Das Zeugenhaus.
Roman von Christiane Kohl (2005, Goldmann).
Besprechung von Hermann Glaser aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.10.2005:

Ein Treffpunkt von Tätern und Opfern
Christiane Kohls Buch „Das Zeugenhaus“

Christiane Kohl („Der Jude und das Mädchen“) hat ein Buch über ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Nürnberger Prozesse geschrieben. Rechtzeitig zum 60. Jahrestag der Ereignisse stellt sie ihre Dokumentation am 2. November, 19 Uhr, im Saal 600 des Nürnberger Justizgebäudes vor.

Das Buch gibt Einblick ins Reich der nationalsozialistischen „niederen Dämonen“, die mit der NS-Führer- und Führungselite die Banalität des Bösen gemeinsam hatten - mediokre Gestalten als Nutznießer, Handlanger, Entourage. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurden sie wegen ihrer niederen Bedeutung nur selten vor Gericht gestellt oder sie wussten sich nach dem Inferno mit opportunistischem Geschick der Sühne zu entziehen. Zu diesem Tross („Bagage“) gehörten etwa Rudolf Diels, erster Gestapo-Chef (bis 1934); Heinrich Hoffmann, Hitlers Leibfotograf; dessen Tochter Henriette, verheiratete von Schirach, oder Gisela Limberger, Görings Privatsekretärin.

Das Buch berichtet aber auch von nationalsozialistischen Opfern und solchen Personen, die dem Regime Widerstand leisteten; etwa von dem Journalisten und KZ-Häftling Josef Ackermann oder dem Schriftsteller und Publizisten Eugen Kogon (seit 1938 im KZ Buchenwald und Autor der ersten Studie über den „SS-Staat“).

Warum und wie diese und viele andere Personen, die überhaupt nicht zusammengehörten, dennoch zusammenkamen? Sie logierten kurzfristig oder länger im „Zeugenhaus“. Bei diesem handelte es sich um zwei nebeneinander stehende Villen in der Nürnberger Novalis-Straße (Erlenstegen), die bei den Kriegsverbrecherprozessen für die Unterbringung der von der Anklage wie Verteidigung zitierten Zeugen diente.

Es war „der einzige Ort dieser Welt, wo diese völlig verschiedenen Welten aufeinander prallten“, meinte Ingeborg Gräfin Kálnoky, die 1945 alleine, ohne ihre drei Kinder und ihren Mann, auf der Flucht von Rumänien über Ungarn und die Tschechoslowakei nach Nürnberg gekommen war. Die „grande dame mit leichtem Gepäck“, eine schöne Frau, „die sehr bestimmend und zugleich äußerst lieblich und hilfsbedürftig wirkte“, hatte die Hilfe von US-Soldaten erfahren, die sie, hochschwanger, nach Nürnberg transportierten, wo sie ihr viertes Kind zur Welt brachte. Dort besuchte sie eines Tages der Sanitätsoffizier, der sie persönlich zur Entbindung gefahren hatte. Nach eingehender Befragung erhielt sie das Angebot, das „Zeugenhaus“ zu leiten.

Die zunächst verschollenen Kinder der Kálnoky kamen nach; dem Ehemann gelang es freilich erst 1947 nach Nürnberg zu kommen; er wanderte dann zusammen mit der Familie in die USA aus. Die Nachfolge als Hausdame im „Zeugenhaus“ übernahm wiederum eine Adelige, Annemarie von Kleist, deren Mann als Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen tätig war. Er hatte das eine Gästebuch des „Zeugenhauses“ aufbewahrt und der Autorin des vorliegenden Buches 1980 gezeigt; das war der Anstoß zu einer Recherche, die viele Jahre in Anspruch nahm und viele persönliche Gespräche einschloss, so auch 1995 mit der Gräfin Kálnoky, die damals in Cleveland wohnte; dort fand sich das andere Gästebuch.

Was Christiane Kohl in mühevoller Kleinarbeit an Material aus Gesprächen mit Zeitzeugen, öffentlichen Archiven, privaten Nachlässen, Augenzeugenberichten, Korrespondenzen, Vernehmungsprotokollen, aus den Gästebüchern und der einschlägigen Sekundärliteratur zusammengetragen hatte, ist ein Stoff, der zur Kolportage hätte verführen können, zumal die Geschehnisse im „Zeugenhaus“ wenig für die um objektive Fakten bemühte Geschichtswissenschaft hergeben. Dass jedoch das Thema nicht zu einem billigen historischen Hintertreppenroman verkam, ist der Autorin zu danken, die schon mit ihrem Buch „Der Jude und das Mädchen“ bewiesen hat, dass sie (als Publizistin früher beim Spiegel, heute bei der Süddeutschen Zeitung) es fertig bringt, Geschichten und Geschichte zur gegenseitigen Erhellung zu bringen.

Auf diese Weise gewinnt man Einblick in das, was Akten und Dokumente nicht offenbaren: in die „Atmosphäre“ der unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihrer makabren Zwielichtigkeit und in die Psychogramme von Personen, die einerseits daran gingen, den nationalsozialistischen Zivilisationsbruch juristisch aufzuarbeiten (im Nürnberger Gerichtsgebäude), andererseits aber auch sich beim Tanz auf dem inzwischen abgeglühten Vulkan von der allgemeinen Misere ablenkten. Diese Metapher ist von Fall zu Fall ganz wörtlich zu nehmen: die geschlossene, vielfach durch die amerikanische Militärpolizei eingeschlossene Gesellschaft genoss nicht nur Klatsch und Erotik, sondern amüsierte sich auch auf Partys, wobei fürs mehr „gesittete Vergnügen“ das Jagdhaus der Faber-Castells in Dürrenhembach ein besonders beliebter Ort war.

Hier trafen sich Vertreter der Anklage (wie Robert Kempner) und der Verteidigung; auch Robert Diels konnte dorthin, dank seiner guten Kontakte zu den Amerikanern, seinem Hausarrest entfliehen. Er war zudem ein früherer Freund der lebenslustigen Hausherrin Nina (Katharina) Gräfin von Faber-Castell, die vor ihrer Heirat 1938 in Berliner Kreisen eine gesellschaftliche Rolle gespielt und dabei zeitweise „gewisse Sympathien für die Mächtigen jener Zeit“ gezeigt hatte.

Vom „Zeugenhaus“ als Pandämonium haben die meisten Gäste wohl wenig bemerkt. Die äußere Ruhe, die in der Tat an diesem Ort der „schreienden Gegensätze“, in „dieser wohl bizarrsten Hausgemeinschaft der frühen Nachkriegszeit“ herrschte, versucht die Autorin am Ende ihres spannenden Buches zu deuten: „Dies mag in Teilen der Konversationskunst von Gräfin Kálnoky und ihrer Nachfolgerin Annemarie von Kleist zu verdanken sein. Viel mehr aber scheint es mir Ausdruck eines Phänomens zu sein, das die gesamte Nachkriegszeit prägen sollte: die absolute Sprachlosigkeit, die sich als dumpfer Nebelschwaden über die Ereignisse legte und für sehr lange Zeit eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Geschehenen verhinderte.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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