Das verborgene Wort von Ulla Hahn, 2001, DVA1.) - 3.)

Das verborgene Wort.
Roman von Ulla Hahn (2001, DVA).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 5.09.2001:

Heldejaad und Hildegard - eine wahre Geschichte
Ulla Hahns Roman über Sprache und Emanzipation

Ulla Hahn ist eine Lyrikerin von Rang, viele ihrer Gedichte zeigen große poetische Kraft. Jetzt hat sie einen Roman geschrieben: Das verlorene Wort. Sie hätte es nicht tun sollen. Es geht um die Sprache. Ein Stoff, der einen großen Roman wert ist, doch die Lyrikerin scheitert an der detailverliebten Geschichte; und, überraschend genug, eben an der Sprache. Dies ist die Emanzipationsgeschichte einer Arbeitertochter in den 50er Jahren. In einem irrealen Dondorf irgendwo am realen Rhein wächst die lesebesessene Hildegard auf. Ein Kind mit drei Namen - Hildegard steht im Taufschein und sagt der Lehrer, Heldejaad ruft und schimpft die Familie, und Hilla nennt sich das Mädchen, als es sich von der Familie zu entfernen beginnt. Je älter Heldejaad wird, je mehr sie lernt, umso mehr wird sie Hildegard. Ratlosigkeit, Wut und Verzweiflung der ungebildeten Eltern über die Entfremdung der Tochter sind genau geschildert; und dennoch bleibt der Roman unbefriedigend. Die Zeit, in der solch wahre Geschichten literarisches Neuland bedeuteten, ist vorbei. Und vieles wirkt wie schon zweimal, dreimal. oftmal gelesen. Die Mutter, die das Kind denunziert. Der Vater, der es blutig schlägt. Die Großmutter, die Glück und Aufruhr der Kinderseele mit der Angst vorm lieben Jott zu brechen sucht. Das ist immerhin ein Sujet: Glück und Aufruhr bestehen in dem unbeugsamen Willen, lesen zu lernen. Dass das Aufstieg bedeutet, hat Hildegard nicht gewusst, und Du jlöws woll, datte jet Besseres bis, sagt die Mutter feindselig. Manche Szene ist beklemmend - etwa, wie sich das Kind von der Mundart zum Hochdeutsch durchringt und dafür genauso geprügelt wird wie für den Wunsch, mit Messer und Gabel zu essen. Leider ist die Sprache nur selten angemessen. Es gibt sehr schöne, poetische Beschreibungen von Stimmungen, der Landschaft am Rhein, des liebevollen Großvaters. Doch Hass und Brutalität bleiben merkwürdig blass; als wäre solche Schilderung der Autorin zu dicht. Als könnte sie nicht ertragen, genauer zu sein. Vielleicht auch, als hätte das armselige Leben, das sie schildert, Ulla Hahn die Sprache verschlagen. Hausbacken erzählt sie, durchaus mit Authentizität. Die wird auch durch die vielen rheinischen Passagen erreicht, die allerdings nicht nur für Ortsfremde schwer lesbar sind. Wer will schon ständig Fußnoten suchen? Und vieles bleibt im vergilbten Klischee stecken. Die Kinder, die das geliebte Kaninchen essen müssen. Die Schwester des Pastors, die Hildegard Zugang zur Leihbibliothek verschafft. Die Sehnsucht nach den Zigeunern. Solche Banalität ist schwer erträglich. Und - ist das Leben nicht banal? Natürlich ist es das. Doch Literatur sollte wohl mehr leisten als blanke Spiegelung. Diesen Anspruch will das Nachdenken über Sprache einlösen, doch da wird es vollends peinlich. Nichts als gequält sind die Betrachtungen der Sechsjährigen: Ich war in Sicherheit, im Kopf, im Wort. Oder: Trug die Sprache die Welt in sich oder die Welt die Sprache? Der Roman trägt erkennbar autobiografische Elemente, doch sie sind weniger verarbeitet als wiedergegeben. Das ist ein Hauptproblem. Ulla Hahn hat ein Tagebuch der Vergangenheit niedergeschrieben, mit schauderndem Herzen: Kindheitsalbträume. Alles schrecklich wahr, doch für einen großen Roman wäre ein literarischer Filter nötig gewesen.

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Das verborgene Wort von Ulla Hahn, 2001, DVA2.)

Das verborgene Wort.
Roman von Ulla Hahn (2001, DVA).
Besprechung von Martin Ebel in Neue Zürcher Zeitung vom 20.09.2001:

Proletarisches Trauerspiel
Ulla Hahns beeindruckender Roman

Als Ulla Hahn noch nicht jene artistischen, verspielten und neckischen Gedichte veröffentlicht hatte, für die sie Marcel Reich-Ranicki in den Lyrikhimmel heben würde, da engagierte sie sich für die DKP und die «Literatur der Arbeitswelt». Anders als viele Mitstreiter bei diesem gut gemeinten Projekt kam sie selbst aus der Welt der Arbeiter. In ein katholisches Dorf nördlich von Köln, eines wie das, in dem sie aufwuchs, und in das... Fortsetzung

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Das verborgene Wort von Ulla Hahn, 2001, DVA3.)

Das verborgene Wort.
Roman von Ulla Hahn (2001, DVA).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 29.10.2001:

Greiner, Clowns und Leser

Über Ulla Hahns Roman "Das verborgene Wort" und seine Kritiker. Dass Ulla Hahns neuer Roman "Das verborgene Wort" kürzlich so heftig in die Schusslinie des "Literarischen Quartetts" geraten ist, war ein Missverständnis. Denn es ist ein dickes Buch, aber nicht so bedeutend, dass es jenen "Vernichtungsversuch" verdient hätte, den die Lyrikerin Ulla Hahn in der Attacke jenes Mannes erkannte, der ihre Gedichte vielleicht ein wenig zu glühend verehrt, weshalb sie ihm viel zu verdanken hat. Man errät ihn leicht: Marcel Reich-Ranicki. Hymnen und Kapriolen, Lehr- und Leidensjahre

Die Autorin wird es kaum trösten, aber eigentlich galt die jüngste Kapriole des Kritikerclowns mehr seinen Kollegen in den bundesdeutschen Feuilletons, die "Das verborgene Wort" seit Wochen in seltener Einmütigkeit loben. Eine Überschätzung, die wohl der "Zeit"-Literaturchef Ulrich Greiner mit seiner frühen, geradezu hymnischen Rezension angestoßen hat. Und die getragen wird vom offensichtlichen Dahinschwinden der Maßstäbe in der Literaturkritik. Denn eigentlich ist "Das verborgene Wort" ein schlicht strukturierter Bildungsroman vom Kindergarten bis zur halbstarken Aufnahmeprüfung zum Gymnasium; davor hat der Herr eine lange Leidens- und eine kurze Lehrzeit gesetzt, weil sich diese Kindheit im katholisch-rheinischen Arbeitermilieu der Nachkriegszeit abspielt. Hildegard Palm (die so heißt, weil die kleine Heldin einen "typisch Kölschen Namen" haben sollte, wie Ulla Hahn mit Blick auf das Kölner Telefonbuch treuherzig versichert) entdeckt früh den Doppelcharakter der Sprache: Wer das Wort hat, hat auch Macht - und manchmal machen Wörter Musik, Sprachmusik. Am Rhein liegend klingt das dann oft schön wie dies: "An geschmeidigen Röhren fuhr ich meine Ohren in die Landschaft hinaus, näherte mich dem Erdboden, den zirpenden Grillen, ein betäubender Lärm, suchte nach stillen Flecken im Gras, hörte das beharrliche Trommeln seiner Wurzeln, das Zischen millionenfacher grüner Zungen, hörte die Käfer fressen, ein kleines Knacken, winziges Knistern, der Käfer kam näher, die Käferkiefer fragten: Wo bist du Biss, du, als wollten sie mich fressen." Den notorischen Spaziergängern unter den Rheinländern wird Ulla Hahns Uferromantik sehr vertraut vorkommen; aus solchen Quellen speist sich auch die Wirkung von Figuren, die eigentlich klischeehafte Züge haben wie der erzählselige, gutmütige Großvater neben der geradezu puritanisch katholischen Großmutter. Keine Frage: Ulla Hahn erzählt einigermaßen stimmig, was Atmosphäre und Details dieser eisernen Jahre angeht (auch wenn die Mundharmonika-Firma nur so ähnlich heißt wie "Hohners"); der Blick, den die in Monheim und Leverkusen aufgewachsene Frau zurück wirft, ist nicht von den Tränen der Rührseligkeit getrübt; ihr Stil folgt dem rheinischen Realismus Heinrich Bölls. Und immerhin stimmt die 55-jährige gelernte Germanistin eine schöne alte Melodie an, die aus Eichendorffs "Schläft ein Lied in allen Dingen" seit anderthalb Jahrhunderten ungehindert, ohne Umwege mitten ins deutsche Herz weht - "triffst Du nur das Zauberwort". Da ist es allerdings auch kein Wunder, dass man unwillkürlich an den "Taugenichts" denkt, den großen Roman des Lyrikers Eichendorff - einer von vielen Romanen, die sich ungleich vielschichtiger als "Das verborgene Wort" ausnehmen. Zumal das Thema der schmerzensreichen Emanzipation von Unterschicht-Kindern durch Bildung eine Erzähltradition hat, die bis zum brutal-realistischen "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz zurückreicht. In dieser Ahnenreihe fällt erst recht auf, dass Ulla Hahns Memoiren-Roman vor allem in seiner Geradlinigkeit, in der schieren Ungebrochenheit einer Heldinnen-Perspektive nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist. Das biedere Strickmuster des Erzählens wirkt im digitalen Zeitalter rührend altmodisch. Vor allem aber kann es den widersprüchlichen, hochkomplexen Problemlagen, wie sie die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts durchzogen, allenfalls an der Oberfläche gerecht werden. Insofern war es tatsächlich an der Zeit, den genuin literarischen Stellenwert des Buches ein wenig tiefer zu hängen. Dass die Leser trotzdem drauf fliegen, hängt wohl damit zusammen, dass sie im Panorama der rheinischen Nachkriegszeit auch die bayerische und die pfälzische und die badische und die hessische wiedererkennen. Provinz war schließlich da, wo Platt gesprochen wurde, und das war fast überall. Da macht sich auch ein Marcel Reich-Ranicki nur lächerlich, wenn er Mundart-Passagen als Schwäche des Romans anführt. Wenn das Wort mächtig wird

Und dass die Kritiker trotzdem drauf fliegen, hängt ganz sicher damit zusammen, dass sie in der Wortmächtigwerdung der Hildegard Palm so viel vom eigenen Werdegang wiedererkennen. Sie wissen, dass sie der Sprache ihre Karrieren, ihr Gehalt und ihr Ansehen zu verdanken haben. Nur einer will das nicht so recht wahrhaben. Der hat alles nur einem zu verdanken. Bei beiden handelt es sich übrigens um dieselbe Person - raten Sie mal.

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