Dayworker von Thomas Vogler, 2007, GrupelloDayworker.
Gedichte von Thomas Vogler (2007, Grupello).
Besprechung von Werner Streletz in der WAZ vom 16.04.2007:

Poet am Küchentisch - Zwei neue Gedichtbände der Liselotte und Walter Rauner-Stiftung verdeutlichen die Spannweite der Lyrik heute.
Eindrucksvolle Matinee in der Speisekammer des Schauspielhauses


Der Beginn war berührend: »Wissen Sie, wer sich da dort unter dem Tisch versteckt hat?« fragte Gerd Riese das Publikum und zeigte auf einen Tisch in der Speisekammer des Schauspielhauses. Eine große Stoffdecke hing weit über die Tischkanten hinweg. »Darunter sitzt der siebenjährige Gerd, der sich nicht heraus traut, weil er stottert«, erzählte Lyriker Riese und fuhr fort: »Vor ihnen dagegen steht der erwachsene Gerd, der sich traut, vor ihnen seine Gedichte zu lesen.« Obwohl er weiterhin Stotterer sei wie Marilyn Monroe, John Updike oder Winston Churchill. Das Publikum möge ihm also mögliches Stottern bei der Rezitation nachsehen. Da gab es indessen nichts zu entschuldigen, denn der in Witten lebende Poet las seine Texte mit fester klarer Stimme, beinahe ohne jeden Stolperer.
Die Liselotte und Walter Rauner-Stiftung hatte zur Sonntagsmatinee in die Speisekammer eingeladen. Es galt, zwei Neuerscheinungen zu würdigen, sorgsam edierte Gedichtbände - ein im Medienwirbel unserer Zeit nicht gerade häufiges Ereignis. Und deshalb um so wichtiger.
Die von der bekannten Poetin Liselotte Rauner aus Bochum-Wattenscheid initiierte und von Hugo Ernst Käufer und Volker W. Degener mit Leben erfüllte Stiftung bemüht sich um Lyrik in NRW. Obwohl es auf den ersten Blick kaum zu glauben ist: Es wird nach wie vor viel gedichtet im Lande zwischen Rhein und Ruhr. Nach einem Aufruf erreichten die Stiftung nicht weniger als 149 Manuskripte mit jeweils 50 bis 80 Seiten. Eine Jury suchte die beiden besten Eisendungen aus, die nun im Düsseldorfer Grupello Verlag in der Reihe Forum Lyrik veröffentlicht worden sind.
Die ausgezeichneten Poeten leben beide im Ruhrgebiet und haben beide mithilfe der Rauner-Stiftung ihren ersten Gedichtband veröffentlicht. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten, wie die Lesung bewies. Gerd Riese erweist sich als sorgsamer Beobachter und Verwandler der Wirklichkeit, die ihm tagtäglich begegnet. Er ist von Dichtern und Denkern der Vergangenheit beeinflußt und geprägt: Platon, Hölderlin, Goethe... Manche der strengen Texte, denen gelegentlich etwas weniger Pathos gut tun würde, sind diesen Altvorderen gewidmet. Ein Poet dichtet aus dem Humus der Literaturgeschichte heraus.
Wenn man unbedingt ein Vorbild für Thomas Vogler nennen wollte, dann ist das vielleicht Charles Bukowski - abzüglich der Ferkeleien des amerikanischen »dirty old man«. Vogler wurde arbeitslos, da hat er mit der Schriftstellerei begonnen. Seine Poeme bilden schmucklos das graue Überleben zwischen Hoffnung und Mutlosigkeit ab - Lyrik als Überlebensmittel.
Am Sonntag gab es also zwei höchst unterschiedliche poetische Stimmen zu entdecken, die in ihren besten Gedichten indessen eindringlich belegten, wozu eine literarische Sparte imstande ist, der selbst leise Töne oft als zu laut erscheinen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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