das jüdische Getto überlebte. Paul Celan fand bei ihr das Bild von der "schwarzen Milch", das durch seine "Todesfuge" so berühmt wurde, für ihn war sie eine Lehrerin. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging sie wieder nach Amerika, schrieb nur noch Englisch, wurde aber auch hier nicht heimisch, schrieb ab Mitte der 50er Jahre doch wieder Deutsch und erfuhr erst am Ende ihres Lebens jene Verehrung, die ihre Verse schon immer verdient hatten.

Einzelne Texte aus ihrem vielschichtigen Nachlass hat der Publizist Helmut Braun, der sich in ihren letzten Lebensjahren um die Dichterin gekümmert hat, schon in seine beiden Werkausgaben aufgenommen. Wenn er nun noch einmal einen schmalen Band mit Gedichten, Prosa und Materialien aus dem Nachlass erscheinen lässt, ist zumindest die Vielfältigkeit erneut dokumentiert: Da stehen Texte, die im (Auto-)Biografischen verankert sind, neben geronnenen Stimmungen oder hermetischen Rätseln. Als Rose Ausländer heute vor 20 Jahren im Nelly-Sachs-Heim starb, hatte sie ihren Schlusspunkt längst - zwei Jahre zuvor - gesetzt:

Begraben ist sie auf dem Jüdischen Friedhof im Düsseldorfer Nordfriedhof. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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