Das verlorene Wort von Assia Djebar, 2004, Unionsverlag

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Das verlorene Wort.
Roman von Assia Djebar (2004, Unionsverlag).
Besprechung von Michaela Schmitz aus Rheinischer Merkur, 10.03.2005:

Assia Djebar beschreibt Algerien als poetische Chiffre des Heimwehs
Erinnerungen trüben den Blick

Ein einsamer Strand unweit von Algier. Der helle Sand füllt alles aus vor der Pforte und der steinernen Treppe, die in das karg eingerichtete weiße Haus führt. Einsamkeit, Zeitlosigkeit und Stille. In den lichtvollen Herbsttagen mit dem sanften Schlagen der Wellen unter der Terrasse fließt alles ineinander. Der richtige Ort, so scheint es, um nach zwanzig Jahren Pariser Exil endlich zum Schreiben und zu sich selbst zu kommen. Denn mit diesem Ziel ist Berkane, der Protagonist von Assia Djebars neuem Roman „Das verlorene Wort“, in seine Heimat Algier zurückgekehrt.

Leidenschaftliche Briefe an die langjährige französische Lebensgefährtin Marise schreibend, ohne sie je abzuschicken, löst er sich zögernd und schmerzvoll von seinem Leben in Paris. Und wie das Meer in langsamen Wellen heranrauscht, als wolle es unter sein Lager gleiten, werden im Gegenzug die Erinnerungen an die Kindheit in Algerien wieder in sein Bewusstsein gespült. An die Kasba von Algier mit „diesem Magma der Gerüche von Früchten oder gegrilltem Fleisch, dem Wirrwarr der Geräusche . . ., dem gedrängten Innenhof, in dem seine Mutter die Wäsche wusch . . ., den verschleierten oder nur halb bedeckten Frauen, die . . . Straßen voll Begehren, . . . die Dachterrasse mit dem Blick auf das Meer und den alten Friedhof“.

Aber in die vermeintlich orientalische Idylle dringen die ernüchternde Gegenwart und die verdrängte Vergangenheit. Das Viertel, seine „houma“, ist heruntergekommen. Und es steigen Bilder der Gewalt und Unterdrückung in ihm auf. „Nur mit der Wendung des Kopfes und dem Schließen der Augen versetzte ich mich zwanzig Jahre zurück in den Laden meines Onkels mütterlicherseits, Mouloud mit dem Spitznamen Tchaida, der nun schon lange tot ist. Der Friseur . . . erkannte mich . . . Und die zugleich belastende und leichte Vergangenheit stieg jäh an die Oberfläche.“ Während des Befreiungskrieges wird der Onkel wegen Übertretung der Ausgangssperre kurzerhand von französischen Soldaten auf der Straße erschossen, und Berkane selbst droht von der französischen Schule verwiesen zu werden, nur weil er ein Bild mit der algerischen Flagge gemalt hat.

Eine drei Nächte dauernde, höchst erotische Beziehung zur Algerierin Nadja, die er „ya khti“, seine Schwester, nennt, führt Berkane noch tiefer an seine heimatlichen Wurzeln und seine eigene Sprache heran. Ihre ebenfalls von politisch motivierter Gewalt geprägte Lebensgeschichte hat sie, um zu vergessen, wie ihn in die Fremde getrieben. Im Spiegel seiner Liebe zu Nadja erkennt Berkane die eigene heillose Heimatlosigkeit, der er nur durch die schonungslose Aufarbeitung der persönlichen Geschichte entkommen kann. Schreibend macht er sich auf die Spurensuche nach seiner Vergangenheit, die ihn in die Straflager führt, in denen er, wie viele seiner Landsleute, als Jugendlicher inhaftiert und brutal gefoltert wurde. Bis er 1993 auf einer Reise zum Lager „Marschallscamp“ spurlos verschwindet. Vielleicht von radikalen Islamisten ermordet?

„Das verlorene Wort“ ist in dem unverwechselbaren, gleichzeitig leichtfüßigen und schwermütigen, hochpoetischen und realitätsnahen Tonfall Assia Djebars geschrieben. In einer, so Nadja, für algerische Frauen typischen „Sprache der Liebe und des Lebens, selbst wenn sie klagen oder beten. Es ist eine Sprache der Lieder, auch mit Zwischentönen, sie kennt die Ironie und den bitteren Beigeschmack.“ Genauso charakteristisch wie die kunstvoll arabeske Konstruktion, die hier konsequent mit der Zahl drei spielt, durchbrochen nur vom Wendepunkt in der Mitte des Buches.

Vielfältige Handlungsfäden und Bildmotive werden zu ornamentalen Mustern verwoben, unterschiedliche Zeitebenen, Erzählperspektiven und -stimmen fügen sich zu einem orientalischen Mosaik. Ein fesselndes Buch, das den Leser vom ersten Satz an magisch in die Vergangenheit des Protagonisten und in die Geschichte und Gegenwart Algeriens hineinzieht. Von schonungsloser Radikalität, die am Ende jeden Trost verweigert und nur die Sehnsucht, „el ouehch“, zulässt.

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Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © Rheinischer Merkur/Michaela Schmitz

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Das verlorene Wort von Assia Djebar, 2004, Unionsverlag2.)

Das verlorene Wort.
Roman von Assia Djebar (2004, Unionsverlag - Übertragung Beate Thill).
Besprechung von Christine Diller aus dem Münchner Merkur, 8.9.2005:

Zerrissener Mensch
"Das verlorene Wort" von Assia Djebar

Eigentlich eine einfache Geschichte. Der Algerier Berkane kehrt Anfang der 90er-Jahre aus Paris in seine Heimat zurück und wohnt im Haus seiner Familie am Meer. Er verliebt sich in eine ebenfalls im Ausland lebende Algerierin, die gerade zu Besuch ist. Nach einer sehr erotischen Beziehung lässt sie ihn zurück, er widmet sich wieder dem Schreiben. Plötzlich ist er wie vom Erdboden verschwunden, verschleppt vermutlich von rebellierenden Islamisten.

Berkane, Ende 40, frühpensioniert, ist ein nachdenklicher, sensibler, trauriger Mensch. Als seine langjährige französische Freundin Marise sich von ihm trennt, fühlt er sich ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Verliert sich in Erinnerungen. Und so verzweigt sich, um seine Gegenwart herum, die Geschichte in viele kleine Erzählstränge, die bis weit in seine Vergangenheit zurückreichen. Sich auch ganz ablösen, wenn sie von der Zeit nach seinem Verschwinden, von seinem besorgten Bruder, der trauernden Ex-Freundin, der nichts ahnenden, fernen Geliebten - teils in Briefform - berichten.

Soziale Verwerfungen

Die formale Vielfalt ist ein Merkmal von Djebars Stil: Da wechseln sich Tagebucheinträge, nicht abgeschickte Briefe, Ich- und Er-Erzählung ab - Puzzle-Stücke, mit denen sich ein zerrissener Mensch wieder neu zusammensetzen will.

Zerrissen haben ihn nicht allein die Fremde, die Heimatlosigkeit und die Trennung von einer Frau. Sondern bereits seine Erfahrungen als Unabhängigkeitskämpfer im Algerienkrieg der 50er-Jahre. Die Zeit der Gefangenschaft in einem Lager der französischen Machthaber. Die Folter. Der Verlust von Angehörigen. Die Abhängigkeit von Ideologien: Den Begriff "laizistisch" hört er wie viele Algerier im Lager zum ersten Mal. Viel später sind die Islamisten seine Feinde. Und er erkennt, dass politische Begriffe bei ihrer Übersetzung ins Französische und ihrer Rückkehr ins algerische Selbstverständnis sinnentstellt werden: "Es ist also die französische Sprache, die in der Politik bei uns fehlerhaft ist", denkt Berkane.

Wie immer in Djebars Romanen und Erzählungen meldet sich auch hier die Philologin zu Wort. Die erwähnt, welche Ausprägung des Arabischen ihre Figuren gerade sprechen, den Dialekt der Kasba, der Altstadt, etwa. Die auch unterscheidet zwischen dem Arabischen der Liebe und dem des Hasses. Die mitfühlen lässt, ob Berkane und seine Geliebte das Französische - der Diskussion oder der Intimität - angemessener empfinden als das Arabische.

Und obwohl Assia Djebar seit langem in New York und Paris lebt, hat sie ein feines Gespür für die sozialen Verwerfungen dieser verstörten algerischen Gesellschaft: "Zur Erinnerung an die ,Schlacht von Algier’ hat man sich damit begnügt, die alten Straßennamen, die an die Kolonialzeit erinnerten, einfach durch Namen der vielen Opfer der Repression von 1957 aus dem Standesregister zu ersetzen! Gehört diese Betäubung des kollektiven Gedächtnisses wirklich zum Los der Länder der Dritten Welt? Ist dies nicht der Beweis dafür, dass die gesamte Gesellschaft völlig atemlos nur vorwärts rennt, sich blindlings auf das materielle Überleben stürzt?" Assia Djebar hat einmal mehr eine zugleich hocherotische, politische und trauernde Hommage auf ihr Heimatland geschrieben.

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