Day von A.L.Kennedy, 2007, Wagenbach1.) - 3.)

Day.
Roman von A. L. Kennedy (2007, Wagenbach - Übertragung Ingo Hertzke).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 12.9.2007:

Mehr als ein Antikriegs-Roman
Die große Erzählerin A. L. Kennedy hat ein Buch über den Zweiten Weltkrieg geschrieben, und die alte Geschichte ist so fesselnd, dass man die Lektüre nur ungern vor der letzten Seite weglegt

Ja, ich liebe A. L. Kennedy, seit damals, als ich den Roman mit dem irreführenden Titel "Also bin ich froh" endlich doch aus der Hand legen musste. Ich sah lange aus dem Fenster, in stürmende Wolken und blaue Fetzen, und dachte: Welch ein Glück, dass es solche Literatur gibt. So schön, und in aller Zerrissenheit fast vollkommen wie dieser Himmel. Und ebenso voll trügerischer Bilder und untergründiger Gefahr.

Das neue Buch erzählt vom Krieg. Vom Weltkrieg, den wir uns angewöhnt haben, den "Zweiten" zu nennen. Das ist merkwürdig, die Autorin ist 1965 geboren; man muss sich fragen, warum sie das tut und wieso sie es kann: so intim, so genau berichten über etwas, das sie nicht erlebt hat.

Die eindrucksvolle Erklärung lautet, dass sie über den Krieg als gegenwärtiges Monster schreibt; als Beispiel wählt sie den einen, letzten, mit dem wir Europäer erschütternde Erinnerungen verbinden. Und seien es die an Erzählungen Anderer.

Kennedy ist eine erstaunliche Erzählerin. In ihrem vorletzten Roman, "Paradies", sprach sie beängstigend kenntnisreich über Alkohol. Diesmal weiß sie alles über englische Bomberflieger. Über Menschen, die den Krieg erlebt haben und das, was auf ihn folgte; die Bomben warfen und auch sich selbst dabei zerstörten. Kennedy schreibt manchmal roh, oft unerhört zart, aber immer so, dass die Nachgeborenen plötzlich verstehen können, was ihnen nichts als Vergangenheit war. Sie kann das, weil sie poetisch denkt.

Der Mann, der erzählt, von dem erzählt wird, heißt Day. Alfred F. Day. Alfie nennt ihn Joyce, die er im Luftschutzkeller kennenlernt und die ihm das vielleicht trügerische Gefühl gibt zu leben. Schütze Day wirft mit seiner Crew Bomben über dem Ruhrtal ab, überlebt in deutscher Kriegsgefangenschaft Prügel und äußerste Verlorenheit, kehrt nach England zurück und wird Komparse in einem Film über ein deutsches Kriegsgefangenenlager. Ist er verrückt?

Ja, Alfred Day ist verrückt wie viele, die den Höllenkrieg überlebt haben. Er ist verrückt, weil er die furchtbare Wirklichkeit und seine tote Crew immer nur stückweise verdrängen kann, und wenn es gelingt, füllt er die Lücke sehr bewusst mit besseren Erinnerungen. Alles andere lässt er draußen. Da, wo er nicht ist.

Die Geschichte ist schwer durchschaubar, schon deshalb, weil die Erzähler wechseln. Mal nennt die Autorin Alfred "du" wie eine innere Stimme, mal spricht er selbst; dann wieder nimmt ein Allwissender die Fäden auf.

Es beginnt beiläufig. "Alfred ließ sich einen Schnauzer wachsen." Doch dann nimmt die Geschichte scheinbar absurd eine andere Wendung: "Manchmal sieht man morgens in den Spiegel und fragt sich, warum es nicht zu sehen ist: dass ein großer Teil von einem ständig danach schreit, rausgelassen zu werden." Dieser Satz sagt viel über Alfred Day, und über A. L. Kennedy.

Es ist ein berührendes Buch, auf erschütternde Weise wahr. Es erzählt vom Lager, dem echten und dem nachgemachten, wirft lange Rückblicke auf Angst, Kameradschaft, Präzision, Tod. Und auf eine still wachsende unmögliche Liebe. Auf das, was wichtig ist. "Das wirkt jetzt albern, dass sie ihre Zeit vergeudeten mit Fröschen und Gardinen, wo sie doch die ganze Zeit sterben mussten. Von einem einsamen Bomber getroffen, ohne Vorwarnung." Solche Worte hauen ins Herz.

Nein, "Day" ist mehr als ein rechtschaffener Antikriegsroman. Es ist eine Geschichte über die Menschen, selten schön, aber mit berührender Sprache. Am Ende wird sie zum albträumenden Gedicht.

Ein großartiges Buch, das in Wahnsinn und Trauer Tröstliches verbirgt. Bücher wie dieses kann man nicht oft lesen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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Day von A.L.Kennedy, 2007, Wagenbach2.)

Day.
Roman von A. L. Kennedy (2007, Wagenbach - Übertragung Ingo Hertzke).
Besprechung von Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeine vom 30.11.2007:

Als lachende Männer ein Loch in den Himmel brannten

Die komplette Rezension von Hubert Spiegel finden Sie unter faz.net

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter faz.net]

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Day von A.L.Kennedy, 2007, Wagenbach3.)

Day.
Roman von A. L. Kennedy (2007, Wagenbach - Übertragung Ingo Hertzke).
Besprechung von Jeanette Villachica in den Nürnberger Nachrichten vom 2.02.2008:

Ein guter, langer Krieg
A. L. Kennedys aufwühlender Roman «Day»

Das Buch beginnt für die schottische Autorin ungewohnt leicht: «Alfred ließ sich einen Schnauzer wachsen. Der ungeübte Betrachter mochte denken, er tue es aus Langeweile, weil er hier auf dem Land nichts zu tun hatte, aber so war es nicht. In Wirklichkeit konzentrierte er sich, bedachte jede einzelne Stoppel, damit sie sich anständig ausrichtete. Bisher machte er recht eindrucksvolle Fortschritte: ein ansehnlicher Bartwuchs, der bereits Verlässlichkeit und Ruhe andeutete.»

Aber natürlich ist nichts leicht in «Day», dem neuen Roman von A. L. Kennedy. Die 42-Jährige taucht in das Innenleben eines Menschen ein, der sich am liebsten ganz aus dem Leben ausklinken möchte und von seinen Erinnerungen und Träumen, die mit der Realität verschmelzen, übermannt wird. Und weil Kennedy, die berühmt ist für ihre liebevoll einfühlsame und gleichzeitig kompromisslose, drastische Beschreibung von Seelenzuständen, auch in diesem Buch vor allem an der inneren Verfasstheit ihres Protagonisten, des 25 Jahre alten Alfred Day, interessiert ist, folgt sie in ihrer Erzählung dessen wirren Gedankenströmen. Das macht die Lektüre vor allem anfangs nicht leicht. Die Zeitebenen verschwimmen, die Erzählperspektive wechselt häufig. Hinzu kommt, dass Day ein wenig zugänglicher Mensch ist, der versucht, das Erlebte auf Distanz zu halten. Wer durchhält, erliegt jedoch bald Kennedys Sprachkunst und Menschenkenntnis und erlebt ein berührendes Stück Literatur.

Alfred Day wollte seine trostlose Jugend, den gewalttätigen Vater und dessen stinkendes Fischgeschäft hinter sich lassen, als er sich mit 15 Jahren zur Royal Air Force meldete. «Er betete, dass es ernst werde: ein guter, langer Krieg», schreibt Kennedy. Als Bordschütze eines Lancaster-Bombers fand er Anerkennung, Zusammengehörigkeitsgefühl und echte Freundschaft in seiner Crew. In der Bruderschaft mit Pluckrose, Molloy, dem Skipper und den anderen «Kriegies” fühlte sich der ängstliche, wenig gebildete, sensible und zähe Day geborgen. Bei ihren Einsätzen im Luftraum über Deutschland gaben die Männer ihr Bestes und versuchten nicht weiter über die Folgen ihres Tuns nachzudenken. Als Alfred sich dann noch bei einem Urlaub in London in die verheiratete Joyce verliebt – die seine Gefühle erwidert, obwohl sie aus der Upper-Class kommt und «Alfie» sich ihr unterlegen fühlt – hat er für kurze Zeit die Illusion, der Einsamkeit entkommen zu sein....Fortsetzung

Die komplette Rezension von Jeanette Villachica finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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