Das Verlangen nach Liebe von Hanns-Josef Ortheil, 2007, Luchterhand1.) - 3.)

Das Verlangen nach Liebe.
Roman von Hanns-Josef Ortheil (2007, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Roland Mischke in den Nürnberger Nachrichten vom 8.09.2007:

Eine Geschichte vom Glück
Hanns-Josef Ortheils Roman «Das Verlangen nach Liebe»

Noch ein Roman in diesem Herbst, der das Glück zum Thema hat. Hanns-Josef Ortheil schildert die Wiederbegegnung eines Paares in «Das Verlangen nach Liebe».

Eigentlich kann es gar nicht wahr sein. Ein Konzertpianist schlendert durch Zürich, gerät an den See und sieht hingestreckt auf Holzplanken die Frau, die er einmal geliebt hat. Bis sie ihn betrog. Das ist 18 Jahre her, bedeutete viel Schmerz. Und nun, bei ihrem Anblick, ist alles vergessen. Die Gefühle sind wieder da. Romantische Gefühle, anbrandend nach so langer Zeit wie eine mühsam zurückgehaltene Welle, mitreißend, überwältigend.

Hanns-Josef Ortheil, 56, feiert die große, die ganz große Liebe. Er schafft es, hemmungslos zu schwärmen. Ein Weltfluchtbuch, ein Seelenverwandtschaftsroman, und das alles noch in einer musikalischen Sprache, die neben dem psychischen auch noch ästhetischen Genuss garantiert.

Johannes, ein erfolgreicher Virtuose am Klavier, spielt in Zürich Mozart. Judith, eine renommierte Kunsthistorikerin, kuratiert in der Stadt ihre Ausstellung. Zwei Hedonisten, Singles mit Erfahrungen, die unkompliziert ihre Wiederannäherung lustvoll zelebrieren, weil sie wissen, dass sie füreinander bestimmt sind.

Das gibt es sonst nur in Groschenromanen, aber Ortheil ist ein gründlicher Autor, er schwelgt nicht im Ortlosen. Sein Roman ist angelegt wie ein Drehbuch. Die Orte des Aufeinander-Zukommens sind präzise beschrieben: Seebad, Hauptbahnhof, Tonhalle, Lindenhof, Kronenhalle, Café Odeon, Kunsthaus. Nur Staffage für die Liebenden, aber nebenher auch eine Liebeserklärung an Zürich.

Nachdem Johannes die Schlafende erregt aus dem Dickicht beobachtet hat, rettet er sich in ein Lokal, leert ein Glas. Da sieht er Judith draußen vorbeigehen. Er folgt ihr, flieht dann doch ins Hotel, lässt sich die Nummer ihres Hotels geben. Er erreicht sie nicht, gerät in Trance, geht zum Abendessen hinaus und erlebt eine Phantasmagorie. «Ich sah Judith jetzt deutlich, wie sie voller Tatendrang den weiten Mantel vorn zuknöpfte, nach meiner Hand fasste, und wie wir zusammen dann ohne jedes Gepäck den Bahnhof verließen.»

Die vollständige Besprechung von Roland Mischke finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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Das Verlangen nach Liebe von Hanns-Josef Ortheil, 2007, Luchterhand2.)

Das Verlangen nach Liebe.
Roman von Hanns-Josef Ortheil (2007, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 20.12.2007:

Ein Leben ohne Alltag

Er frühstückt nicht, er nimmt "ein Croissant mit einer leichten Butterlasur" zu sich. Später wird er umso entschiedener zulangen. Dann werden noble Restaurants beinah sakrale Räume und Kellner die wahren Kulturträger. Die Dialoge über die Speisenfolge sind die Basis der Existenz. Kalbsbitoke mit Morchelrahm. Rehrücken mit Birnen und Rotkohl und frischen Kastanien. Ich speise, also bin ich. Bleibt nur noch die Rotweinfrage.

Texttapete fürs gehobene Bildungsbürgertum

Und die, warum sich ein einst ernstgenommener Autor und Professor für kreatives Schreiben wie Hanns-Josef Ortheil als Lieferant von Schmonzetten im Fortsetzungsformat gefällt. Judith geht nicht ins Konzert, sie erscheint. Sie steht nicht auf, sie erhebt sich. Johannes zieht sich nicht aus, er entkleidet sich. Und er bleibt auch nicht einfach sitzen, sondern verweilt, vielleicht weil das die Stunde ist, zu der "ganz unbedingt das erste Glas Wein" gehört. Alltag findet nicht statt in dieser schwärmerisch-schwammigen, kunsthandwerklichen Strickmuster-Texttapete fürs gehobene Bildungsbürgertum.

Zürich ist der Ort, wo sich zwei im Kunstbetrieb etablierte Einzelkinder nach 18 Jahren wiedertreffen. Er ist Konzertpianist und wird am Ende der Woche unten in der Tonhalle Mozart-Sonaten ins Publikum träufeln. Sie ist Professorin und kuratiert oben im Kunsthaus die Ausstellung "Ländereien der Malerei", wo sie Gemälde mit Detailfotos korrespondieren lässt. Zwei Jobs, die alle Zeit der Welt lassen für Gespräche in unbedingt gehobenem Ambiente.

Dort reanimiert man eine Liebe, die schon einmal acht Jahre gehalten hatte und nun in die Ewigkeit verlängert werden soll. Dabei sehnt man den Süden herauf, isst gut, um hinterher ein wenig auf dem See zu rudern, die ganze Armee von Gottfried Keller, Thomas Mann, Kafka, Scarlatti, Schumann, Skrjabin bis Schostakowitsch im Schlepptau. Leben wie in den Ferien.
Die Harmonie ist so total, dass andere durchs Bild laufende weibliche Verführungen durchaus herangezoomt werden können. Sie taugen nicht als Konkurrenz, aber als Geschmacksverstärker. "Kein Pianist hat mich so sehr beeindruckt", darf Anna sagen, Judiths junge Assistentin, wofür sie brav geküsst wird. Tanja, seine Managerin, bekam schon mehr, nur hat sich die Zuchtmeisterin mit Domina-Effekt die Liebe verboten. Und Franziska von der Hotelrezeption kann ein Geheimnis hüten, von dem sie träumt. Alles passt in diesem behäbigen, ironiefreien Roman, der neben unserer Welt spielt in einer Wunschaura von spätromantischem 19. Jahrhundert. Von dorther erzählt ein berauschter Nicht-mehr-Einzelgänger. Emphase mit Goldrand: Ortheils Rezept steht. Bleibt die Frage, ob er es weiter aufkochen wird. (NRZ)

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Das Verlangen nach Liebe von Hanns-Josef Ortheil, 2007, Luchterhand3.)

Das Verlangen nach Liebe.
Roman von Hanns-Josef Ortheil (2007, Luchterhand Literaturverlag).
Besprechung von Rainer Moritz in Neue Zürcher Zeitung vom 23.1.2008:

Die Vollkommenheit der Steinpilze
Hanns-Josef Ortheil erzählt vom «Verlangen nach Liebe»

Nichts einfacher, als diesen Roman mit spitzen Fingern zu rezensieren, nichts einfacher, als ihn missbilligend in die Kitschecke zu stellen und sich darüber zu wundern, warum sich ein renommierter Autor wie Hanns-Josef Ortheil vermeintlich ungeschützt in die Niederungen des Trivialen begibt. Und weil das so einfach ist, lesen sich die bis heute vorliegenden Reaktionen auf Ortheils Roman «Das Verlangen nach Liebe» als teils ratlose, teils hämische Auslassungen, die dem Autor nicht verzeihen, die Tabus der (post)modernen Literatur zu ignorieren. 

Erzählerisches Experiment

Bei zu viel Einmütigkeit ist Vorsicht am Platz, in diesem Fall besonders. Denn Ortheils Versuch, eine romantische Auffassung von rundum gelingender Liebe in Szene zu setzen, gleitet nur auf den ersten Blick in die Happy-End-Literatur seichten Zuschnitts ab. Vielmehr schickt sich Ortheil an – und dieses ästhetische Unterfangen sollte man wahrnehmen, ehe man den Stab darüber bricht –, einen Gleichklang zweier Menschen darzustellen, der alles erfasst, was diesen begegnet. Anders gesagt: «Das Verlangen nach Liebe» lässt sich als Übertragung eines Liebeskonzepts auf die Realität verstehen, als bewusstes Beiseiteschieben dessen, was die Welt an Widrigkeiten bereithält. Der Reihe nach: 2003 publizierte Ortheil seinen nicht minder kühnen Roman «Die grosse Liebe», der, erzählerisch von einem wahren Feuerwerk sinnlicher Details begleitet, davon berichtete, wie sich zwei Menschen, ein Münchner Journalist und eine italienische Meeresbiologin, Knall auf Fall ineinander verliebten, alle Hindernisse ihres Glücks beiseiteräumten und am Ende einer ungetrübten Zukunft entgegensahen. «Das Verlangen nach Liebe» setzt dieses – im Literaturbetrieb nicht satisfaktionsfähige – Experiment fort und zeigt nun ein Paar, das zu seiner Liebe zurückfindet, eine Trennung hinter sich weiss. 

Der Pianist Johannes und die Kunsthistorikerin Judith bilden das neue Ortheilsche Traumduo. Beide stehen in den Vierzigern und waren einst, vor achtzehn Jahren, zusammen, ehe eine kurze Entgleisung die innige Beziehung zerstörte. Der gnädige Zufall will es, dass sie sich wiedersehen, in Zürich, der «blauen Stadt», und beinahe vom ersten Moment an wissen wir, dass das Intermezzo von bald zwanzig Jahren nichts zu bedeuten hat und die alten Liebesbande neu geknüpft werden. Wenige Tage, wenige Gespräche, wenige Diners genügen ihnen, um von neuem ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entdecken und das erotische Feuer vergangener Tage zu entfachen.

Nein, um Not und Elend geht es in diesem Roman nicht. In fast schon provokanter Weise findet Ortheil Gefallen daran, seine finanziell abgesicherten Helden über edle Dinge, über Mozart, Keller, Thomas Mann oder Hodler, parlieren zu lassen, sie an die vertrauten Sehenswürdigkeiten Zürichs zu entsenden, gute Weine auszuschenken und ihnen einen Mittagstisch in der traditionsreichen «Kronenhalle» zu gewähren. Hier der Pianist, der es zu einer beachtlichen Solokarriere gebracht hat, da die robuste Professorin, die ungewöhnliche Ausstellungen konzipiert – das sind die Koordinaten, die Ortheil mit wenigen Strichen zeichnet und die es ihm gleichzeitig erlauben, seine Vision einer «romantischen Begegnung» umzusetzen. 

Diesem Ziel versucht der Roman dadurch nahezukommen, dass er ein dichtes symbolisches Netz über die Zürcher Altstadt legt, das auch den Arbeitsalltag der Akteure beeinflusst: Wie Judith eine Ausstellung «Ländereien der Malerei» entwirft, deren Sinn es ist, vertraute Bilddetails fotografisch zu vereinzeln und so aus Landschaftsansichten «Seelen-Gemälde mit unendlich vielen, noch erst zu entdeckenden Geschichten und Dramen» zu machen, so findet Johannes kein Genügen mehr darin, herkömmliche Mozart-Abende zu geben. Auch er will Innovatives schaffen und denkt darüber nach, das Bekannte zu fragmentarisieren und zum Beispiel mit Scarlatti-Stücken neu zu arrangieren. Darum geht es allenthalben: um eine neue Verbindung des scheinbar Vertrauten, in der Kunst wie in der Liebe, wo es gilt, die Fäden von gestern zu einem neuen Muster zu vereinen.

Wer liebt, soll gut essen – diese Weisheit, die Ortheil in «Die grosse Liebe» kalorienreich mit Kutteln und Fischsuppen garnierte, ist Judith und Johannes nicht fremd. Selten dürfte in der Weltliteratur derart genüsslich der Verzehr von St. Galler Bratwürsten nebst Bürli beschrieben worden sein, und selten zuvor war es so einleuchtend, dass die Kalbsbitoks, die das Paar in der «Kronenhalle» speist, in einer lange eingekochten, sämigen Morchelsauce ruhen, deren Essenz sich nur mit der Substanz wahrer Liebe misst.

Nichts will sich diesem Liebes- und Essensglück in den Weg stellen, «vollkommene Nahrung» allerorten, wie Ich-Erzähler Johannes die Steinpilze rühmt, die er im Beisein mit seiner Agentin Tanja zu sich nimmt. Kleinere Verstimmungen – als Johannes Nachforschungen über Judiths Vergangenheit anstellt – und kleinere Irritationen – als Judiths junge Mitarbeiterin Anna mehr als Sympathie für den sensiblen Pianisten zu empfinden scheint – stören das harmonische Ineinandergreifen von Gefühl und Tat nur kurz. Die Liebenden und die Leser wissen sehr schnell, dass dieses aussergewöhnliche «Verlangen nach Liebe» gestillt werden wird.

Aus dem Geist vollkommener Liebe

Wenn Ortheils neuer Roman dennoch nicht an «Die grosse Liebe» heranreicht, so hat das zwei Gründe: Zum einen fehlt es dem Roman bisweilen an sinnlicher Frische, was zu stocksteifen Sätzen wie «Irgendetwas Starkes und Grosses war mit uns geschehen» führt und wohl am allzu gediegenen Auftreten der beiden Protagonisten liegt. Zum anderen hätte es nicht geschadet, den Spaziergängern Judith und Johannes ein paar Stolpersteine in den Weg zu legen, ehe sie ihr «unerwartetes, einzigartiges Glück» geniessen dürfen. Diese Einwände haben freilich nichts damit zu tun, dass «Das Verlangen nach Liebe» eine mutige Probe aufs Exempel ist: Dass Liebe die Sicht auf die Welt verändert, ist eine Binsenweisheit. Damit Ernst zu machen und einen Erzählkosmos aus dem Geist vollkommener Liebe zu formen, das ist lesens- und aller Ehren wert. «Die Liebe und die Musik wirkten wie Medien einer Verwandlung der Welt ins Emphatische, so wurde die Welt Text und Klang, so wurde sie Erzählung und Komposition» – warum sollte es nicht erlaubt sein, über derart emphatische Erfahrungen Romane zu schreiben? Glückliche Liebesbeziehungen zu schildern, ist nicht Hedwig Courths-Mahler und ihren Nachfahren vorbehalten.

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