Das
Zeitalter des Arthur Schnitzler.
Buch von Peter
Gay (2002, S. Fischer - Übertragung Ulrich Enderwitz, Monika
Noll, Rolf Schubert).
Besprechung von Michael Mayer in der Frankfurter Rundschau, 25.1.2003:
Nekrolog auf das
Bürgertum
Die Schelte sitzt, auch
wenn sie schon etwas verbraucht wirkt: Peter Gay porträtiert die Epoche des Arthur
Schnitzler
Weshalb dieses Buch? Eine solche Vorfrage der
Kritik ist nicht immer nur müßig. Zumal dann, wenn die hinter dieser Frage
lauernden Skrupel über den Sinn eines Werks seinem Autor selbst nicht fremd zu
sein scheinen. Zumindest nicht ganz. Denn Peter Gay, der gefeierte
Geschichtswissenschaftler (als Peter Fröhlich 1923 in Berlin geboren, 1939
emigriert und noch 1999 mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt), der die
Psychoanalyse nicht nur methodisch als Instrument historischer Forschung
ausgiebig gebrauchte, sondern Freud selbst eine vielbeachtete Biographie
widmete, sah sich offensichtlich in der Pflicht, die Legitimität seines Buches
eigens hervorzuheben.
Und das nicht nur wegen des darin als Kronzeugen bürgerlicher Existenzform
benannten Arthur Schnitzler. Immerhin war der Romancier Schnitzler
eine Art literarisches Alter Ego Sigmund Freuds, von ihm eher gefürchtet denn
bewundert ob des erahnten intellektuellen Doppelgängertums, dem er, nach vielen
erfolgreichen Versuchen, eine persönliche Begegnung in Wien zu vermeiden, im
Jahre 1922 dann doch über dem Weg laufen sollte. Weshalb schon an diesem Punkt
fraglich wird, ob eine für die bürgerliche Epoche exemplarische Biographie
Schnitzlers mehr und anderes zutage zu fördern vermag als die ohnehin überragende,
erschöpfende über Freud.
Beide sind für Gay Repräsentanten der "viktorianischen Bourgeoisie",
deren Aufstieg und Niedergang in der Spanne zwischen Napoleons Desaster 1815 und
dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 liegt. Und niemand hat bislang eben
dieses Bürgertum gründlicher, präziser und überzeugender untersucht als
Peter Gay: Mit The Bourgeois Experience: Victoria to Freud (1984 bis
1998; dt.: 1986 bis 1999) legte er eine voluminöse fünfbändige Studie vor,
die sich, an Themenkomplexen wie Sexualität und Liebe, Aggression, Innenwelt
und Kunstgeschmack entlanghangelnd, allemal als starke Apologie jener Klasse
lesen lässt, die zu schmähen noch bis 1989 offensichtlich ein Leichtes war.
Die Wahrheit über das viktorianische Bürgertum, so Gay unmissverständlich,
liege "nicht in der Mitte zwischen Größe und Erbärmlichkeit, sondern
nahe dem positiven Ende der Skala".
Weshalb also dieses Buch? So genau weiß man es nicht, nicht nach seiner Lektüre,
nicht nach den ausdrücklichen Einlassungen des Autors. Das Buch sei keine
"Reader's Digest-Kurzfassung der dicken Bände, die ihm vorausgegangen
sind"; eine "Menge neues Material und neue Themen wie Arbeit und
Religion" seien behandelt worden. Und doch steht einmal mehr im Mittelpunkt
die "grundlegende Neubewertung der gängigen Ansichten über das
viktorianische Bürgertum". Kein alter Wein im neuen Schlauch also?
"Ich habe meine Interpretationen noch einmal durchdacht und sie, so scheint
mir, weiter differenziert." Was überraschend kleinlaut anmutet und kaum
dazu angetan ist, das Gefühl der Redundanz, das einem beim Lesen von Gays
neuestem Werk unweigerlich beschleicht, zu verscheuchen.
Warum man es dennoch lesen kann, liegt denn auch weniger am kärglich Neuen, das
es bietet, als an der Demonstration alter intellektueller Stärke, die dem Œuvre
Gays als ganzem eignet. Es ist ausnehmend gut geschrieben, flüssig, kenntnis-
und materialreich, gespickt mit allerlei Pointen und Aperçus, auch wenn es der
Gefahr, sich im Detail zu verlieren, nicht immer entgeht. Das bürgerliche
Ethos, das es wiederentdeckt, nein, feiert, operationalisiert er einmal so:
"Redlichkeit im Geschäftsbereich, eheliche Treue, Selbstbeherrschung, Bedürfnis
nach Privatsphäre, Arbeit als Credo, Liebe zur Schönheit, guter
Geschmack". Vom Grieskram spießbürgerlicher Lebens- und
Sinnenfeindschaft, von der oft gegeißelten Mediokrität kleinbürgerlichen Dünkels,
der tödlichen Langeweile des Biedermanns jedenfalls findet sich in diesem Porträt
des Bürgertums als soziale Klasse sui generis keine Spur. Und selbstredend
keine Spur in der intellektuellen Physiognomie des Arthur
Schnitzler.
Indes, der Romancier ist - fast möchte man sagen: bedauerlicherweise - oft nur
Stichwortgeber ausladender Darlegungen über das bürgerliche Jahrhundert und
sein Interieur, das im Blick zurück ohne Zorn und Eifer als das eigentlich
vorbildliche für zivilen Fortschritt gepriesen wird. Die historische Kernthese,
deren Beglaubigung sich nicht nur dieses Buch verschrieben hat, lautet in nuce,
dass "alle Errungenschaften der Moderne in Kunst und Literatur …, die wir
mit dem zwanzigsten Jahrhundert in Zusammenhang bringen, ihre Vorläufer lange
vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges" gehabt haben. Die Epochenschwelle
von 1914 erscheint so als Schimäre. Die Moderne in Kunst und Kultur habe lange
davor schon eingesetzt und ihre frühe Blüte gehabt. Und "wir", die
Sprösslinge des 20., verprassten doch nur unbedacht und recht derb das Erbe des
19. Jahrhunderts. Mit der Inbrunst des glühenden Verehrers resümiert Peter
Gay: "Es hat den Anschein, als hätten die viktorianischen Bürger das
Beste, was ihnen eigen war, den undankbaren Generationen hinterlassen, die auf
sie folgten, und dass die Übel unserer Zeit unsere ureigensten Schöpfungen
sind."
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