Das Wochenende.
Roman von Bernhard Schlink (2008,
Diogenes).
Besprechung von
Werner Fuld aus dem FOCUS, 11/2008:

Den Mörder zu Gast
Bestsellerautor Bernhard Schlink verhandelt im neuen Roman die Schuld eines RAF-Terroristen.

Zehn Freunde treffen sich für ein Wochenende in einem alten Herrenhaus nahe Berlin: ein Journalist, eine Lehrerin, ein Geschäftsmann mit Ehefrau und Tochter, eine Theologin. Der Anlass des geselligen Beisammenseins: Ihr alter Kumpel Jörg ist nach 20 Jahren Knast vom Bundespräsidenten begnadigt worden und sozusagen Ehrengast dieser Feier. Als RAF-Terrorist hatte er vier Menschen umgebracht. Das wäre ein guter Grund, ihn nicht wiedersehen zu wollen. Das ist aber auch die Gelegenheit, ihn zu fragen, wie er heute zu seinen Taten steht.

Bernhard Schlink hat ein gutes Gespür für aktuelle Themen. Die jüngste Debatte um die Begnadigung von Christian Klar bildet den Hintergrund dieses Romans, der sich in eine Fülle von Dokumentationen zum Jubiläumsthema „1968“ einreiht. Die Frage ist freilich, ob eine literarische Bearbeitung dem sperrigen Thema gerecht werden kann.

Was fragt man einen Ex-Terroristen? Der Geschäftsmann geht brachial in die Offensive: Ob Jörg damit gerechnet habe, ins Gefängnis zu müssen, oder ob er dachte, als Terrorist in den Ruhestand treten zu können, aufs Altenteil quasi, wo ihn dann die jungen Terroristen versorgen? Und was denkt man, wenn man zum ersten Mal einen Menschen umgebracht hat? Es sind die naheliegenden, einfachen Fragen, mit denen Schlink sein Kammerspiel eröffnet, und Jörgs Antwort ist entsprechend banal: Er habe immer nur von einer Aktion zur nächsten gedacht, nie an eine fernere Zukunft.

Jetzt wollen mehrere über seine Zukunft bestimmen: Die Schwester sähe ihn gern als Gast in Talkshows, und ein junger Dummkopf erwartet von ihm die Fortsetzung des Terrors in einer Zusammenführung der RAF-Reste mit al-Qaida.Jörg jedoch will nur seine Ruhe. Schlink hat seine Akteure geschickt gewählt und jedem eine eigene Sprache gegeben. Auf theoretische Erörterungen verzichtet er und inszeniert ein Spiel mit so leichten Dialogen, dass der Gedanke an einen Fernsehfilm naheliegt. Das klassische Thesendrama wird mit grotesken Elementen aufgepeppt, wenn Jörg im weißen Nachthemd sich verzweifelt gegen die Verführung durch die überreife Fabrikantentochter wehrt.

Die nötige Schärfe bringt Jörgs erwachsener Sohn in die Diskussion. Er wirft dem Vater vor, zur Wahrheit und zur Trauer so unfähig zu sein, „wie die Nazis es waren. Du bist keinen Deut besser.“ Jörg verteidigt sich: Die RAF habe bewiesen, dass man sich gegen die Gewalt des Staats auflehnen und sie brechen kann. Die Runde kann Jörg nicht zur Erkenntnis zwingen, dass seine Ansichten schon immer falsch waren.

Am Ende herrscht Hilflosigkeit, aus der sich Schlink mit einem simplen Trick herausmogelt: Jörg leidet an Krebs. Dadurch ist die Begnadigung gerechtfertigt und über seine Zukunft entschieden. Es gab eine Debatte, ob es dem Publikum zumutbar sei, wenn Ex-Terroristen in Talkshows aufträten. Die Frage war falsch gestellt, denn die öffentliche Entlarvung ihrer Dummheit und Selbstgerechtigkeit wäre ein demokratisches Lehrstück. Schlink erspart dem Unbelehrbaren die Konfrontation mit der Realität und bemüht ein dunkles Schicksal. Damit endet der Roman leider im klebrigen Kitsch.

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