Das verzauberte Haus von Margarete Mauthner, 2004, TransitDas verzauberte Haus.
Buch von Margarete Mauthner (2004, Transit-Verlag - Nachwort von Karl Corino).
Besprechung von Sabine Franke in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Die (un)zauberhafte Schwägerin
Margarete Mauthner führt in ein untergegangenes Berlin und mitten hinein in Robert Musils Welt

Der Schauplatz ist ein Anwesen im Berliner Stadtteil Tiergarten Ende des 19. Jahrhunderts. Personen namens "Guthildchen" oder "Tante Elischen" lauschen im Ambiente schwerer Mahagonimöbel dem Klaviervortrag der Familiensprösslinge. Vor Weihnachten wird alljährlich eine Kiste aus England geliefert, in der sich Real Turtle Soup befindet, Plumpudding, der auf dem Teller bläulich brennt, und Stilton-Käse, der, "groß und hart wie ein Baumstumpf, täglich ein Glas Sherry zu trinken bekam, um bei Kräften zu bleiben". In den Sommermonaten schwärmen die Kinder in den Garten aus. Nur in ihrer Erinnerung wird dieser Ort den Zweiten Weltkrieg überstehen. Das "verzauberte Haus" in der Matthäikirchstraße 1 wird von Bomben getroffen.

Eines der Kinder war die 1863 geborene Margarete Mauthner, die 1947 in Südafrika verstarb, wohin ein Teil der jüdischen Großfamilie im Exil versprengt worden war. Für den Verlag Bruno Cassirer hatte die Berlinerin einst Vincent van Goghs Briefe übersetzt und auch den Aufruhr, den die deutsche van Gogh-Ausstellung von 1905 verursachte, hautnah miterlebt. Zu einer Zeit, als das Werk des Malers den meisten Betrachtern noch als "das Produkt eines Unverschämten, der sich einen Witz mit seinem Publikum erlaubt" erschien, erwarb Mauthner einige Werke van Goghs.

In einem persönlichen Erinnerungsbuch schildert Mauthner die Geschichte der beiden mehrfach durch Heirat und Verwandtenehen verbundenen jüdischen Familien Meyer und Alexander. Sie beschwört ein verloren gegangenes, heute vorzeitlich anmutendes Berlin wieder herauf. Noch klein, erlebt Margarete auf den Schultern ihres Onkels, des Schriftstellers Siegmey, das mit einem Triumphzug gefeierte Ende des Deutsch-Französischen Krieges Unter den Linden. Sie schwärmt vom Weihnachtsmarkt auf dem Schlossplatz oder kommentiert ganz nebenbei die langsame Besiedlung des Tiergartens. Die Bedeutung des königs- und kaisertreuen jüdischen Großbürgertums für Berlin ist unübersehbar. Mauthners Erinnerungsschatz ist von materiellem und kulturellem Wohlstand geprägt, wobei die Familie immer fest in der Geschäftswelt verankert bleibt und sich über Generationen eine solide Bodenständigkeit bewahrt hat.

Es ist ein von Mauthner mit großem Misstrauen beäugtes Mitglied der Familie Meyer, das den Erinnerungen eine weiterreichende Bedeutung verleiht. Seite an Seite mit den Alexander-Kindern wächst deren Cousine Martha Heimann in der Matthäikirchstraße auf. Von Mauthner als "komplizierte Natur" beschrieben, faszinierte die um mehrere Jahre jüngere Cousine die Männerwelt bereits früh. So auch Margaretes Brüder, die schon im Kindesalter erotische Bande mit Martha knüpfen. Nur mit Mühe kann Mauthner ihre Zerknirschung mit angeblicher Freude übertünchen, als Martha 1895 schließlich den Bruder Fritz ehelicht und von der Cousine zur Schwägerin avanciert.

Wer steht schon gern Modell?

Für Fritz empfindet Margarete eine geradezu "animalische Geschwisterzärtlichkeit", die den gepflegt daherplaudernden Ton der Erinnerungen sprengt. Als der Bruder Berlin verlässt, um in der Münchner Bohème als Maler sein Glück zu suchen, folgt sie ihm an seinen Studienort. Stolz teilt sie für einige Monate in "vorwärtsstürmendem Miterleben" das Künstlerleben mit ihm, beobachtet sein Vorankommen in der Schwabinger Szene und dient als Porträtmodell, wobei sie die brüderlichen "forschenden Augen, die hinter den Schein der Dinge dringen zu wollen schienen", genießt.

Die Cousine Martha Heimann dagegen konnte das Modellstehen nicht leiden. Es wird ihr von ihrem jungen Ehemann Fritz Alexander gleich auf der Hochzeitsreise zugemutet: "Ich erinnere mich, daß ich damals ermüdet dachte: eigentlich hätte ich einen Dichter heiraten sollen." Noch auf der Hochzeitsreise stirbt Fritz Alexander an Typhus, und dass Martha trotz dieser Tragödie schon recht bald weiterzog, sich erst mit einem feurigen Italiener namens Marcovaldi neu verheiratete, später dann mit dem verheirateten Kindsvater Paul Cassirer durchbrannte und sich zuletzt in der Tat mit einem Dichter, nämlich Robert Musil, einließ, hat ihr die Cousine nie verziehen.

Ausgerechnet Marthas dritter Ehemann setzt aber dem Familienanwesen und auch Fritz Alexander ein unvergängliches Denkmal. Die Hochzeitsreise von Fritz und Martha findet sich als Agathes Reise im Mann ohne Eigenschaften wieder, und auch die Novelle "Das verzauberte Haus" lebt - wie noch andere Werke Musils - vom Erfahrungsschatz der Familien Alexander und Meyer. Mauthner kann all das freilich zum Zeitpunkt der Abfassung ihrer Memoiren, während des ersten Weltkriegs, noch nicht ahnen.

Was von Marthas eher delikaten Erinnerungen an die Brüder Alexander überliefert ist, liest man in dem vom Herausgeber Karl Corino beigefügten Anhang. Die Aufzeichnungen Musils und Marthas hätten vermutlich kaum die Billigung Mauthners gefunden, doch sie vervollständigen das Bild von den Verhältnissen in der Matthäikichstraße. Corino, der Mauthners Manuskript bei Recherchen zu seiner Musil-Biografie in Südafrika auftat, bringt in seinem umfassenden Nachwort die literarhistorische Bedeutung der Familiengeschichte zur Geltung, geht aber auch auf sozialgeschichtliche Aspekte ein.

Reizvoll ist die Lektüre von Mauthners Erinnerungsbuch zuletzt auch dadurch, dass die Atmosphäre des untergegangenen "verzauberten Hauses" in einer elegant beschaulichen Sprache evoziert wird, wie sie nach der Jahrhundertwende wohl als kultiviert galt. Dass dies der Hintergrund war, vor dem außergewöhnliche Literatur oder auch Malerei entstehen sollte, wird bei der Geläufigkeit, die die Sprache der radikalen Moderne inzwischen erlangt hat, eigentlich erst durch solche Texte wieder erfahrbar.

Zur Bestimmung von Mauthners eigener Position bietet das Erinnerungsbuch jedoch nur wenig Anhaltspunkte. War sie in Schwabing noch von willentlicher Ansteckungswut beflügelt, scheint das Ausbrechen aus vorgegebenen Bahnen doch eher nicht ihr Stil gewesen zu sein. Während der angehimmelte Künstlerbruder in Briefen begeistert Venedig preist, "die Austern, die man, im heißen Sande ausgestreckt, verzehrt", schreibt sie ihm "eine ruhige Karte, in der ich von allen Nahrungsmitteln in ungekochtem Zustande abriet".

Die Jahre der eigenen Übersetzertätigkeit in Verlags- und Galeristenkreisen sind in den nun publizierten Aufzeichnungen leider nicht enthalten. Das ist, bei allen Vorzügen, die diese Entdeckung Karl Corinos bietet, wirklich bedauerlich. Mauthner wäre wahrscheinlich über die libertären Details vornehm hinweggegangen, doch bedauert man es, nicht wenigstens all das andere aus ihrem Munde erfahren zu können.

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