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Das Zentrum.
Roman von José Saramago (2002, Rowohlt - Übertragung Marianne Gareis).
Besprechung von Thomas Sträter in Neue Zürcher Zeitung vom 6.06.2002:

Mit Platon im Einkaufszentrum
José Saramagos Abgesang auf das letzte Jahrtausend

Alle wollen ins Zentrum. Die Fahrt vom Dorf dorthin führt durch trostloses Gebiet, nicht mehr Land und noch keine Stadt, zuerst durch den Agrargürtel mit seinen Gewächshäusern aus verdrecktem Kunststoff, an den sich die Zone der Industrieanlagen voller Abgase und Lärm anschliesst. Im Strassengewirr der Baracken und Elendsviertel heisst es aufpassen. Nicht selten werden hier die Lastwagen in einen Hinterhalt gelockt und ausgeraubt. Dann endlich hat man das Ziel erreicht: Achtundvierzig Stockwerke ragt das Zentrum empor, ein architektonischer Block mit einem Volumen von fast zehn Millionen Kubikmetern, an dessen spiegelglatter Fassade alle neugierigen Blicke abprallen. Mit dem Roman «Das Zentrum» hat der in diesem Jahr seinen achtzigsten Geburtstag feiernde José Saramago eine beklemmende Metapher der modernen kapitalistischen Welt im Zeichen von Globalisierung und Virtualisierung geschaffen, die einen Leser nach dem Anschlag vom 11. September unweigerlich an die Symbolkraft der New Yorker Zwillingstürme denken lässt. Saramagos Zentrum ist eine in ihren gigantischen Ausmassen und Möglichkeiten einschüchternde wie Wünsche weckende Kathedrale des Konsums, allmächtiger Arbeitgeber und Handelspartner, dazu Wohnmaschine mit Krankenstation, ein Altersheim mit künstlichen Erlebniswelten und Entsorgungsanstalt seiner ausscheidenden Bewohner.

Dieser erste Roman nach Verleihung des Nobelpreises 1998 an den Portugiesen war als Abschluss seiner Trilogie einer Bestandsaufnahme der Welt am Ende des - letzten - Jahrtausends konzipiert (die beiden anderen sind «Stadt der Blinden» und «Alle Namen»). Sein Originaltitel «A caverna» ist zweifellos philosophisch-geistesgeschichtlich anspielungsreicher, wenn darin Platons Gleichnis über die Erkenntnisfähigkeit des Menschen anklingt, der gefesselt in seiner Höhle nur die Schatten der Dinge wahrzunehmen vermag: Auf diesen Höhepunkt eines schlagartigen Innewerdens des eigenen Gefangenseins im Zentrum und der Flucht in eine ungewisse Zukunft strebt der Roman zu.

Zuvor erzählt er die Geschichte, wie das Zentrum eines Tages den Vertrag mit dem alten Töpfer Cipriano Algor fristlos kündigt und ihm mitteilt, seine gebrannten Tonwaren seien unverkäuflich, man werde auf Plasticgeschirr umstellen. Seine Tochter Marta hat den Einfall, etwas ganz Neues zu produzieren. Keine zerbrechliche Gebrauchskeramik, sondern Nippes, pittoreske Figuren, entnommen einer veralteten Enzyklopädie: ein Clown, ein Narr, ein bärtiger Assyrer, ein Eskimo, ein Mandarin und eine Krankenschwester. Der zuständige Abteilungsleiter prüft das überraschende Angebot und sagt schliesslich zu: Er fordert von jedem der sechs Prototypen umgehend zweihundert Exemplare an. Mit dem Mut der Verzweifelten stürzen sich Vater und Tochter in die Arbeit. Unterstützt werden sie dabei von Ciprianos Schwiegersohn Marçal, der als Wachmann im Zentrum auf seine baldige Beförderung und eine Wohnung für sich und seine Frau hofft. Mit von der Partie sind noch der zugelaufene Hund Achado und die Witwe Isaura, die Cipriano nicht mehr aus dem Kopf geht.....Fortsetzung

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2.)

Das Zentrum.
Roman von José Saramago (2002, Rowohlt - Übertragung Marianne Gareis).
Besprechung von Klaus Siblewski in Frankfurter Rundschau vom 31.10.2002:

Hier sitz' ich, forme Menschen
Kein Arbeiterroman: José Saramago erzählt vom Überlebenskampf eines Töpfers

Die Feststellung, dass Saramago schon eine Reihe von sehr guten Romanen geschrieben hat, besitzt geringen Neuigkeitswert. Dennoch ist es angebracht, darauf nochmals hinzuweisen, denn es unterstreicht die Leistung, die ihn mit seinem neuen Roman Das Zentrum gelungen ist. Eigentlich könnte sich Saramago zufrieden zurücklehnen und die Anerkennung genießen. Der Literaturnobelpreis wurde ihm, nicht seinem Landsmann Lobo Antunes verliehen. Dennoch hat sich Saramago mit seinem neuen Roman nochmals steigern können: Er schreibt entspannter als sonst und mit einer Anschaulichkeit, die in dieser ausgeprägten Form bei ihm auch noch nicht zu beobachten war.

An keiner Stelle dieses umfangreichen Romans hat man den Eindruck, Saramago, der von sich selber behauptet, er sei Kommunist, könne abstürzen. Obwohl die Gesichte, die er erzählt, ihre literarisch unangenehmen Festlegungen besitzt. In einfachen Sätzen beginnt er von einem Töpfer zu erzählen, der seinen Schwiegersohn zur Arbeit in ein monströses Shopping-Zentrum fährt, in dem gelebt, gestorben und vor allem eingekauft werden kann. Der Schwiegersohn arbeitet dort als Wachmann, und der Töpfer hat bisher seine Waren dort zum Weiterverkauf abgeliefert. Bisher - denn ihm wird gekündigt, und ein klassischer Arbeiterroman könnte beginnen

Wie es sich für einen Roman dieser Couleur gehört, verteilt Saramago seine Sympathien eindeutig. Er steht fest an der Seite seines Töpfers, gibt offen zu erkennen, dass er dessen Klassenstandpunkt einnimmt. Und nicht nur verteidigt er diesen Mann. Seit ihm gekündigt wurde, steht er anscheinend unter höherer Obhut: Sein verbeulter Lastwagen wird in den gefährlichen Außenbezirke der Stadt, wo sonst Militär patrouilliert, nicht ausgeraubt; zu Hause läuft ihm überraschend ein Hund zu: Selbst die Natur scheint diesem tief verletzten Mann trösten und ihm einen Schutzheiligen zur Seite stellen zu wollen.

Doch Achtung: Die üblichen Ausgebeuteten-Rührseligkeiten bedient Saramago nicht, und auch nicht das dazu passende Schema: hier Ausgebeuteter, dort Ausbeuter. Saramagos Töpfer überlegt, was er gegen den Verlust der Arbeit unternehmen könnte und kommt mit seiner Tochter auf eine blendende Idee. Wenn seine Teller, Tassen und Krüge nicht mehr gefragt sind, vielleicht könnten Keramikfiguren gebraucht werden: Einen Assyrer mit Bart vielleicht, eine Krankenschwester oder einen Soldaten?

Kurz und gut: Saramago schreibt kein Arbeitslosenmelodram mit trüb sozialistisch-realistischem Unterton. Ihm geht es nicht um Fragen, wie Arbeit gerecht verteilt wird, er will die Bedeutung der Arbeit für Menschen untersuchen, und er tut diese auf besondere Weise: Sein Töpfer versucht, frisch gekündigt, sich eine neue Arbeit aufzubauen. Und das macht ihn in Saramagos Augen zu einem Heiligen, er verehrt ihn, da er seine ganze Kraft zusammennimmt und mit der Tochter sich ein neues Projekt ausdenkt. Die einzigartige Konzentration darauf adelt ihn und lässt ihn zu einem Schöpfer werden, der zwar keine Menschen schafft, aber Figuren, die ihm Arbeit geben und damit, pathetisch gesprochen, ihn wieder zum Menschen macht.

Ganz frei von Schuld will Saramago seinen Töpfer aber nicht sprechen. Er hat sich zu lange mit dem Erreichten zufrieden gegeben, mit seiner Fertigkeit, solides Geschirr herzustellen und dafür Abnehmer zu finden. Dennoch: Schuld an seiner schwierigen Lage ist der Töpfer nicht allein. Er hat einen übermächtigen Gegner: Das Zentrum - ein allegorischer Koloss, an dessen Bau Franz Kafka ebenso mitgewirkt haben könnte wie Georg Orwell und Thomas Pynchon mit seinen Weltverschwörungstheorien. Dieser düstere Tempel steht für eine Zivilisation, die unempfindlich gegenüber ihren Zerstörungstendenzen, der Vernichtung von Arbeit, ist und die zwei Grundsätze kennt: Verkaufen und reibungsloser Service, selbst wenn dazu der Schornstein eines Krematoriums pausenlos rauchen müsste, was er verdächtigerweise auch tut. "Früher oder später wird alles weggeworfen, inklusive des Menschen" - das ist der im Zentrum herrschende Ton.

Unverwechselbar und außerordentlich macht diesen Roman aber erst der analytische Furor, mit dem ein Erzählerkollektiv das Material ausbreitet. Es fällt sich ins Wort mit einem verblüffenden Skeptizismus: "vorausgesetzt, einem außenstehenden Beobachter wie uns ist es überhaupt möglich, das zu enthüllen." Oder: "Es wäre ungerecht, Marcal als schlechten Schwiegersohn zu bezeichnen." Dieses Erzähler-Wir überprüft sich selbst, seine Zuneigung zum Töpfer macht es nicht blind. Deswegen hat der Roman Das Zentrum seinen Höhepunkt in der Schilderung von Nuancen, Unentschiedenem, Vorläufigem, allem Labilen. Er vermag die Sorgen und Zweifel des Töpfers zu schildern, "dieses wiederholte Schaffen und Zerstören, dieses Wollen und nicht Können, dieses Experimentieren und Ausbessern", also die Wendungen und Widersprüchlichkeiten, die ausgehalten werden müssen, wenn etwas Neues entstehen soll.

Das darstellen zu können, ist bei einem zähen Thema, wie es das Thema Arbeit ist, eine Leistung, die Saramago hoch angerechnet werden muss. Und er bleibt dabei bei weitem nicht stehen. Wir erfahren etwas darüber, wie sein Töpfer sich mit dem Alter beschäftigt, wie er sich zur Zeit und ihrem grausam - wohltuenden Voranschreiten verhält, und wir bekommen etwas von seinem vordergründig gar nicht zu seinen 64 Jahren passendem Herzflimmern mit. Wie ein 16jähriger ist der Töpfer rasend in diese Frau verliebt und würde seine Verliebtheit doch am liebsten auch abstreifen und sie nicht wahrhaben wollen. Diese widerstreitenden Gefühle sinnlich erfahrbar zu machen, darin liegen die erst auf den zweiten Blick sich erschließenden Vorzüge von Saramagos Prosa, die seinen Roman erst Tiefe und Glanz geben.

Dabei werden auch Tiere auf eine hintersinnige Weise intelligent: "Der Töpfer rief seinen Hund. Vielleicht trifft er ja diese Frau, dachte er. So sind Hunde, wenn es ihnen einfällt, denken sie für den Herrn." Für Saramago jedoch muss niemand anderes denken. Er knüpft gekonnt unauffällig die verschiedenen Fäden seines Romans zusammen. Leicht gleitet er von der Liebesgeschichte zurück zur Familie des Töpfers und weiter zu seinen Sorgen: welche Beschaffenheit etwa der Ton haben muss, damit er sich zu Figuren verarbeiten lässt. Und vielleicht ist dieser Roman Saramagos gerade deswegen wieder zu einem Meisterwerk geworden, weil es seine Meisterschaft in keiner Zeile unter Beweis stellen möchte. Saramago ist ein Bruder seines Töpfers, er bleibt auf eine herzergreifend unerschütterliche Weise sachlich.

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