Da ward es Morgen von Sayed Kashua, 2005, Berlin

1.) - 2.)

Da ward es Morgen.
Roman von Sayed Kashua (2005, Berlin-Verlag - Übertragung Mirjam Pressler).
Besprechung von Sabine Peters in freitag vom 25.11.2005:

Mitläufer
Sayed Kashuas neuer Roman »Da ward es Morgen«

Sie sind nicht Fisch und nicht Fleisch; ihre Identität ist ihnen selbst und ihren Nachbarn völlig ungewiss: Die arabischen Israelis unterscheiden sich von den in Gaza und im Westjordanland lebenden Palästinensern, denn sie haben einen israelischen Pass und sind offiziell mit der jüdischen Bevölkerung gleichgestellt. In den Augen vieler Juden sind sie allerdings so etwas wie ein Krebsgeschwür. Und viele Palästinenser halten sie für Kollaborateure.

Sayed Kashua, ein arabischer Israeli, hat nach Tanzende Araber (Freitag 42/2002) jetzt seinen zweiten Roman veröffentlicht, eine düstere Vision der Post-Intifada – und was an seinem Buch vor allem beunruhigt, ist die Tatsache, wie realitätsgesättigt und faktenreich diese Fiktion ist. Die Handlung: Ein Journalist, der für eine jüdische Zeitung arbeitet, kehrt resigniert aus Jerusalem in sein arabisches Heimatdorf zurück. Die feindseligen Parolen in der Stadt, die zur Vertreibung von ihm und seinesgleichen auffordern, lassen ihm sein Dorf wie einen Fluchtpunkt erscheinen.

Aber auch dort sieht er überall zunehmende Gewalt. Und dann wird das Dorf überraschend hermetisch abgeriegelt von israelischem Militär. Es wird eine Nachrichtensperre verhängt. Strom und Wasser werden abgeschaltet. Im Dorf bricht ein Bürgerkrieg aller gegen alle aus. Kashua spielt anhand der jetzt Eingeschlossenen ein Szenario durch, das Autoren immer wieder bearbeitet haben; man denke nur an Camus Roman Die Pest, oder Goldings Herr der Fliegen: Wie wirkt sich der Zusammenbruch der gewohnten Ordnung auf eine Gemeinschaft aus? Während innerhalb des Dorfes der Bürgerkrieg tobt, beschließen »außerhalb« Palästinenser und Israelis ein umfassendes Friedensabkommen. Es besagt unter anderem, dass die arabischen Israelis künftig als palästinensische Bürger gelten. Der Journalist aber traut den Palästinensern so wenig wie anderen arabischen Gesellschaften die Fähigkeit zur Demokratie zu. Er weiß: Arabisch sein ist das Schlimmste, was einem passieren kann.

Kashua, Jahrgang 1974, hat auch den zweiten Roman auf Hebräisch geschrieben; in einem Interview sagte er, in welchem arabischsprachigen Land könne er aufgrund der Zensur schon veröffentlichen. Er schreibe für Israelis. Diese eindeutige Zugehörigkeitserklärung wird in seinem Roman durch eine Vielfalt von Figuren mit unterschiedlichen Ansichten aufgelöst. Und so wird dieses Buch zu einem nachdenkenswerten Diskussionsangebot.

Der israelischen Seite sagt es: Hört auf, die arabischen Israelis noch mehr zu verwirren und zu spalten, als sie es ohnehin schon sind. Entgegen den goldenen Worten diverser Politiker, die »unsereinen« als Brücke zwischen Israelis und Arabern sehen, machen wir die Erfahrung, in der Falle zu sitzen. Für die eigene Seite leistet Kashuas Roman härteste Selbstkritik. Der Blick ist illusionslos, gnadenlos. Die arabischen Israelis sind hier nicht nur Opfer. Eine abstrakte Identifikation und Solidarität mit Palästinensern im Gaza-Streifen beispielsweise geht durchaus einher mit der konkreten Ausbeutung der illegalen palästinensischen Arbeiter im Dorf selbst. Und gerade in Krisensituationen zeigt sich eben, dass auch in der Gemeinschaft der arabischen Israelis eine Mehrzahl von Leuten jedes Gefühl für so etwas wie Würde verliert. Die Dorfbewohner werden Opportunisten, Mitläufer, Mittäter, wenn sie nur selbst etwas davon haben.

Kashuas Roman ist ein dichtes, beklemmendes Buch, das auch hiesige Leser mit sich zieht in ein fremdes Land. Die Frage allerdings, wie schnell man unter äußeren schwierigen Bedingungen verkommt, ist so fremd nicht; sie ist existentiell.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

Leseprobe I Buchbestellung 0610 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Freitag

***

Da ward es Morgen von Sayed Kashua, 2005, Berlin2.)

Da ward es Morgen.
Roman von Sayed Kashua (2005, Berlin-Verlag - Übertragung Mirjam Pressler).
Besprechung von Marius Hulpe in Rheinischer Merkur, 9.03.2006:

Der arabische Israeli Sayed Kashua erzählt vom ethnischen Konflikt im Staat der Juden
In der Falle der Geschichte

Am Anfang ist alles hybride. Ein kleines Volk, das am Rande Israels in kleinen Dörfern lebt, gehört politisch zu Israel, ist jedoch arabisch. Und unterscheidet sich somit grundlegend von den im Gaza-Streifen und im Westjordanland lebenden Palästinensern. Von diesen werden sie als Kollaborateure der Israelis abgestempelt. Aber auch in den Augen vieler Juden, denen sie formal gleichgestellt sind, drückt sich die tiefe Ablehnung und Fremdheit aus; ja wenn man es präziser sagen möchte: Sie empfinden sie als ein Krebsgeschwür. Diese Grundsituation ist es, aus der Sayed Kashua in seinem zweiten Roman, „Da ward es Morgen“, eine düstere Vision der Post-Intifada entwickelt, die gerade deswegen so verstörend wirkt, weil sie so gesättigt ist mit Fakten. Auch, wenn letztlich alles im Fiktionalen verbleibt.

Zu Beginn kehrt der Ich-Erzähler, ein Journalist, entmutigt aus Jerusalem in besagtes Dorf zurück, das ihm wie ein Fluchtpunkt vor den Anfeindungen in der Stadt erscheint, aus der man seinesgleichen lieber heute als morgen vertreiben möchte. Doch auch im Dorf ist die Welt längst nicht mehr in Ordnung, es herrscht das Bandenwesen; Schutzgelderpressung, Schießereien und Entführungen sind an der Tagesordnung. Eines Nachts aber gerät die bereits schiefe Welt vollends aus den Fugen. Das israelische Militär riegelt das Dorf hermetisch ab, alle in Israel Arbeitenden werden von Grenzpolizisten ins Dorf zurückgebracht, und eine Nachrichtensperre wird verhängt. Wasser und Strom werden gekappt, das Chaos bricht aus.

Sayed Kashua nutzt den alten literarischen Topos von der abgeschotteten Welt, um der Spannung seines Buches soziologische Schärfe zu verleihen. Wie schon in Camus' „Der Fremde“ oder Goldings „Herr der Fliegen“ lässt sich von nun an sehr genau beobachten, wie sich der Zusammenbruch gewohnter Strukturen und Regelsysteme auf das Funktionieren einer Gemeinschaft auswirkt. Es entsteht eine Art funktionalistischer Opportunismus, was zur Folge hat, dass das Sozialsystem Dorf nicht völlig zusammenbricht. Der Kampf jeder gegen jeden schafft ein Gleichgewicht, wenn auch ein fatales.

Denn während innen das Chaos tobt, einigen sich die politischen Führer außerhalb auf ein Friedensabkommen und darauf, dass die arabischen Israelis zukünftig als palästinensische Bürger gelten sollen. Der Ich-Erzähler fühlt sich verkauft. Nirgendwo in diesem Buch findet sich der geringste Glaube an die Demokratiefähigkeit der Palästinenser. Von den Bewohnern anderer arabischer Staaten ganz zu schweigen. Arabisch zu sein, heißt es, sei das Schlimmste, was einem passieren könne.

Es ist vor allem die tiefe innere Zerrissenheit, die Kashua, Jahrgang 1975, in diesem beklemmenden Stück Prosa thematisiert. Wie in seinem ersten Roman gelingt es ihm, sich in diesem unmenschlichen Getöse ganz auf den Einzelnen zu konzentrieren. Abgrundtiefer Pessimismus durchzieht den Text. Eine andere, freundlicher, hellere Stimmung wäre angesichts der Verankerung der Geschichte in der empirischen Gegenwart allerdings auch kaum glaubhaft. So zeichnet Kashua ein vielschichtiges Bild einer von unlösbaren Widersprüchen und Gewalt geprägten Gesellschaft. Dabei überzeugt er durch stilistische Präzision und durch den behutsamen Umgang mit der Berichtsform. Die Geschichte ist nuancenreich erzählt, und sie ist wirklich spannend.

Auch seinen zweiten Roman hat der Autor auf Hebräisch geschrieben. In einem Interview stellte er die rhetorische Frage, in welchem arabischen Land er bei der herrschenden Zensur schon veröffentlichen könne. Ganz klar, Kashua schreibt für Israelis. Doch davon ist im Roman selbst erst auf den zweiten Blick etwas zu spüren. Durch eine Vielzahl an Figuren mit unterschiedlichen Perspektiven hebt sich die Parteilichkeit ganz von selbst auf. Und so liest sich dieser Roman einerseits als streitbares Diskussionspapier, als Emotionalisierung, andererseits aber auch als Brücke zu einer Minderheitenperspektive, von der der Text im Grunde lebt. Subtil kritisiert „Da ward es Morgen“ eine offizielle Politik, die denen, die von ihr betroffen sind, nur Schaden und Nachteile bringt. Denn im Gegensatz zu den goldenen Worten der Politiker, die die arabischen Israelis als Vermittler zwischen beiden Seiten sehen, machen diese die bittere Erfahrung, zwischen den Fronten zu stehen – in der Falle der Geschichte.

Doch Kashua kritisiert auch die eigene Seite. Er vermeidet jeden Anflug eines geschönten Blicks; in dieser Welt gibt es keine Illusionen mehr. Auch den arabischen Israelis weist Kashua nicht die eindeutige Rolle von Opfern zu; auch sie können Täter werden. Zwar erklären sie sich abstrakt mit den Palästinensern im Gaza-Streifen solidarisch, ihr ganzer Zynismus aber offenbart sich im Umgang mit den illegalen palästinensischen Arbeiter in ihrem Dorf, die sie rücksichtslos ausbeuten. In der Krise des zerfallenden Sozialsystems zeigt sich, dass auch die arabischen Israelis das Gefühl für den Wert der Würde verloren haben. Die Dorfbewohner werden zu Opportunisten, zu Mittätern, solange sie nur selbst davon profitieren.

Sayed Kashua hat einen beklemmenden, aufwühlenden und sprachlich dichten Roman geschrieben, der auch den hiesigen Leser mit hineinzuziehen vermag in einen ebenso tiefen wie fremden Konflikt. Doch die eigentliche Stärke dieses faszinierenden Buches liegt im Allegorischen. Denn die Erfahrung, unter widrigsten Umständen überleben zu müssen, ist keine fremde, sondern existenziell. Sie ist Teil der conditio humana, und für sehr viele Menschen gehört sie zur täglichen Wirklichkeit – nicht nur in Israel, nicht nur in Palästina.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0306 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © M.H./Rheinischer Merkur