Decline and Fall. Auf der schiefenen Ebene
Roman von Evelyn Waugh (2003, Diogenes -
Übertragung Ulrike Simon).
Besprechung von Holger Gumprecht in Neue Züricher Zeitung vom 25.10.2003:

Brillanter Geist mit Schattenseiten
Zum 100. Geburtstag von Evelyn Waugh (28. Oktober)

Er galt zu seiner Zeit als Englands brillantester Satiriker: der Romancier Evelyn Waugh, der gerade dieser Tage mit der Verfilmung seines Romans «Vile Bodies» unter der Regie von Stephen Fry einem grösseren Publikum wieder in Erinnerung gerufen ist. Waughs facettenreiches Sortiment von Antipathien rückte ihn freilich zeitweise auch in unbequeme Nähe zu Mussolinis faschistischer Doktrin.

Graham Greene hatte sein Œuvre übersichtlich in novels und entertainments eingeteilt. Ähnliche Massstäbe liessen sich, cum grano salis, auch beim Werk Evelyn Waughs anlegen. Da sind einerseits die frühen burlesken Gesellschaftssatiren - «Decline and Fall» (1928, «Auf der schiefen Ebene»), «Vile Bodies» (1930, «Lust und Laster»), «Black Mischief» (1932, «Schwarzes Unheil») und «A Handful of Dust» (1934, «Eine Handvoll Staub») -, in denen er einer untergehenden Schicht auf geistreich-amüsante Weise den Totenschein ausstellt; ihnen stehen die Werke einer zweiten (Nachkriegs-)Periode gegenüber, die etwa mit der weitbekannten Familiensaga über die englische Aristokratie, «Brideshead Revisited» (1945, «Wiedersehen mit Brideshead»), und der Trilogie über den Zweiten Weltkrieg, «Sword of Honour» (1965, «Ohne Furcht und Tadel»), eine neue, ernsthaftere Schaffenstendenz verrät. Die früher ausgeprägte Neigung zur Farce wird nunmehr unterdrückt, und die satirischen Elemente erfahren eine unübersehbare Dämpfung.

DER CHRONIST DER UPPER CLASS

Am 28. Oktober 1903 wurde Evelyn Waugh als Sohn eines Verlegers im Londoner Vorort Hampstead geboren. Nach einem abgebrochenen Geschichtsstudium am Hertford College in Oxford begann er zunächst als Lehrer zu arbeiten, wurde später Journalist und erwies sich bald als ein intimer Kenner der «Bright Young People» - des tonangebenden Milieus der upper class in der englischen Hauptstadt und der grossen und kleinen Tragödien, die die künftige Elite in Oxbridge in Atem hielten. Das vergnügungssüchtige Leben der Londoner High Society mit ihrer hektischen Jagd von einem Vergnügen zum nächsten, ihr exaltiertes und sorgloses Treiben in den Klubs und Salons im eleganten Mayfair der Golden Twenties wurde scharf pointiert, mit vielen Bosheiten und launigen Einfällen gespickt und freilich masslos überzeichnet für die Nachwelt konserviert. Es dürften diese frühen Romane gewesen sein, die Edmund Wilson zu seinem bekannten Diktum veranlassten, Evelyn Waugh sei seit George Bernard Shaw der einzige geniale Komiker in England.

1928 heiratete Waugh, was wohl ein gefundenes Fressen für so manchen Spötter gewesen sein musste - denn der Bräutigam zog mit einer Evelyn Gardner vor den Traualtar. Freunde nannten sie fortan She-Evelyn und He-Evelyn. Das Paar führte eine perfekte Ehe, zumindest das eine Jahr lang, bis sich She-Evelyn in einen anderen Mann verliebte. Waugh reichte sofort die Scheidung ein, heiratete aber zehn Jahre später erneut; mit Laura Herbert musste es diesmal jedoch eine Katholikin sein. Denn wie Graham Greene und Muriel Spark war auch Evelyn Waugh inzwischen zum Katholizismus konvertiert. Doch ihm wird man kaum die Entwicklung nachsagen können, welche Helmut Heissenbüttel bei Spark erkannt haben wollte: eine Hinwendung zur Autorschaft «quasi-theologischer Literatur».

Waughs wenig schmeichelhaftes Frauenbild ist oft mit dem traumatischen Erlebnis der gescheiterten ersten Ehe in Verbindung gebracht worden. Doch diese Schlussfolgerung dürfte zu kurz greifen, hatte doch der erst 25-jährige Autor schon in seinem Débutroman, «Decline and Fall», einen Blueprint für alle später auftretenden Frauenfiguren präsentiert. In dem Roman zieht Lady Beste-Chetwynde den Helden des Buches, den harm- und arglosen Privatlehrer Paul Pennyfeather, in ihren Bann und trägt an seinem späteren Untergang die Schuld. Paul muss wegen Margot Beste-Chetwyndes Verstrickung in den Prostituiertenhandel für sieben Jahre ins Zuchthaus. Er nimmt diese Strafe stoisch auf sich: «Denn wer je in einer englischen Privatschule war, wird sich in einem Zuchthaus immer verhältnismässig zu Hause fühlen. Leute dagegen, die in der heiteren und vertraulichen Enge der Slums aufwuchsen, finden Gefängnisse seelenmörderisch.» Tatsächlich wird sich Paul hinter Gittern schnell zurechtfinden: «Der Verlust seines persönlichen Eigentums gab ihm ein merkwürdig angenehmes Gefühl der Unverantwortlichkeit.» Frauen erscheinen in der Welt, wie Waugh sie sah - oder sehen wollte -, zumeist als schöne, aber auch verhängnisvolle Verführerinnen oder, wie zum Beispiel in «A Handful of Dust», als leichtfertige Wesen, die eines Liebhabers wegen den gesamten Familienbesitz aufs Spiel setzen....Fortsetzung

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