DAS und
andere Gedichte.
Gedichte von Czeslaw
Milosz (2004, Hanser - Übertragung Doreen Daume).
Besprechung von Jan
Wagner in der Frankfurter Rundschau, 14.7.2004:
Wozu sich noch groß zieren
Schlafzimmer, Schlachtfelder, nimmermüde
Triebe: Jüngste und ältere Werke von Czeslaw Milosz
Über ein halbes Jahrhundert schon schreibt
Czeslaw Milosz seine Gedichte, doch dabei abzuwarten, "bis das Alter den
Tragödien die Bedeutung nimmt", war nie seine Sache: Vielmehr trug er, in
den Worten Seamus Heaneys,
mit seinem Werk zur "Richtigstellung der Poesie" gegenüber dem
Ungleichgewicht der Dinge bei. Älter ist er natürlich dennoch geworden und hat
somit ein weiteres Thema hinzugewonnen, dem er sich in seinen jüngsten
Gedichten mit einer Mischung aus Koketterie und Resignation widmet. Exemplarisch
für diese charmante Art der Altersdichtung ist etwa das kurze, aus drei
gereimten Couplets bestehende Gedicht "Über achtzig": "Bald ist
Schluss mit dem Paradieren,/ Was soll's, wozu sich noch groß zieren.// Ob man
mich an-, ob auszieht, ob man sich zuletzt/ An biographischen Details ergötzt.//
Was kümmert es den ausgestopften Bär,/ Ob jemand Fotos von ihm macht, und
wer?"
Dieses und weitere neue Gedichte des polnischen Literaturnobelpreisträgers, die
vor vier Jahren in Krakau publiziert wurden, liegen nun in deutscher Übersetzung
vor. Ergänzt wird die Sammlung durch eine Reihe älterer, teils schon mehrfach
übertragener und veröffentlichter Gedichte, darunter so bekannte wie
"Campo de' Fiori" und "Ein armer Christ schaut auf das
Ghetto". Auch Gelegenheits- und Gebrauchslyrik findet sich, etwa eine
Polemik gegen den englischen Lyriker Philip
Larkin, eine in Verse gebrachte Bitte um Verzeihung an Robert Lowell oder
eine Geburtstagsadresse an Johannes Paul II. Selbst einige Prosastücke sind
enthalten. Dieses Konzept einer alle Schaffensphasen berücksichtigenden,
wenngleich stark ausgedünnten Werkschau lädt den Leser zum Vergleichen ein -
um dabei vielleicht festzustellen, dass frühe wie späte Gedichte zwischen
Engagement und Innerlichkeit changieren, dass die Liebe zum sinnlichen Detail
und die Betrachtung des großen Entwurfs, der übergreifenden politischen und
sozialen Zusammenhänge einander keineswegs ausschließen.
Der vorherrschende Tonfall ist dabei ein ironischer, ein selbstironischer zumal.
Der geschärfte Blick des Autors ruht auf der eigenen Person, wenn er die Rollen
betrachtet, in die er schlüpfte oder die er, der 1951 seine Heimat verließ und
im Westen blieb, anzunehmen gezwungen war. Die des Dieners und die des Wanderers
gehören dazu, aber auch die des professionellen Voyeurs, der angesichts junger
Weiblichkeit an einem Großflughafen freimütig seine "pornographischen Träume"
eingesteht, um diese sogleich in ein großes Thema zu überführen. Halb
melancholisch, halb augenzwinkernd reflektiert Milosz das Dilemma des
unverminderten Sehnens und jung gebliebenen Begehrens im gealterten Körper:
"Ich kann nichts dafür, dass wir nun einmal so gebaut sind: Zur einen Hälfte
aus selbstloser Kontemplation, zur anderen - aus Appetit.// Wenn ich gestorben
bin und in den Himmel komme, muss es dort sein wie hier, nur ohne meine dumpfen
Triebe und ohne meine schwerfälligen Knochen."
Doch das Bestiarium, über das Milosz in seinen Gedichten verfügt, ist von
Vielfalt geprägt, und so findet sich neben der Last des Körpers und der Lust
an jenem "pelzigen Tierchen, das sich nicht zähmen lässt" auch
"die zusammengerollte Giftschlange der Schuld". Eine Bilanz der
eigenen Existenz zieht das Titelgedicht "Das", das zugleich
poetologisch zu lesen ist: "Könnte ich doch endlich sagen, was in mir
sitzt!/ Herausschreien: Ich habe euch belogen, Leute,/ Als ich immer wieder
sagte, DAS sei nicht in mir,/ Wo es doch ständig da ist, Tag und Nacht./ Wo ich
doch gerade ihm verdanke,/ Dass ich eure Städte, leichtentzündlich wie sie
sind, beschreiben konnte,/ Eure kurzen Liebschaften und Vergnügungen, die zu
Staub verfallen,/ Ohrringe, Spiegel, einen verrutschten Träger,/ Die
Schlafzimmer, die Schlachtfelder - und darin die Szenen". Es ist dem Leser
überlassen, DAS als Grundlage seines Schreibens zu begreifen oder mit
eigenen Worten zu definieren. Mit Sicherheit aber schließt es das Gegenteil
dessen ein, was Milosz in seiner Nobelpreisrede von 1980 als "Gedächtnisverweigerung"
bezeichnete. In einer Reihe von Vergleichen nähert sich Milosz dem Wesen von DAS
an; unter anderem ähnele es, schreibt er, einem Königssohn, der die
Geborgenheit
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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