Deadwood von Pete Dexter, 2011, Liebeskind1.) - 2.)

Deadwood.
Roman von Pete Dexter, (2011, Liebeskind - Übertragung Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger).
Besprechung von Arnold Hohmann in der Westf. Rundschau, 1.10.2011:

Das war der wilde Westen
Pete Dexter lobpreist mit "Deadwood" ein historisches Filmgenre

Immer mal wieder reckt der gute alte Western sein Haupt im Kino oder auf dem Bildschirm, um seinen Ewigkeitsanspruch anzumelden: Hier ist ein historisches Filmgenre, das zwar nicht mehr stark floriert, das aber nie ganz verschwinden wird. In diesen Tagen nun, da auf der Leinwand sogar "Cowboys & Aliens" aufeinander treffen, erscheint mit "Deadwood" von Pete Dexter endlich auch ein bereits 1986 veröffentlichter Roman auf Deutsch, der die melancholische Stimmung vieler Kino-Spätwestern atmet und es historisch genau nimmt. Die Handlung spielt 1876 im heutigen South Dakota in einer Stadt, die von Goldgräbern gegründet wurde. Als Wild Bill Hickok und sein Freund Charley Utter hier eintreffen, gibt es in Deadwood bereits ein Chinatown, das Kneipenviertel "Badlands" und auch die Kultur hält mit einer Theatergruppe bereits Einzug.

Dexter schildert die sich anbahnenden Ereignisse mit einer derart großen Ruhe, dass sich darin auch das damalige entspannte Verhältnis zur verrinnenden Zeit widerspiegelt. Ausführlich werden Besuche im Badehaus, in den Kneipen und Hurenhäusern geschildert, nur allhlich gibt die Prosa die Beziehungen unter den handelnden Personen preis. "Deadwood" lesen, das ist wie einen schönen Western sehen, in dem die Bewegungen der Protagonisten' schon immer etwas Zeitlupenhaftes haben. Dafür aber, dass sich zunächst eher wenig ereignet, schlägt das Schicksal später dann kräftig zu. Der schwerkranke Hickok ist zwar zum Sterben nach Deadwood gekommen, wird dann aber vor der Zeit im Saloon beim Kartenspiel hinterrücks erschossen. Eine Hure wird brutal zersckelt, ein Jüngling misshandelt - und immer wieder sorgt der Eros dafür, dass auch das Sexuelle nicht zu kurz kommt. Charley und Wild Bill haben ihre Ehefrauen daheim gelassen, dafür sind die Prostituierten willig zur Stelle.

So viele schräge Charaktere wie hier Deadwood bevölkern, lernt man sonst nicht in sechs Romanen kennen. Und dass gleich zu Beginn zwei abgeschlagene Köpfe durch die Straßen getragen werden, ist hier eher normal. Die Wege sind matschig, die Menschen korrupt und gewaltbereit. Und nicht alle haben es mit der Sauberkeit: Calamity Jane ist berühmt dafür, schlimmer zu stinken als ein Schweinestall.

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Deadwood von Pete Dexter, 2011, Liebeskind2.)

Deadwood.
Roman von Pete Dexter, (2011, Liebeskind - Übertragung Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 21.10.2011:

Mikrokosmus mit Dreck: Dexters "Deadwood"
Man fällt unter die Revolverhelden und will nicht mehr weg: Pete Dexters Roman ist ein Mikrokosmos mit Dreck.

James Butler Hickok, genannt "Wild Bill", brauchte eine Viertelstunde zum Pinkeln. Seinem Ende zu dann eine halbe Stunde. Dass er seinen syphilitischen Körper mit Quecksilber einrieb, brachte nur insofern etwas: Jetzt fielen ihm auch die Zähne aus.

Revolverhelden sind halt auch nichts Besonderes.

Genau das ist das Besondere an diesem historischen Roman; diesem Western, für dessen Lektüre man sich nicht zu genieren braucht - im Gegenteil, den kann man, den muss man guten Freunden empfehlen.

"Deadwood" verherrlicht nicht. Aber "Deadwood" kratzt auch nicht an den Legenden. Die waren (fast) wie du und ich, manchmal tödlich, manchmal zum Schießen komisch. Rassistisch(er) waren sie; und dreckiger - wobei zumindest Bill Hickok und vor allem sein Partner Charley Utter oft im Badehaus saßen.

Calamity Jane war dort nie. Sie hat sich gewünscht und eingebildet, mit Bill verheiratet zu sein. Eine herzensgute Zicke, Krankenschwester und Hure.
Deadwood, jetzt eine Kleinstadt mit immerhin 1300 Einwohnern, war damals ein Goldgräberdorf bei den Black Hills im Land der Sioux. Es hat sich von Leichen ernährt.

Rosa Gin

Im "Saloon No. 10" endete Bill Hickoks Leben. Er war bloß, höchst manierlich, hierhergekommen, um rosa Gin zu saufen, beim Pokern zu verlieren und in Ruhe zu pinkeln.

39 Jahre alt war der einstige Bürgerkriegsoffizier, Sheriff und Landstreicher mit dem langen, gewellten Haar, als er - mit zwei Assen und zwei Achten in der Hand - 1876 grundlos von einem idiotischen Katzenhändler erschossen wurde.

Das ist nicht das Ende des Buches, das der profilierte amerikanische Drehbuchautor Pete Dexter schon vor zwei Jahrzehnten genauestens recherchiert und inkl. Sexszenen staubtrocken aufgeschrieben hat.

Das ist ein neuer Anfang.

Denn langsam ändern sich die Zeiten. Ein "richtiges" Theater hat aufgesperrt, die Frauen werden stark, und es ist nicht mehr ganz so "in", mit dem Kopf eines Feindes im Lederbeutel an der Theke zu stehen.

Hickoks Partner Charley Utter bleibt in Deadwood. Er schafft es nicht, auf den Dreck zu verzichten. Er bleibt eng verbunden mit der sympathischsten Figur in diesem Mikrokosmosgatsch: mit dem angeblichen Schwachkopf, der Flaschen sammelt, weil in Flaschen alles Wissen und Begehren gesammelt ist ...

Nachtrag: Der allererste Zeitungsmann im Ort klärt Charley Utter auf, dass er das Wort "verdammt" in seinem Blatt nicht duldet. Er doziert: "Ein Redakteur muss häufig Entscheidungen treffen, die ihm niemand abnehmen kann." Toller Job.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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