Das war ich nicht von Kristof Magnusson, 2009, KunstmannDas war ich nicht.
Roman von Kristof Magnusson (2009, Kunstmann).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 13.1.2010:

Krisen-Roman: Kristof Magnusson erzählt von Mäusen und Menschen
“Das war ich nicht“ heißt der neue Roman von Kristof Magnusson. Seine Haupfigur Jasper arbeitet in Chicago, stammt aber aus Sprockhövel und hat an der „potthässlichen Ruhr-Uni“ studiert. Mit dem Nachfolger seines gefeierten Debüts „Zuhause“ ist Magnusson ein Werk voller Witz und Wunder gelungen.

Jasper Lüdemann wuchs auf in Sprockhövel, studierte an der „potthässlichen Ruhr-Uni” Bochum und arbeitet nun im Händlersaal bei Rutherford & Gold, der größten Investmentbank in Chicago. Einer der „Rockstars” der Finanzwelt, so sagt er jedenfalls selbst. Eines Tages will er in grandioser Selbstüberschätzung einem Kollegen helfen: Um dessen Verluste auszugleichen, wettet er auf den Fall einer Aktie. Die steigt. Jasper wettet weiter. Und wettet – bis seine Verluste das Gesamtvermögen der Bank übersteigen . . .

„Das war ich nicht” – das ist nach dem gefeierten Debüt, „Zuhause“, der zweite Roman des deutsch-isländischen Autors Kristof Magnusson, der 1976 in Hamburg geboren wurde. Und der dem Ruhrgebiet gar nichts Böses will, ehrlich! Beim Macondo-Festival präsentierte er seinen Roman, der in dieser Woche erscheint, vorab. Seine Theaterkomödie „Männerhort”, in Berlin mit Bastian Pastewka und Christoph Maria Herbst ein Publikumsmagnet, brachten hier auch das Stratmanns Theater in Essen und das Hansa-Theater Dortmund auf die Bühne.

Dreimal Krise, dreimal Macht des Marktes

„Das war ich nicht” – das ist die Grundeinstellung, die die drei Hauptfiguren des Romans wie einen Schutzschild vor sich hertragen: Jasper, der private Leere mit beruflichem Überschwang ausgleicht. Die Literaturübersetzerin Meike Urbanski, die aus dem Hamburger Schanzenviertel vor zu viel Wein-Klima-Schränken und vor Langweiler-Lover Arthur „aufs Land” geflohen ist - und dort darauf wartet, dass US-Romancier Henry LaMarck endlich sein neues Werk fertigstellt. Schließlich Henry LaMarck selbst: ein Pulitzer-Preisträger, der kürzlich in einer TV-Show nicht wusste, was er sagen sollte, quasi aus Versehen einen Jahrhundertroman angekündigt hatte und nun auf eine Eingebung wartet, eine Idee. Irgendwas, womit er seine Schuld an die Leser bezahlen kann.

Dreimal Krise also, dreimal die Macht des Marktes. Magnusson lässt seine Protagonisten abwechselnd erzählen, in der Ich-Form und psychologisch schlüssig, ohne je psychologisierend zu werden. Wie gekonnt sie eigene Fehlentscheidung als schuldlos erlittene Schicksalsschläge hinstellen, wie beharrlich sie an längst überholten Selbstentwürfen festhalten, das eint die drei.

Ein Werk voller Witz und Wunder

Natürlich verbindet sie in diesem wohlkonstruierten Roman auch das Schicksal selbst: Meike begibt sich nach Chicago auf die Suche nach dem untergetauchten LaMarck. Dieser entdeckt in einem Zeitungsfoto endlich die erhoffte Inspiration: „Ein verzweifelter Banker – was für ein perfektes Symbol der Welt, die am 11. September attackiert worden war! So musste ich meinen Jahrhundertroman schreiben: aus der Innensicht des Systems.”

Der Banker, wir ahnen es: ist Jasper Lüdemann.

Kristof Magnusson beendete die Arbeit an seinem Roman, als die reale Finanzkrise eben begann - ein Prophet. Und so glimpflich, so glücksstiftend der Crash für die drei Helden verläuft – dass die fiktionalen Fernsehkommentatoren behaupten, man könne auf „die Selbstregulierung des Marktes” vertrauen, liest sich heute angesichts des realen Geschehens als eine gelungene kleine Ironie.

Magnusson ist mit leichter Hand ein Werk voller Witz und Wunder gelungen, ein sprachlich fein geschliffener Spiegel unserer Selbstbetrügereien und eine gelungene Synthese alter und neuer Welt: „Das war ich nicht” ist so spannend wie ein amerikanischer Thriller und so tiefgründig, wie es sich für den vielversprechenden Nachwuchs im Land der Dichter und Denker gehört. Der Kauf dieses Buches ist eine sichere Anlage, die sich lohnt – und auszahlt in Stunden amüsierter Lektüre. Darauf dürfen Sie wetten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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