Das
verzauberte Haus.
Buch von Margarete
Mauthner (2004, Transit-Verlag - Nachwort von Karl
Corino).
Besprechung von Sabine Franke in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:
Die (un)zauberhafte Schwägerin
Margarete Mauthner führt in ein
untergegangenes Berlin und mitten hinein in Robert
Musils Welt
Wer steht schon gern Modell?
Für Fritz empfindet Margarete eine geradezu
"animalische Geschwisterzärtlichkeit", die den gepflegt
daherplaudernden Ton der Erinnerungen sprengt. Als der Bruder Berlin verlässt,
um in der Münchner Bohème als Maler sein Glück zu suchen, folgt sie ihm an
seinen Studienort. Stolz teilt sie für einige Monate in "vorwärtsstürmendem
Miterleben" das Künstlerleben mit ihm, beobachtet sein Vorankommen in der
Schwabinger Szene und dient als Porträtmodell, wobei sie die brüderlichen
"forschenden Augen, die hinter den Schein der Dinge dringen zu wollen
schienen", genießt.
Die Cousine Martha Heimann dagegen konnte das Modellstehen nicht leiden. Es wird
ihr von ihrem jungen Ehemann Fritz Alexander gleich auf der Hochzeitsreise
zugemutet: "Ich erinnere mich, daß ich damals ermüdet dachte: eigentlich
hätte ich einen Dichter heiraten sollen." Noch auf der Hochzeitsreise
stirbt Fritz Alexander an Typhus, und dass Martha trotz dieser Tragödie schon
recht bald weiterzog, sich erst mit einem feurigen Italiener namens Marcovaldi
neu verheiratete, später dann mit dem verheirateten Kindsvater Paul Cassirer
durchbrannte und sich zuletzt in der Tat mit einem Dichter, nämlich Robert
Musil, einließ, hat ihr die Cousine nie verziehen.
Ausgerechnet Marthas dritter Ehemann setzt aber dem Familienanwesen und auch
Fritz Alexander ein unvergängliches Denkmal. Die Hochzeitsreise von Fritz und
Martha findet sich als Agathes Reise im Mann ohne Eigenschaften wieder,
und auch die Novelle "Das verzauberte Haus" lebt - wie noch andere
Werke Musils - vom Erfahrungsschatz der Familien Alexander und Meyer. Mauthner
kann all das freilich zum Zeitpunkt der Abfassung ihrer Memoiren, während des
ersten Weltkriegs, noch nicht ahnen.
Was von Marthas eher delikaten Erinnerungen an die Brüder Alexander überliefert
ist, liest man in dem vom Herausgeber Karl
Corino beigefügten Anhang. Die Aufzeichnungen Musils und Marthas hätten
vermutlich kaum die Billigung Mauthners gefunden, doch sie vervollständigen das
Bild von den Verhältnissen in der Matthäikichstraße. Corino, der Mauthners
Manuskript bei Recherchen zu seiner Musil-Biografie in Südafrika auftat, bringt
in seinem umfassenden Nachwort die literarhistorische Bedeutung der
Familiengeschichte zur Geltung, geht aber auch auf sozialgeschichtliche Aspekte
ein.
Reizvoll ist die Lektüre von Mauthners Erinnerungsbuch zuletzt auch dadurch,
dass die Atmosphäre des untergegangenen "verzauberten Hauses" in
einer elegant beschaulichen Sprache evoziert wird, wie sie nach der
Jahrhundertwende wohl als kultiviert galt. Dass dies der Hintergrund war, vor
dem außergewöhnliche Literatur oder auch Malerei entstehen sollte, wird bei
der Geläufigkeit, die die Sprache der radikalen Moderne inzwischen erlangt hat,
eigentlich erst durch solche Texte wieder erfahrbar.
Zur Bestimmung von Mauthners eigener Position bietet das Erinnerungsbuch jedoch
nur wenig Anhaltspunkte. War sie in Schwabing noch von willentlicher
Ansteckungswut beflügelt, scheint das Ausbrechen aus vorgegebenen Bahnen doch
eher nicht ihr Stil gewesen zu sein. Während der angehimmelte Künstlerbruder
in Briefen begeistert Venedig preist, "die Austern, die man, im heißen
Sande ausgestreckt, verzehrt", schreibt sie ihm "eine ruhige Karte, in
der ich von allen Nahrungsmitteln in ungekochtem Zustande abriet".
Die Jahre der eigenen Übersetzertätigkeit in Verlags- und Galeristenkreisen sind in den nun publizierten Aufzeichnungen leider nicht enthalten. Das ist, bei allen Vorzügen, die diese Entdeckung Karl Corinos bietet, wirklich bedauerlich. Mauthner wäre wahrscheinlich über die libertären Details vornehm hinweggegangen, doch bedauert man es, nicht wenigstens all das andere aus ihrem Munde erfahren zu können.
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