Defilée der Liebe.
Roman von Sergio Pitol (2003, Wagenbach - Übertragung Petra Strien).
Besprechung von Steffen Richter in der Frankfurter Rundschau, 9.9.2003:

Es war im November 1942
Sergio Pitols Mikrohistorie: "Das Defilée der Liebe" rekonstruiert die Umstände eines Verbrechens in Mexiko-Stadt

1942 war "das Jahr der Hunde, die den Mond anheulen". So zumindest sieht es ein Gemälde des mexikanischen Malers Tamyo. Es war aber auch das Jahr, in dem Mexiko mit den Achsenmächten des Zweiten Weltkriegs brach und ihnen seinerseits den Krieg erklärte. Europäische Flüchtlinge - Trotzkisten, Kommunisten und jüdische Emigranten - machten aus Mexiko-Stadt mit einem Mal eine kosmopolitische Metropole. Und im November des Jahres 1942 wurde das noble Haus Minerva im Stadtteil Roma Schauplatz eines Verbrechens. Die Hintergründe der Tat sind nie aufgeklärt worden.

Drei Jahrzehnte später steht Miguel del Solar vor jenem nunmehr heruntergekommenen Gebäude. In den 30er und 40er Jahren war hier eine illustre Gesellschaft eingemietet, die zur kulturellen und politischen Elite des Landes zählte. Als zehnjähriges Kind hat del Solar selbst in diesem Haus gewohnt, just als der Österreicher Erich Maria Pistauer während eines Festes der mondänen Oberschicht von Mexiko-Stadt ermordet wurde. Heute ist del Solar Professor für lateinamerikanische Geschichte. Gerade hat er eine Chronik des mexikanischen Revolutionsjahres 1914 veröffentlicht. Nun, da er sich selbst als Zeuge in die Geschehnisse zur Zeit seiner Kindheit involviert sieht, gesellt sich privates Interesse zum beruflichen. "Wie einen Flügelschlag" spürt er "das Echo verlorener Erinnerungen" und macht sich daran, die Umstände des Mordes zu rekonstruieren. Im Haus Minerva mit seinen Bewohnern verschiedenster politischer und nationaler Couleur glaubt er einen Nukleus zu entdecken, in dem das ganze Spektrum der zeitgenössischen mexikanischen Gesellschaft verschmolzen war. Unterm Banner der nationalen Versöhnung hatte in Kriegszeiten noch einmal zueinander gefunden, was in den kommenden Jahren der politischen Polarisierung in radikal geschiedene Universen drängte. Also beschließt del Solar, ein neues Buch mit dem Titel Das Jahr 1942 zu schreiben - ganz im Stile der Mikrohistorie, wie sie der Italiener Carlo Ginzburg betrieben hat.

Sergio Pitol kennt sich bestens aus mit politischen und sozialen Interessenkonflikten. Schließlich war er seit seinem Eintritt ins mexikanische Außenministerium 1960 Kulturattaché seines Landes in verschiedenen osteuropäischen Staaten, bis 1988 sogar Botschafter Mexikos in der Tschechoslowakei. Sein Interesse für europäische Kultur spiegelt sich in zahlreichen Übersetzungen - Gombrowicz und Brandys aus dem Polnischen, Bassani aus dem Italienischen, Austen und Conrad aus dem Englischen. In Deutschland ist Pitol erst im vergangenen Jahr mit seinem Roman Eheleben bekannt geworden. Auch Defilee der Liebe, das im Original bereits 1984 erschien und mit dem wichtigen Premio Herralde ausgezeichnet wurde, besitzt eine europäische Grundierung. Der Titel spielt mit Ernst Lubitschs Tonfilm Liebesparade von 1929.

Tatsächlich ist es ein prächtiger Umzug skurriler Gestalten, den Pitol schildert. In wechselseitiger Ab- oder Zuneigung sind sie einander verbunden, vor allem aber im festen Willen, ein Geheimnis zu bewahren: das vom Mord an dem jungen Österreicher. Schnell stößt del Solar an die Grenzen seiner detektivischen Fähigkeiten, als er die Teilnehmer des Festes aus dem November 1942 befragt. Jeder setzt seine eigene Version der Ereignisse in Umlauf. Allen voran scheint Delfina Uribe, die damalige Gastgeberin, erfolgreiche Galeristin, Kunsthändlerin und zudem Tochter eines mexikanischen Revolutionshelden von 1914, etwas zu verschleiern. Auch ihr Sohn wurde bei der Schießerei im Haus Minerva verletzt und starb wenige Jahre später. Handelte es sich also um einen Anschlag von Anhängern des ehemaligen Diktators Porfirio Díaz? Sollte Delfinas Vater bei seinem republikanischen Engagement für die Enteignung ausländischer Besitztümer unter Druck gesetzt werden? Oder hatten deutsche Geheimagenten Rechnungen mit NS-Anhängern vor Ort beglichen? Sollte am Ende der neurotische Journalist Pedro Balmorán Recht behalten? Der bezieht die Kugeln auf sich, weil er schon lange wegen seiner vermeintlichen Enthüllungen über das Schicksal eines Kastraten erpresst wurde. Oder spielte Antisemitismus eine Rolle? Schließlich war auch die jüdische Hispanistin Ida Werfel anwesend, die sich mit exzentrischen Arbeiten über die Verbindung des Schelmenromans mit der Verdauungstätigkeit des pícaro einen schillernden Ruf erworben hatte. Kurz vor den Schüssen war sie inmitten eines Gesprächs über Tirso de Molina von einem Partybesucher tätlich angegriffen worden. Nicht zuletzt scheint der zwielichtige Anwalt Martínez eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Er war die rechte Hand von Arnulfo Briones, del Solars Onkel und musterhafter Repräsentant des mexikanischen Konservatismus mit besten Verbindungen zum nationalsozialistischen Deutschland. Arnulfo selbst ist wenig später einem Attentat zum Opfer gefallen.

Trotz aller Anstrengungen gelingt es del Solar nicht, aus den sich verzweigenden Erzählungen eine kohärente Geschichte zu konstruieren. Das verwundert nicht, hat doch selbst der Leser mitunter Schwierigkeiten, sich durch den Dschungel der Verwandtschaftsverhältnisse zu kämpfen: "Ja, ich war Ihr Nachbar, Delfina. Pistauer war der Stiefsohn des Bruders meiner Tante; der Mann meiner Tante war ein Vetter meiner Mutter…" Doch die Mühe wird reichlich belohnt, wenn sich nach und nach Pitols poetisch fein ziseliertes Geschichtsbild herausschält. Als Historiker lässt er seinen Protagonisten del Solar scheitern. Der sitzt zum einen den Finten eines strategischen Lügenspiels auf, das von Missgunst, politischen Interessen und kaum camoufliertem sozialen Neid diktiert wird. Zum anderen gehen die befragten Zeugen ihren eigenen Versionen auf den Leim, weil sie sie jahrelang vor sich selbst wiederholt haben.

Als Schriftsteller aber ist Pitol erfolgreich. Alle Versuche, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Todesfällen, Erpressungen, dem Künstlerambiente und den politischen Ereignissen herzustellen, münden in wilden Verschwörungstheorien. Ein in sich schlüssiger Großdiskurs der Geschichte, den der französische Schriftsteller Georges Perec L'Histoire avec sa grande hache genannt hat, ist ohne offenkundige Begradigungen und gewaltsame Interpretationen nicht zu haben. Er zerfasert in zahlreiche Biografien mit ihren ganz eigenen Motiven und Perspektiven. Die Leistung der Literatur aber besteht gerade darin, verschiedene histoires, also einzelne Lebensläufe, gegen diesen Großdiskurs aufzubieten. Sie sind es, die Pitol in seinem Roman auf bewundernswerte Weise bewahrt.

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