Das verflixteJahr vonIsmail Kadare, 2005, Amman

Das verflixte Jahr.
Roman von Ismail Kadare (2005, Ammann - Übertragung
Joachim Röhm).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 24.9.2005:

Krieg und Komet
«Das verflixte Jahr»: Ismail Kadare erzählt von Albaniens staatlichen Anfängen

Der Gewinn des erstmals verliehenen Man Booker International Prize hat Ismail Kadare jene globale Aufmerksamkeit eingebracht, die ihm schon lange gebührte. Beim Zürcher Ammann-Verlag wusste man schon länger, was man an ihm hat, weshalb man in den vergangenen Jahren den Aufwand nicht scheute, den berühmtesten albanischen Autor in einer Werkausgabe zugänglich zu machen. Nun liegt in der Übertragung von Joachim Röhm «Das verflixte Jahr» aus dem Jahr 1985 vor, ein Roman über die Entstehung des albanischen Staates, der Kadare einmal von einer heiter-ironischen Seite zeigt. Solche Leichtigkeit überrascht bei einem, der die Zentnerlast balkanischer Geschichte von der Türkenzeit über die Weltkriege bis zum Kommunismus mit den Mitteln der Parabel und Chronik, von Mythen, Sagen und Legenden zu stemmen gewohnt ist.

Späte Unabhängigkeit

Man weiss hierzulande nur wenig über die Staatswerdung Albaniens. Während sich Griechen und Serben schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zeichen einer heroischen Vergangenheit erfolgreich gegen die türkische Fremdherrschaft erhoben, fehlte den Albanern lange der Wille zur Selbständigkeit. Nicht nur hatten sie sich weitgehend ans Osmanische Reich assimiliert und in grossen Teilen den Islam übernommen, es gab auch keinen ausgeprägten nationalen Mythos und keine intellektuelle Kaste, die einen solchen hätte propagieren können.

Erst 1912, angesichts des Endes der osmanischen Herrschaft, wurde die albanische Unabhängigkeit ausgerufen, die allerdings nicht den Segen der europäischen Grossmächte erhielt. Es dauerte ein Jahr, bis sich diese auf die Schaffung eines Erbfürstentums Albanien einigten und beschlossen, den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied für zehn Jahre als Regenten einzusetzen. Am 7. März 1914 trat Wied sein Amt an – für lediglich 184 Tage. Am 3. September musste er, allein gelassen und überfordert, einem protürkischen Aufstand sowie dem Druck rivalisierender albanischer Gruppen weichen. Erst 1920 sollte es wieder eine international anerkannte, unabhängige albanische Regierung geben.

Es ist eine listige Volte, wenn Kadare gleich zu Beginn das Geschehen des Jahres 1914 unter das Menetekel eines Kometen stellt, der damals die Bahn der Sonne kreuzte. Dem Roman wird so der Realismus entzogen. Traumzeit herrscht, Dramatisches kündigt sich an, Hoffnungen erheben sich, und Ängste werden laut. Dinge nehmen einen wundersamen Lauf, und nicht einmal mehr der Krieg folgt seinen Gesetzen. Trunken irren die Figuren durch eine Landschaft, in der sich das Dunkel und der Kummer kaum je lichten. Umher streunende Hundemeuten tragen das Ihre zur Unrast bei. Später werden alle gewusst haben wollen, was «menschlichem Denkvermögen nicht zugänglich» ist. Dem Phantastischen setzt Kadare in Verdoppelung der Volte eine aporetisch bleibende Ebene von historischer Analyse und Quellenkritik entgegen. Mit Eifer werden internationale Forscher später «dieses Jahr, ein grässliches Kriechtier, Wirbel für Wirbel einer gründlichen Prüfung» unterziehen, wobei sie die abstrusesten Theorien über die Ursachen eines Irrsinns wälzen, der längst auf sie übergegangen ist.

Man unterschätze den Realitätsgehalt dessen nicht, was Kadare in einer beschwingten Synthese von tatsächlichen und erfundenen Vorgängen, in einer Vision von realen und imaginären Räumen vorträgt. So karikierend manches anmutet, vieles bewegt sich nahe an den Tatsachen, auch wenn die Ereignisse von Jahren auf wenige Monate zusammengezogen sind. Neben erfundenen Figuren gibt es zahlreiche historische Protagonisten (ein Glossar schafft dankenswerterweise Orientierung), und als Ganzes sind das politische und gesellschaftliche Konfliktfeld und die Zeitstimmung luzid eingefangen. Nicht nur Fakten und Fiktionen weiss Kadare virtuos zu verbinden, es fügen sich Tragik und Komik, Mythos und Ironie zu einer Hommage an die Heimat, deren Charme man sich schwerlich entziehen kann.

Gespenstisches Vielvölkerballett

Erzählt ist das Ganze auktorial, manchmal etwas abrupt unterbrochen durch Ich-Monologe. Es ist hier nicht möglich, die Teile zu sortieren, aus denen Kadare sein Schlachtengemälde zusammensetzt. In einem gespenstischen Vielvölkerballett kreuzen sich die Wege von österreichischen, französischen, italienischen, serbischen und griechischen Truppen mit denen von albanischen Freiheitskämpfern, Banditen und Vagabunden. Eine wiederkehrende Rolle spielt eine schräge Truppe von Freischärlern, deren vaterländische Begeisterung militärisch vollkommen ins Leere läuft – wobei ihre Spontanhandlungen vornehmlich grotesken sprachlichen Missverständnissen entspringen. Ein hinreissendes Sujet gibt die maltesische Kurtisane Stringa ab, in deren Hauptstadt-Salon sich, einander eifersüchtig belauernd, ausländische Diplomaten verlustieren, wenn sie wieder einmal an ihrem Geheimdienst verzweifelt sind. Und natürlich ist da der fremdelnde Fürst zu Wied, dem, zum Entsetzen seiner sich vor dem albanischen Schlamm ins Paradies des Schaums flüchtenden jungen Frau, um der verbesserten politischen Akzeptanz willen die Beschneidung droht . . .

Man lasse sich diesen Roman nicht entgehen – er bietet eine ungewohnte balkanische Heiterkeit, in der das Unglück der eigenen Geschichte in souveräner Weise aufgehoben ist.

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