Das
Wesentliche.
Essays von Eliot Weinberger (2009,
Verlag Berenberg - Übertragung Peter Torberg).
Besprechung von Andreas Martin Widmann im titel-magazin
vom 27.7.2009:
Die Fußspur des Kamels
Der Amerikaner Eliot Weinberger scheint alles zu wissen
und schreibt über das Wesentliche. In seinen brillanten Essays gibt er dem Ideal
vom Universalgelehrten ein neues, zeitgemäßes Gesicht.
Im Zeitalter der Globalisierung gilt die Idee oder sogar das
Ideal vom Universalgelehrten als veraltet. Das liegt auch an den Zerrbildern, in
denen diese Idee inzwischen ihr Dasein fristet, in der Witzgestalt des
sprichwörtlichen Generalisten, der über alles nichts weiß, oder in der Karikatur
des überforderten Lehrers, der von den Universitätsspezialisten dafür
bemitleidet wird, dass er Romantik, Kafka,
Napoleon und Martin Luther King draufhaben muss. Dass keiner alles wissen kann,
ist ausgerechnet in der Informationsgesellschaft selbstverständlich und so
vielseitig gebildete Denker wie Susan Sontag,
Thomas Pynchon, Slavoj Zizek oder
Hans Magnus Enzensberger –
Schriftsteller und Intellektuelle also, denen keine Epoche, kein Teil der Welt,
kein Lebensbereich zu abgelegen erscheint, als dass sie ihn aus ihrem Denken und
Schreiben von vornherein ausklammern würden – sind Ausnahmen, die die Regel
bestätigen. Einer mehr davon ist der Amerikaner Eliot Weinberger.
Eliot Wer?
Weinberger, geboren 1949 in New York, wo er auch heute lebt, gilt in den USA
schon seit Jahren als einer der vielseitigsten und versiertesten Essayisten
seiner Zeit, im deutschsprachigen Raum indessen zeugt es nicht notwendigerweise
von Ignoranz, wenn jemand auf die Nennung seines Namens mit der Frage „Eliot
wer?“ reagiert. Das Wesentliche ist erst das zweite Buch Weinbergers, das in
Deutschland herauskommt, und wieder einmal ist es der Berenberg Verlag, der sich
nicht scheut, etwas auf den Markt zu bringen, das nicht auf das Kommando
„Roman!“ hört. Dafür gebührt ihm eigentlich genauso viel enthusiastische
Zustimmung wie dem Autor Weinberger, dessen Vielseitigkeit und ruhige,
stilistische Eleganz in diesem Band zu bewundern ist. Der zögerlich wieder in
Mode kommende Ausdruck stupend wäre hierfür treffend. Verblüffend kann man
genauso gut sagen. Das sind diese Texte, dank des poetischen Gespürs, mit dem
Weinberger über verstreute Nachrichten aus 4000 Jahren Menschheitsgeschichte
schreibt, und der Klugheit, mit der er sie verknüpft, alle.
Das geheime Leben der Tiere
Dass Weinberger unter anderem Erzählungen von
Borges herausgegeben hat, wirkt bezeichnend, denn mit dem großen
argentinischen Dichter und Bibliothekar teilt er die enorme Belesenheit und ein
Faible für, nun, das Wesentliche eben. Für Tiere zum Beispiel. In Kaskaden waren
es Nacktmullen, jene angeblich hässlichsten Tiere der Welt, deren Sozialsystem
Weinberger beschrieb, hier sind es unter anderem der Zaunkönig und das Nashorn.
Der Umgang mit diesem Tier in verschiedenen Kulturkreisen und Zeitaltern ist
Weinbergers Thema, und dazu gehört die Information über die noch verbliebenen
Exemplare verschiedener Arten dieser Spezies ebenso wie die Rolle, die das
Nashorn im ältesten bekannten buddhistischen Text spielt („Wandere allein wie
ein Nashorn“ heißt es darin zum Abschluss jeder Zeile) und das Schicksal des
ersten Nashorns in Europa: „Im Dezember 1515 bewies Dom Manuel seine Frömmigkeit
und schickte das Nashorn als Geschenk an Papst Leo X. Das Tier wurde als Braut
eingekleidet, mit Goldkette und einem grünen Samtgeschirr, verziert mit Rosen
und Nelken und mit Fransen gesäumt. Unterwegs machte das Schiff an einer Insel
vor Marseille fest, wo das Nashorn im Laufe eines prächtigen Historienspiels,
bei dem statt Kanonenkugeln Orangen verwendet wurden, dem König und der Königin
von Frankreich vorgeführt wurde. Das Schiff sank im Januar in einem Sturm vor
der Küste Genuas. Das tote Tier wurde am Strand gefunden, ausgestopft und nach
Rom gebracht.“
Wo steht was?
Ein weiterer Leitsatz der Informationsgesellschaft besagt, man müsse nicht alles
wissen, sondern nur wissen, wo es steht. Wo das steht, was Weinberger weiß, kann
man am Ende des Buches sehen. Wer vorab das Quellen- statt des
Inhaltsverzeichnisses liest, wird eine angemessenere Vorstellung davon bekommen,
„worum es geht“, als die Titel der einzelnen Essays sie geben können. Ganz
selbstverständlich steht hier hinten Grimms
Wörterbuch neben Folkloresammlungen, Artikeln in archäologischen Journalen des
19. Jahrhunderts und chinesischer Lyrik. Weinberger weiß, wo das Bild des
Strudels bei Lukrez, Blake,
Pound, Yeats
und im Taoismus vorkommt, und welche Bedeutung die Lakandon-Indianer bestimmten
Träumen zusprachen, doch er ist alles andere als der Verfasser eines weiteren
Listensammelsuriums. In diesen Essays wird nicht Kurioses gestapelt und
aneinandergereiht, sondern es werden auf feinsinnige und überraschende Weise
Phänomene in Beziehung gesetzt, wie das Fasten der Heiligen Katharina in Siena
und der Glaube der Azteken, nach dem „Kinder, die verstarben bevor sie sprechen
konnten“ nach Chichihualcuauhco kamen, an den „Ort des Kindermädchenbaums, wo
sie mit nach oben gewandten Gesichtern und offenen Mündern saßen, während Milch
von den Blättern des großen Baumes tropfte und sie am Leben erhielt“. Dabei
schaffen bei Weinberger die Leerstellen zwischen zwei Absätzen oftmals
geschicktere Verbindungen als wortreiche Satzbrücken und wenn Essays in der
eigentlichen Bedeutung des Wortes Versuche sind, dann sind die von Weinberger
solche, die geglückt sind. Der kürzeste, über die Sahara, kann hier zum
Abschluss vollständig wiedergegeben werden: „Kamelfüße hinterlassen einen
Lotusblattabdruck im Sand.“[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
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