Das Wetter vor 15 Jahren von Wolf Haas, 2006, HoCa1.) - 2.)

Das Wetter vor 15 Jahren.
Roman von Wolf Haas (2006, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 21.09.2006:

Donnerwetter!
"Das Wetter vor 15 Jahren": Der Interview-Roman von Wolf Haas ist ein Geniestreich.

Wann hats das schon mal gegeben, ein ganzer Roman in Form eines Interviews?! Nein, Wolf Haas hat mit seinem "Wetter vor 15 Jahren" einen kleinen Geniestreich hingelegt, einen Coup, um den ihn die Hälfte seiner Kollegen beneiden wird - und die anderen eigentlich auch, wenn sie nicht von allen guten literarischen Geistern verlassen sind. Und sage keiner, wir wären ja nur geschmeichelt, weil die NRZ auch drin vorkommt, in diesem Prosa-Kabinettstück ! Ist doch nur eine ganz kleine Nebenrolle...In den Hauptrollen indes strahlen ein Schriftsteller namens Wolf Haas und eine Frau, die ihn interviewt und die im gesamten Romantext mit böser Doppeldeutigkeit "Literaturbeilage" genannt wird. Die beiden reden über einen Roman von Wolf Haas, dessen Handlung sich den Lesern im Laufe des 200-seitigen Frage-und-Antwort-Prasselns erst allmählich erschließt.

Und die NRZ kommt auch drin vor

Dieser Roman umwölkt einen Vittorio Kowalski aus Essen-Kupferdreh, Sohn eines Trinkhallenbesitzers und selber "Zechen-Abbauingenieur". Der Vater schwärmte noch von der Bergbauvergangenheit - nur gut, dass er gar nicht mehr mitbekommen hat, womit sein Vittorio dereinst die Butter aufs Brot verdienen würde.

Die Familie fuhr jahraus, jahrein in denselben österreichischen Ferienort, wo sich Vittorio mehr und mehr in eine Anni verliebt. Bis etwas geschieht, das Kowalski im Regen stehen lässt und dazu bringt, dem Bergdorf 15 Jahre fernzubleiben; von Essen aus verfolgt er aber Tag für Tag das Wetter in Farmach, weil er wissen will, ob über Anni die Sonne scheint oder der Schnee flockt. Und dann lässt sich Kowalski eines Tages dazu drängen, mit seinem meteorologieprallen Gedächtnis als Wetter bei "Wetten, dass?" anzutreten....

So pendelt "Das Wetter vor 15 Jahren" zwischen Thomas Gottschalk und 1001 Anspielungen, etwa auf den berühmtesten Wetterbericht der Welt, mit dem Robert Musil ja seinen "Mann ohne Eigenschaften" beginnen lässt. Der Niederschlag ereilt mal solche Moden wie das Rückspiegel-Eiapopeia der "Generation Golf" und mal die "Bürgerinitiative Bodenlos" gegen einbrechende alte Bergbauschächte, über die "in der Neuen Ruhr Zeitung andauernd" etwas zu lesen ist.

Abgesehen von ein paar kleinen Macken - die Interviewerin sagt immerzu "ürgendwie" und "würklich", da schlägt sich ganz Österreich auf die Schenkel, aber nerven tut es doch - wetterleuchtet das Buch bis zum Schluss, der ein herzallerliebster Filmriss ist. Denn, psst: Eigentlich ist es ein großer Liebesroman!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1006 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Das Wetter vor 15 Jahren von Wolf Haas, 2006, HoCa2.)

Das Wetter vor 15 Jahren.
Roman von Wolf Haas (2006, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 17.1.2007:

Der Wettkönig und seine Wetterdaten
Kleine Hymne über "Das Wetter vor 15 Jahren" von Wolf Haas

Im Grunde müsste man gar keine Besprechung dieses Buches mehr schreiben, denn es enthält sie schon. Wobei das natürlich nicht ganz korrekt ist: Dieses Buch enthält ein fachkundiges Gespräch über einen Roman, der zwischen den Zeilen miterzählt wird. Und weil das derart unterhaltsam, aufschlussreich und komisch von statten geht, muss man ganz unbedingt über „Das Wetter vor 15 Jahren“ eine Kritik schreiben – und zwar eine kleine Hymne.

Wolf Haas, dessen Krimis mit Privatdetektiv Brenner vielfach ausgezeichnet und zum Teil verfilmt wurden, lässt in diesem eher unkriminologischen Roman einen Autor, der sich Wolf Haas nennt, eine zweite Person treffen, die eine „Sie“ ist und Literaturbeilage heißt. Entweder, weil sie sich so sehr an die Literatur ranschmeißt oder auch nur, um sie gleich als die anonyme Besserwisserin auszuweisen, die sie leider ist.

Die beiden unterhalten sich also über ein Buch von Wolf Haas – und geraten sich dabei immer ein bisschen in die Haare. Denn manches findet die norddeutsche Literaturbeilage „ürgendwie“ nicht so gelungen oder auch „too much“. Während sich seinerseits der österreichische Autor gegen ihre mal abenteuerlichen, mal durchaus naheliegenden Interpretationen verwahrt, an die er nicht im entferntesten gedacht haben will.

Die Romanze mit der Anni

Das fiktive Buch des fiktiven Autors Haas handelt von einem jungen Mann, den er in „Wetten, dass ...?“ gesehen hat. Dort wurde Vittorio Kowalski Wettkönig, weil er von jedem Tag der vorangegangenen 15 Jahre die Wetterdaten des österreichischen Urlaubsortes seiner Kindheit wusste. Haas ist fasziniert von diesem Sprössling einer Dynastie von Bergarbeitern, „Wettersteigern“ übrigens, und fährt ins Ruhrgebiet, um Kowalskis Geschichte zu recherchieren.

Doch der kommt zu diesem Zeitpunkt in jenem Urlaubsort an, wo er als 15-Jähriger vor 15 Jahren zum letzten Mal war. Und just bei seiner Wiederkehr heiratet seine Jugendliebe Anni, deretwegen er sich so sehr für das Wetter interessiert, einen anderen. Warum die Romanze damals zerstört wurde und ob Kowalski seinen ersten Kuss von Anni irgendwann doch noch erhält, das sei hier nicht verraten. Der fiktive Autor Haas aber behandelt dieses Thema gleich am Anfang des Buches, was der Literaturbeilage missfällt.

Und schon sind, zu Beginn des echten Buches, die beiden Literaturexperten mitten in der schönsten Debatte über Zaunpfahl-artige Metaphern, allzu fantasievolle Rezensenten, über österreichisch- norddeutsche Sprach- und Verhaltens-Differenzen, über Familienurlaube in den 80ern, langweilige Autobahnfahrten, stinkende Luftmatratzen und freche Hotelierssöhne. Und nebenbei wird die traurigkomisch- schaurige Liebesgeschichte von Anni und Kowalski erzählt.

Dem echten Wolfgang Haas ist damit fast ein Zauberkunststück gelungen: Es scheint bisweilen so, als ob sich der Roman selbst mal mit seinem Autor, mal mit seinem Leser unterhalten würde – elegant, ironisch und ganz unverkopft. Als habe man zwei wunderbare Bücher in einem gelesen: eines über die Liebe und eines über das Schreiben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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